Massaker in Nordirland Britische Regierung entschädigt Opfer des "Bloody Sunday"

Der "Bloody Sunday" war ein Wendepunkt im nordirischen Bürgerkrieg. Fast 40 Jahre nach dem Massaker britischer Soldaten an unbewaffneten Demonstranten will die britische Regierung nun eine Entschädigung zahlen. Es könnte ein teurer Präzedenzfall werden.

Opfer des "Bloody Sunday" in Derry: "Es war weder gerechtfertigt - noch zu rechtfertigen."
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Opfer des "Bloody Sunday" in Derry: "Es war weder gerechtfertigt - noch zu rechtfertigen."


Die Reue kommt spät: Vier Jahrzehnte nach dem "Blut-Sonntag" in der nordirischen Stadt Derry hat sich die britische Regierung bereit erklärt, den überlebenden Familienangehörigen eine Entschädigung zu zahlen. Man stehe in Kontakt mit den Familien und deren Anwälten und werde allen juristischen Verpflichtungen nachkommen, teilte das Verteidigungsministerium am Donnerstag mit. Über die Höhe der Zahlungen wurde zunächst nichts bekannt.

"Wir verstehen den Schmerz, den diese Familien seit fast 40 Jahren spüren und räumen ein, dass die Mitglieder der Armee falsch gehandelt haben", sagte ein Sprecher des Ministeriums. "Das tut der Regierung zutiefst leid."

13 katholische Demonstranten waren am 30. Januar 1972 von britischen Fallschirmjägern im Stadtviertel Bogside in Derry erschossen worden. Ein vierzehnter erlag einige Monate später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Es war das größte von der Regierung sanktionierte Massaker an den eigenen Bürgern im 20. Jahrhundert.

Eine von der Regierung eingesetzte Wahrheitskommission war im Juni 2010 nach einer 12-jährigen Untersuchung zu dem Schluss gekommen, dass die Armee zuerst und ohne Provokation auf die Demonstranten geschossen habe. Premierminister David Cameron hatte sich daraufhin öffentlich für den "Bloody Sunday" entschuldigt. Was an jenem Sonntag passiert sei, war "falsch", sagte er im Unterhaus. "Es war weder gerechtfertigt - noch zu rechtfertigen."

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Bloody Sunday: Der Tag, der Nordirland veränderte
"Abstoßender" Gedanke

Über Jahrzehnte hinweg hatten die Soldaten behauptet, sie seien angegriffen worden und hätten nur aus Notwehr gehandelt. Ein erster Untersuchungsbericht im Jahr 1972 stützte diese Sicht, um die Soldaten von dem Vorwurf des Mordes reinzuwaschen. Dies wurde in der minutiösen Rekonstruktion der Ereignisse durch die Wahrheitskommission jedoch als Lüge entlarvt. Auf 5000 Seiten wurden schwere Vorwürfe gegen die Armee und die Regierung erhoben.

Die Entscheidung, die Angehörigen der Opfer zu entschädigen, ist nun eine logische Folge des Berichts. Sie dürfte das Verteidigungsministerium dennoch einige Überwindung gekostet haben. Denn sie könnte einen teuren Präzedenzfall setzen. Cameron habe mit seiner Entschuldigung die "Büchse der Pandora" geöffnet, sagte der Unterhausabgeordnete für East Londonderry, Gregory Campbell. Die 14 Toten von Derry sind schließlich nicht die einzigen Opfer des nordirischen Bürgerkriegs. Andere Angehörige könnten sich nun ermutigt fühlen, ebenfalls die Regierung zu verklagen.

Auch die Opfer der katholischen Terror-Organisation IRA drängen auf Entschädigung - allerdings von einer anderen Regierung. Sie machen den früheren libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi für seine logistische Unterstützung der IRA verantwortlich. Laut "Guardian" wird erwartet, dass die neue libysche Regierung die IRA-Opfer entschädigen wird.

Nicht alle der Derry-Familien sind glücklich über die Entschädigungszahlungen der Regierung. Mehrere Angehörige wollen kein Geld annehmen, solange keiner der Soldaten verurteilt ist. Kate und Linda Nash, Schwestern des damals getöteten 19-jährigen William Nash, sagten der BBC: "Unter keinen Umständen werden wir Geld für den Tod unseres Bruders annehmen." Der Gedanke sei "abstoßend".

Mit Material von dpa

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Gandhi, 22.09.2011
1. Lieber spaet als nie
Zitat von sysopDer "Bloody Sunday" war ein Wendepunkt im nordirischen Bürgerkrieg. Fast 40 Jahre nach dem Massaker britischer Soldaten an unbewaffneten Demonstranten will die britische Regierung nun eine Entschädigung zahlen. Es könnte ein teurer Präzedenzfall werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,787861,00.html
Doch da sich die Verantwortlichen so lange Zeit gelassen haben, sollte dies auch seinen Niederschlag beim Bemessen der Entschaedigung finden. In den verstrichenen 40 Jahren haetten die Ermordeten wie viel Geld fuer ihre Familien verdienen koennen? Die Entschaedigung sollte auch beruecksichtigen, dass die Briten lange versucht hatten, die Mordtat zu verschleiern, den Ermordeten die Schuld in die Schuhe zu schieben.
debe, 22.09.2011
2. ...
Ist eigentlich irgend einer der Mörder schon verurteilt worden?
KuschKusch, 22.09.2011
3.
Zitat von debeIst eigentlich irgend einer der Mörder schon verurteilt worden?
Haben Sie den Artikel schon gelesen?
bloub 22.09.2011
4. natürlich nicht
Zitat von debeIst eigentlich irgend einer der Mörder schon verurteilt worden?
die "mörder" wurden hinterher von der queen höchstpersönlich diverse orden verliehen für ihren tapferen einsatz. da kann man die schlecht verurteilen, da stände die queen schliesslichim ganz schlechten lichte da.
erwin777sti 22.09.2011
5. 2. Hut ab vor David Cameron, 1. strafrechtl.Prozess gg. Verantwortliche nötig !
Zitat von sysopDer "Bloody Sunday" war ein Wendepunkt im nordirischen Bürgerkrieg. Fast 40 Jahre nach dem Massaker britischer Soldaten an unbewaffneten Demonstranten will die britische Regierung nun eine Entschädigung zahlen. Es könnte ein teurer Präzedenzfall werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,787861,00.html
vorne weg mein ehrlichstes Mitgefühl an die Betroffenen. ich finde es super, dass David Cameron schlussendlich der Vertuschung ein Ende gemacht hat. Warum hat der zum Katholizismus konvertierte Tony Blair oder Gordon Braun das nicht geschafft ? sie sollten nochmals abgewählt werden. "shame over the Labours !" es wäre schön, wenn der Fall jetzt auch noch vor einem Militärgericht aufgerollt würde, um zu demonstrieren, dass es keine rechtsfreien Räume gibt, auch nicht für blindwütige Militär-Heinis.
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