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28. August 2010, 20:20 Uhr

Massendemo für Ehre und Glauben

US-Rechte mobilisieren Tausende gegen Obama

Es ist eine Provokation für das liberale Amerika: In Washington haben sich Tausende Ultra-Konservative versammelt, ausgerechnet am Jahrestag der "I Have a Dream"-Rede Martin Luther Kings. Die Hardliner demonstrieren gegen Präsident Obama - und für die "Ehre" der Nation.

Washington - Amerikas Rechte demonstrieren eindrucksvoll ihre Macht: Zwei Monate vor den Kongresswahlen haben Ultra-Konservative mehrere tausend Demonstranten gegen Präsident Barack Obama mobilisiert. Sie trafen sich am Samstag vor dem Lincoln Memorial in Washington, um gegen den angeblichen Werteverfall, das politische Establishment und gegen "big government" - zu viel staatlichen Einfluss - zu demonstrieren.

"Wir müssen Amerika wiederherstellen, wir müssen die Ehre Amerikas wiederherstellen", rief Sarah Palin, die ehemalige Vize-Präsidentschaftskandidatin der Republikaner, vor jubelnden Anhängern.

Organisator der Veranstaltung ist der ultra-konservative TV-Moderator Glenn Beck. Die Demonstration gilt als Beleg für die Stärke der rechten "Tea-Party-Bewegung", die seit über einem Jahr gegen die Regierung in Washington zu Felde zieht. Zum Auftakt der Kundgebung sagte Beck: "Heute beginnt Amerika damit, sich wieder Gott zuzuwenden." Die Vereinigten Staaten seien zu lange "durch die Dunkelheit gewandert". Die Menge skandierte immer wieder "USA, USA". Die Veranstalter hatten 100.000 Teilnehmer erwartet.

Kampf für "amerikanische Werte"

Für liberale Amerikaner ist die Massendemonstration eine Provokation. Denn sie findet ausgerechnet an jenem Ort statt, an dem auf den Tag genau vor 47 Jahren der später ermordete schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King seine berühmte "I Have a Dream"-Rede gehalten hat. In der Rede sprach sich King für eine Gesellschaft ohne Rassenschranken aus. Bürgerrechtler kritisierten denn auch die Wahl des symbolträchtigen Ortes im Herzen Washingtons. Dass sich Amerikas Rechte hier versammeln, ist für sie ein Affront.

Organisator Beck erklärte, die Überschneidung seiner Veranstaltung mit dem 47. Jahrestag von Kings Rede sei nicht geplant gewesen. Es sei wohl eine "göttliche Vorsehung" gewesen. Zudem handele es sich in Wahrheit nicht um eine politische Veranstaltung. Das Motto der Demo heiße "Restoring Honor" (Die Ehre wiederherstellen). Es gehe darum, die US-Truppen zu unterstützen sowie die traditionellen "amerikanischen Werte" und Gottesglaube wieder zur Geltung zu bringen.

Der Demo-Veranstalter behauptet: "Obama hasst Weiße"

Dies geht so weit, dass sich Beck selbst als Erbe Martin Luther Kings bezeichnet. Mit der Kundgebung an diesem Samstag wolle er die nach seinen Worten "deformierte und auf den Kopf gestellte" Bürgerrechtsbewegung wieder auf die Füße stellen. Für Kings tatsächliche Mitstreiter ist dies eine unerträgliche Vereinnahmung: Schließlich war es gerade das konservative Amerika, das sich in den sechziger Jahren gegen die Bürgerrechtsbewegung gestellt hatte.

Auch Sarah Palin nahm in ihrer Rede Bezug auf die legendär gewordene Massendemonstration vor 47 Jahren: Sie "spüre den Geist Martin Luther Kings", sagte Palin.

Der prominente Bürgerrechtsaktivist Reverend Al Sharpton stellte klar, dass es keine inhaltliche Übereinstimmung zwischen der "I Have a Dream"-Rede und Becks Botschaft gebe. "Sie veranstalten eine Anti-Regierungsdemo just an dem Tag, als King die Regierung aufforderte, mehr zu tun", sagte Sharpton. Er plante für Samstag eine eigene Demonstration mit dem Titel "Reclaim the Dream" (Rückbesinnung auf den Traum), die ebenfalls zum Lincoln Memorial führen soll.

Auch Kings Sohn, Martin Luther King III., sieht Becks Veranstaltung nicht in der Tradition seines Vaters. In einem Zeitungsartikel schrieb er: "Mein Vater verteidigte das Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber der Traum meines Vater schloss hasserfüllte Rhetorik genauso aus wie jede Form von Intoleranz und Diskriminierung aufgrund von Rasse, Glaube, Herkunft, sexueller Ausrichtung oder politischer Überzeugung." Damit zielte Martin Luther King III. direkt auf die Ultra-Konservativen.

In seinen Fernseh- und Radiosendungen propagiert Beck einen "auf christlichem Glauben basierenden Patriotismus". Dabei geht er besonders auf verbitterte Konservative und Anhänger der Tea-Party-Bewegung sowie deren Frust über die Regierung Obama ein. Der Präsident, so deutet Beck stets an, sei ein Sozialist, der wolle, dass sich der Staat überall einmische. Außerdem unterstellte er dem ersten schwarzen US-Präsidenten einen "tiefsitzenden Hass auf Weiße" und nannte ihn einen Rassisten.

wal/dpa/apn

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