Massaker von Srebrenica Entschuldigung nach Jahren des Leugnens

Die Aussöhnung zwischen den einst verfeindeten Kriegsparteien auf dem Balkan kommt nur langsam voran. Neun Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton entschuldigten sich jetzt die bosnischen Serben für das Massaker von Srebrenica - fast 8000 Menschen wurden damals ermordet. Die Kriegsverbrecher sind noch immer auf freiem Fuß.

Aus Sarajevo berichtet Marion Kraske


Massengrab bei Srebrenica: Das Massaker wurde zum Inbegriff der Brutalität des Balkankrieges
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Massengrab bei Srebrenica: Das Massaker wurde zum Inbegriff der Brutalität des Balkankrieges

Sarajevo - Es hat lange gedauert, zu lange. Mehr als neun Jahre haben die Serben in Bosnien geschwiegen, negiert, herumlaviert. Immer wieder mussten der Hohe Repräsentant, von der Internationalen Gemeinschaft eingesetzt, um das Quasi-Protektorat des Westens zu regieren, mahnen, Druck machen. Jetzt endlich ist ein wichtiger Erfolg zu verzeichnen: Die politischen Verantwortlichen in der Republika Srpska (RS), dem serbischen Teil Bosniens, haben sich entschuldigt. Bei den Hinterbliebenen der Opfer jenes Massakers, das zum Inbegriff der Brutalität des Balkankrieges avancierte: dem Massenmord von Srebrenica.

Vom 10. bis 19. Juli 1995 wurden in dem kleinen Ort im östlichen Teil Bosniens Tausende Bosnjaken ermordet, die meisten von ihnen Männer. Ihre Frauen und Kinder waren zuvor gewaltsam von ihnen getrennt worden.

Die Regierung der RS habe Mitleid mit den Familienangehörigen, die bei der Operation ums Leben kamen, heißt es nun in der offiziellen Erklärung aus Banja Luka. Die Entschuldigung folgte auf einen Bericht der Kommission zur Aufarbeitung des Srebrenica-Massakers, der kürzlich von Seiten der bosnisch-serbischen Regierung an die Verantwortlichen in Sarajevo übergeben wurde, aber noch nicht veröffentlicht ist.

Einzelheiten sind indes bereits bekannt: Nachdem die Serben jahrelang die Mär aufrecht erhielten, in Srebrenica sei es ausschließlich zu normalen Kampfhandlungen gekommen, bei denen lediglich einige hundert Muslime getötet worden seien, werden nun erstmals konkrete Zahlen genannt. 7800 Tote - die schreckliche Bilanz eines Völkermordes.

"Dramatische Kehrtwendung"

Von internationaler Seite wird die Entschuldigung der Serben als Meilenstein gefeiert. Bernard Fassier, Vertreter des Hohen Repräsentanten Paddy Ashdown, erklärte, bislang habe sich die Srpska Republika durch "Leugnung, Vernebelung und Verheimlichung" hervorgetan, nun habe sie eine "dramatische Kehrtwende" vollzogen. Auch Vertreter der Europäischen Union beeilten sich, die "tapfere Arbeit" der Kommission und ihre lobenswerten Ergebnisse hervorzuheben.

In der Tat ist der serbische Sinneswandel ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Versöhnung der drei ehemaligen Kriegsparteien. Denn die ist noch weit, zu tief sind die Narben, zu gering das Verständnis für die Leiden der jeweils anderen Gruppe - und für die eigene Schuld. Serben, Kroaten und Muslime sehen auch heute noch vieles durch die ethnisch-gefärbte Brille.

Radovan Karadzic: Immer wieder entwischt
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Radovan Karadzic: Immer wieder entwischt

Trotz des Fortschrittes ist eines sicher: Die serbische Entschuldigung geschah nicht freiwillig. Ohne den stets erhobenen Zeigefinger des Hohen Repräsentanten und seinen zahlreichen Strafaktionen wäre das nun bekundete Mitleid wohl niemals geäußert worden. Erst vor zwei Jahren hatte Ashdown einen ersten Bericht der Serben voller Empörung zurückgewiesen; das Jugoslawien-Tribunal in Den Haag sprach damals von einem "abscheulichen" Versuch, die Zahl der Opfer von Srebrenica zu relativieren.

