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15. Juli 2012, 07:31 Uhr

Angriff auf Tremseh

Westerwelle gibt Assad-Regime Schuld an Tötungen

Mehr als 200 Menschen sollen im syrischen Tremseh ermordet worden sein, laut Uno galt der Angriff gezielt Oppositionellen und Überläufern. Deutschlands Außenminister weist Machthaber Assad die Schuld zu. Der führe Krieg gegen das eigene Volk, der Sicherheitsrat müsse ihm nun endlich Grenzen aufzeigen.

Damaskus - Der Angriff auf das syrische Tremseh galt nach Angaben von Uno-Beobachtern desertierten Soldaten und Regierungsgegnern. Dabei seien Artillerie und Mörser zum Einsatz gekommen, erklärte ein Sprecher, nachdem sich die Beobachter vor Ort ein Bild der Lage gemacht hatten.

Es seien zerstörte Häuser und eine abgebrannte Schule zu sehen gewesen. Die Zahl der Toten, von Oppositionellen zwischen 100 und 220 angeben, sei unklar. Die Beobachter wollen am Sonntag in den Ort zurückkehren.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) macht das Regime des Präsidenten Baschar al-Assad für das mutmaßliche Massaker in Tremseh verantwortlich. "Das Assad-Regime setzt schwere Waffen wie Hubschrauber, Geschütze und Panzer für grausame Gewalt, für einen regelrechten Krieg gegen das eigene Volk ein. Das ist unsere klare Erkenntnis aus den Berichten über die Geschehnisse von Tremseh", sagte er der "Bild am Sonntag".

Nun sei der Moment gekommen, an dem der Sicherheitsrat dem Assad-Regime endlich seine Grenzen aufzeigen müsse und Sanktionen verhängen solle, wenn Assad sich weiter weigere, seine schweren Waffen aus den Städten und Dörfern Syriens abzuziehen, sagte Westerwelle dem Blatt.

Die Regierung in Damaskus bestreitet die Darstellung der Opposition, ein Massaker in dem Dorf verübt zu haben. Bei dem Angriff habe es sich um einen Sondereinsatz bewaffneter Streitkräfte gehandelt, der sich gegen Mitglieder einer terroristischen Gruppe gerichtet habe, berichtete die staatliche Agentur Sana.

Blutgetränkte Kleidung, Überreste von Granaten

Die Uno-Beobachter berichteten, in Tremseh seien viele der Opfer hingerichtet und 17 Menschen auf der Flucht getötet worden, darunter Frauen und Kinder. Die Aufständischen seien mit Artillerie, Mörsern und leichten Waffen beschossen worden. Vor Ort fanden die Beobachter Blutlachen und Patronenhülsen. Bislang wurde festgestellt, dass es in einer Schule und in fünf Häusern gebrannt habe.

Auf Bildern und in Videos im Internet waren zuvor Uno-Fahrzeuge nahe Tremseh zu sehen, die von Menschen umringt wurden. Diese zeigten den Beobachtern blutgetränkte Kleidung und Überreste von Granaten.

Das mutmaßliche Massaker in Tremseh, bei dem nach Angaben von Aktivisten bis zu 200 Menschen getötet worden sein sollen, hat weltweit Entsetzen ausgelöst und die Diskussion über ein Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft angeheizt. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon warnte, sollte die Staatengemeinschaft jetzt nicht handeln, käme dies einer "Lizenz für weitere Massaker" gleich.

Nach Angaben syrischer Aktivisten beschoss die Armee Tremseh erst mit Artillerie und schickte dann Truppen in den Ort. Die Soldaten hätten Kämpfer der Opposition erschossen und Zivilisten ermordet. Die meisten der 7000 Einwohner des nun zerstörten Dorfes hätten mit der Opposition sympathisiert. Wenn die Angaben der syrischen Regimegegner stimmen, ist das Massaker von Tremseh das schlimmste seit Beginn des Aufstands gegen das Regime von Machthaber Baschar al-Assad im März 2011.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Assads Regierung scharf angegriffen und das mutmaßliche Massaker in Tremseh mit versuchtem "Völkermord" gleichgesetzt. Derartige Gewalttaten seien "die Spuren eines Regimes, das vor dem Ende steht", sagte Erdogan am Samstag.

Neue Gefechte in Homs und Hama

Trotz der internationalen Proteste ging die Gewalt in Syrien auch am Wochenende unvermindert weiter. In der Rebellenhochburg Homs töteten Regierungstruppen am Samstag nach Angaben von Aktivisten mindestens 19 Menschen, darunter eine schwangere Frau. In der Unruheprovinz Daraa hätten Hunderte Soldaten, begleitet von Kampfhubschraubern und gepanzerten Fahrzeugen, die Rebellenhochburg Khirbet Ghasaleh angegriffen.

Auch aus Hama wurden Explosionen und Feuergefechte gemeldet. Mindestens zwölf Menschen starben, als eine Autobombe im Distrikt al-Karameh detonierte. Insgesamt wurden laut der Opposition am Samstag 56 Menschen getötet.

Neue Berichte über mutmaßliche Transporte von Chemiewaffen in Rebellenhochburgen alarmierten Beobachter. Der britische Sender Sky News meldete unter Berufung auf britische Geheimdienstmitarbeiter, syrische Streitkräfte hätten Chemiewaffen nach Homs transportiert, das zu weiten Teilen von Rebellen kontrolliert wird. Syrien besitze größere Mengen des Nervenkampfstoffs Sarin und Senfgas.

Nach Angaben einer hochrangigen Mitarbeiterin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International ist die Regierung in erster Linie verantwortlich für die ausufernde Gewalt. Doch auch für Menschenrechtsverletzungen durch Rebellen lägen Beweise vor, sagte Donatella Rovera, die kürzlich für Amnesty mehrere Wochen in Syrien verbrachte. So hätten einzelne Aufständische Soldaten gefangengenommen, geschlagen und getötet. Im Vergleich zum gewaltsamen Vorgehen der Regierungstruppen verblassten die Verstöße allerdings, betonte Rovera.

Assads Soldaten hätten ganze Dörfer angegriffen, um den sich ausbreitenden Aufstand zu unterdrücken. Berichte deuteten daraufhin, dass Assad-treue Kämpfer in einigen Fällen Kliniken und Häuser in Brand gesetzt hätten, um Rebellen aufzustöbern. Zunehmend griffen sie auch unbewaffnete Zivilisten an, darunter Ärzte und Krankenschwestern, die verletzte Rebellen behandelten, die nicht in Krankenhäusern aufgenommen worden seien. So seien drei medizinische Assistenten kürzlich festgenommen worden. "Nach einer Woche wurden ihre Leichen mit eindeutigen Folterspuren gefunden. Ihre Nägel waren herausgerissen, ihr Zähne fehlten, ... und die Leichen waren angezündet worden. Damit sollte eine klare Botschaft gesendet werden, dass es keine gute Idee ist, bei solchen humanitären Aufgaben mitzumachen."

Die Annahme eines von mehreren westlichen Staaten im Weltsicherheitsrat eingebrachten Resolutionsentwurfs zu Syrien scheitert bislang am Widerstand Russlands. Moskau lehnt eine Resolution nach Kapitel VII der Uno-Charta strikt ab. Dieses sieht für den äußersten Fall auch eine militärische Durchsetzung vor.

pad/dapd/AFP/dpa

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