20 Jahre Massaker von Srebrenica Das Misstrauen bleibt

Der Völkermord auf dem Balkan ist nicht vergessen: Auch 20 Jahre nach dem Massaker in Srebrenica prägen Misstrauen und Hass das Verhältnis zwischen Bosniern, Kroaten und Serben.

DPA

Von


Der Augenzeuge ist zaunlattendürr. Zehn Tage lang war er unterwegs. Zu Fuß, auf der Flucht vor den Mördern im Osten Bosniens. Nun steht er da, vor dem Flüchtlingslager am Flughafen Tuzla: Mevludin Oric, Muslim aus Srebrenica.

Es ist Freitag, der 21. Juli 1995, morgens um sieben. Ein heißer Hochsommertag kündigt sich an, und Oric erzählt von jenem schrecklichen Tag anderthalb Wochen zuvor: wie er mit rund 15.000 anderen Männern und Burschen aus der Uno-Schutzzone Srebrenica floh, nachdem sich die niederländischen Blauhelme dort den Einheiten der bosnischen Serben unter General Ratko Mladic ergeben hatten. Und wie er zwei Tage später, inmitten eines Bergs von Leichen, die Massenerschießungen überlebte.

Was Oric dem SPIEGEL an diesem Morgen zu Protokoll gibt, wird in der Folge zum zentralen Glied einer Kette von Beweisen, die Aufschluss über das schlimmste Verbrechen der europäischen Nachkriegsgeschichte geben: den Mord an mutmaßlich mehr als 8000 männlichen Muslimen. Als Kronzeuge vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag wird Oric seine Aussagen später noch mehrfach wiederholen.

Bis heute, 20 Jahre nach dem Massaker, ist strittig, ob es 8372 Ermordete waren, wie in der fortlaufenden Srebrenica-Statistik vermerkt - oder mehr. Noch immer werden Knochen aus der ostbosnischen Erde gegraben, werden DNA-Proben gezogen und Vermissten-Akten geschlossen. Unstrittig ist immerhin, dass damals im Herzen Europas ein Völkermord begangen wurde. Das Uno-Kriegsverbrechertribunal und der Internationale Gerichtshof haben daran keinen Zweifel gelassen. Nur eine entsprechende Uno-Resolution fehlt.

Dafür gibt es Gründe: Das ex-jugoslawische Bosnien-Herzegowina, ein von muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben und katholischen Kroaten bewohnter Vielvölkerstaat, ist seit eh und je Zankapfel der Groß- und Regionalmächte. In der seit 1995 bestehenden, zerstrittenen Föderation gilt der serbischen Teilrepublik die besondere Fürsorge Moskaus. Russlands Außenminister sperrt sich gegen jede Resolution, die das slawische Brudervolk der Serben des Völkermords bezichtigen würde.

Vergiftetes Terrain wird neu vermessen

Der Kampf um die Deutungshoheit tobt noch immer über das, was damals in und um Srebrenica geschah - gerade jetzt zum 20. Jahrestag. Mevludin Oric' Cousin hat das zu spüren bekommen: Naser Oric war früher Kommandant der bosnischen Truppen im drei Jahre lang eingekesselten Srebrenica und wird von überlebenden Muslimen als Held gefeiert. Am 17. Juni 2015 ist er, von Serbien mit internationalem Haftbefehl gesucht, festgenommen worden - unter dem Verdacht der Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Die Geschichte von Mevludin und seinem Vetter Naser erzählt einiges über dieses zerrissene, leidgeprüfte Land Bosnien-Herzegowina - und über die schwierige Suche nach Antworten. Kommandant Naser steht nicht nur im Verdacht, 1992 schuld am Mord von neun serbischen Zivilisten gewesen zu sein. Zuvor, noch zu jugoslawischer Zeit, soll er als Angehöriger einer Polizei-Sondereinheit an der Unterdrückung der albanischen Bevölkerung im Kosovo beteiligt gewesen sein.

Später diente er dann auch noch als Leibwächter des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic - ausgerechnet. Erst mit Ausbruch des Bosnien-Kriegs im April 1992 schlug er sich auf die Seite seiner muslimischen Glaubensbrüder.

Unablässig wird bis heute im Land zwischen Adriaküste und Drina-Fluss Schuld mit Schuld verrechnet und vergiftetes Terrain neu vermessen. Während die in den Niederlanden inhaftierten mutmaßlichen Drahtzieher des Massakers von Srebrenica, der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und General Ratko Mladic, weiter auf ihren Schuldspruch warten, leidet der Balkan immer noch unter den Folgen des Krieges.

Karadzics einstiger Propaganda-Experte Aleksandar Vucic etwa ist inzwischen serbischer Regierungschef. Eine Woche nach dem Srebrenica-Massenmord rief er noch aus: "Für jeden getöteten Serben bringen wir 100 Muslime um". Amtierender Staatspräsident des EU-Anwärterlandes ist der ehemalige Tschetnik-Führer Tomislav Nikolic. Er ließ noch 2007 verlauten: "Solange ich lebe, soll mir bloß keiner erzählen, dass Radovan Karadzic und Ratko Mladic Verbrecher sind."

Und in Sarajewo? Sitzt als muslimischer Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium der skandalumwitterte Bakir Izetbegovic, Sohn des in den Kriegsjahren amtierenden Präsidenten Alija Izetbegovic.