Auch auf anderen Gebieten ist der Pfad der Versöhnung mühsam. Grundlegende Reformen mussten in den vergangenen Jahren durch den Hohen Repräsentanten immer wieder per Dekret durchgedrückt werden, weil sich die Politiker der drei ethnischen Gruppen nicht auf Kompromisse einigen konnten. Politische Normalität - in dem rund vier-Millionen-Einwohner zählenden Ministaat sucht man sie bislang vergeblich.

Gewitterwolken über Bosnien

Einer der wichtigsten Gründe für die anhaltende Agonie in dem Balkanland ist die vergebliche Suche nach Kriegsverbrechern wir Ratko Mladic - unter seinem Kommando wurden die Muslime in Srebrenica ermordet - und dem vom Westen noch dringlicher gesuchten Radovan Karadzic. Beide hängen wie eine "Gewitterwolke über dem Land", klagte der ehemalige Hohe Repräsentant und Ashdown-Vorgänger Wolfgang Petritsch schon vor einigen Jahren. Daran hat sich auch im Jahre neun nach Kriegsende nichts geändert.

Immer wieder müssen sich die internationalen Sfor-Truppen harsche Kritik aus Den Haag gefallen lassen. Chefanklägerin Carla del Ponte übersendet in schöner Regelmäßigkeit geharnischte Briefe, sie wolle endlich Ergebnisse und Karadzic und Co hinter Gittern sehen.

Je länger die vergebliche Suche der internationalen Friedenstruppe Sfor nach dem ehemaligen Serbenführer Karadzic andauert, desto peinlicher wird sie für die internationalen Akteure. Jegliche Versuche, ihn zu fassen, scheiterten bislang - auch ein Kopfgeld in Höhe von fünf Millionen Dollar konnte daran nichts ändern.

Trotz allgemeiner Beteuerungen, der Flüchtige werde noch vor Übernahme des Bosnien-Mandates durch die EU bis Ende des Jahres gefasst, überwiegt selbst bei westlichen Diplomaten inzwischen Ernüchterung. "Natürlich", so die frappierend offene Aussage eines ranghohen Vertreters der Internationalen Gemeinschaft, habe man Karadzic auch bei der letzten größeren Operation wieder einmal nicht erwischt.

Karadzic, der Held

Die nackten Zahlen sprechen freilich gegen eine Festnahme: Wenn die Friedenstruppen den Gesuchten mit anfänglich rund 60.000 Mann nicht fassen konnten, wieso sollte es jetzt mit einer bis auf knapp 7000 Mann stark dezimierten Truppe gelingen?

Die Behörden der Republika Srpska haben seit Kriegsende jedenfalls nicht einen einizgen Kriegsverbrecher ausgeliefert. Von der Mehrheit der Serben wird Karadzic noch immer als Held verehrt - Srebrenica-Entschuldigung hin oder her. Zudem ist es kein Geheimnis, dass Karadzic auch in den Reihen der serbischen Polizei noch immer auf willfähige Unterstützer bauen kann. Geheime Informationen über geplante Zugriffe, so westliche Experten, werden augenscheinlich fröhlich ausgeplaudert. Bei nächtlichen Operationen erscheinen dann neben den zuständigen Spezialeinheiten schon mal heimische Kamerateams, um das Spektakel zu filmen.

Dass sein Unterstützernetzwerk bis vor wenigen Wochen noch weitestgehend intakt war, zeigte sich im Sommer, als Paddy Ashdown kraft seines Amtes mehr als drei Dutzend serbische Funktionsträger aus ihren Ämtern entfernen ließ. Die Entlassungen, so die Begründung, hätten ein "Klima der Geheimhaltung, Einschüchterung und Straflosigkeit" verbreitet.

In dieser Woche wagt Ashdown einen neuen Vorstoß: Der Bosnien-Verwalter ließ eine Bank schließen. Ihr Direktor Momcilo Mandic und seine Komplizen, so die Begründung, hätten öffentliche Gelder in die eigene Tasche gesteckt - und damit flüchtigen Kriegsverbrechern geholfen, sich der internationalen Justiz zu entziehen.

Seine Flucht nutzt Karadzic derweil, um sich weiter literarisch zu verbreiten. Ende Oktober stellte sein Verleger Miroslav Toholj in Belgrad Karadzics neues Buch vor: "Wundersame Chronik einer Nacht", eine Geschichte über das Sarajevo der achtziger Jahre. Die tausend Exemplare des Mannes, der von sich selber sagt, er sei "Schriftsteller, kein Monster", waren in kürzester Zeit vergriffen.



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