In unwesentlich veränderter Besetzung werden so die alten, interethnischen Grabenkämpfe aus Kriegszeiten fortgeführt. Das unter Federführung der USA ausgehandelte Dayton-Abkommen von 1995, so sehen es Kritiker, habe die Rivalität zwischen den Volksgruppen auf unselige Weise festgeschrieben.

Bosnien-Herzegowina ist 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica ein Staatswesen im permanenten Belagerungszustand. Darüber kann das am 1. Juni in einem Verzweiflungsakt von der EU bewilligte Stabilitäts- und Assoziierungsabkommen nicht hinwegtäuschen. Der von Sarajewo aus verwaltete schwache Gesamtstaat, bestehend aus zwei zerstrittenen Teilrepubliken, weist eine Arbeitslosenquote von über 40 Prozent aus und einen Durchschnittslohn von 423 Euro. Was gedeiht, sind Schattenwirtschaft und Bürokratie.

Mevludin Oric, der die Massenerschießung seiner Leidensgenossen unweit des Drina-Flusses überlebte, hat sich längst im bosniakisch-kroatischen Teil des Landes niedergelassen. Auf der aus seiner Sicht sicheren Seite. Dort, wo er herkommt, in Srebrenica, haben hingegen zwei Jahrzehnte nach dem Massaker wieder die ethnischen Serben das Sagen.

insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kw16 11.07.2015
1. Brutale Männer mit Gewalt versuchen stets ein Weltbild durchzusetzen.
Verstehen Wieso glauben die Menschen, die Aufgabe zu haben, die Schöpfung so zu ehren, wie es ihr gebührt, wenn sie nie, in der Lage sind, sie zu verstehen? Mein Gedicht aus meiner Kindheid, oder besser, mein kürzestes Programm.
Alacer 11.07.2015
2. Völkermord
8000 Tote und man spricht von Völkermord. Ja, ich weiß, es entspricht der Völkermorddefinition der UN. Wie viele Zivilisten starben eigentlich im Irakkrieg oder durch das vorhergehende Embargo? Meiner Ansicht nach stellt man mit dieser Bezeichnung für ein Kriegsverbrechen die Serben nur für immer und ewig an den Pranger. Ich glaube nicht, dass dies für ein gutes Miteinander auf dem Balkan förderlich ist.
vivare 11.07.2015
3. Vielschichtiger Konflikt
Sie haben bei der Aufzählung der gescheiterten Aussöhnung die Kosovo Albaner vergessen. Ich persönlich finde die Konzentration auf die Serben als "Tätervolk" viel zu eng gegriffen. Kroaten haben ebenfalls ethnische Säuberungen durchgeführt, genauso wie die Kosovo Albaner, nachdem die Nato ihnen die politische Kontrolle völkerrechtswidrig herbeigebombt hatte. Die serbischen Verbrechen sind ebenfalls abscheulich, aber eben keine Singularität in diesem barbarischen Krieg. Auch Deutschlands Rolle is unrühmlich, wenn man bedenkt, dass die völkerrechtswidrige Anerkennung Kroatiens, durch Genscher und Kohl, den Konflikt wohl endgültig befördert hat. Es ist also ein vielschichtiger Konflikt, indem wohl alle Kriegsparteien, inklusive der Nato, eine Mitschuld tragen
denkdochmal 11.07.2015
4. Ich trauere...
um die viele Menschen, die von einer entmenschten Soldateska Serbiens abgeschlachtet wurden. Ich bin empört über die Hilflosigkeit der (niederländischen) "Schutztruppen2, die nicht vermochten entweder selbst - oder mit Unterstützung - diese Massaker zu vereiteln. Besonders tut sich der "lupenreine Demokrat"* hervor, der es wagt, sich in der UNO gegen eine Mißbilligung dieser größten genoziden Untat seit dem 2. WK auszusprechen. U. A. dieser Bericht sollte den "Friedensengeln" in deutschen Foren klar machen, welchen ungeheuerlichen Schwachsinn sie absondern, wenn sie von einem "Angriffskrieg" der Bundesluftwaffe und der NATO-Truppen gegen diese Unmenschen schwafeln... * Lt. ehemaligem Kanzlerdarsteller und heutigen Gasprom-Vertreter sowie sPD Mitglied
hubertrudnick1 11.07.2015
5. Der Mensch ist das bösartigste Tier auf Erden
Zitat von kw16Verstehen Wieso glauben die Menschen, die Aufgabe zu haben, die Schöpfung so zu ehren, wie es ihr gebührt, wenn sie nie, in der Lage sind, sie zu verstehen? Mein Gedicht aus meiner Kindheid, oder besser, mein kürzestes Programm.
Leider kann so etwas immer wieder mal vorkommen, der Menschen ist zu allem fähig, wenn es um seine Machtausübung geht, dann kann es zu allen schlimmen Dingen kommen, wir haben nichts aus der Geschichte gelernt, oder sagen wir mal, wir können uns einfach nicht selbst beherrschen. Und die heutige Zeit zeigt es uns sehr deutlich, dass es auch in anderen Teilen der Welt nicht anders zugeht, man versucht mit brutaler Gewalt seine Macht zu erobern und der Mensch spielt dabei kaum eine Rolle, nur schlimm ist es, dass zivilisierten Menschen da ständig bei mitmachen, sie scheinen ihren Verstand und Gewissen außerhalb zu parken und gehen dann über Leichen. Es ist egal welcher Religion und gesellschaftlichem System einer angehört, in bestimmten Situationen begeht er Dinge, wo man glaubt, dass man so was schon lasnge überwunden hat, auch in der Zukunft werden wir solche schlimmen Sachen immer wieder erleben müssen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.