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Tunesien: Erfolgreicher Aufstand gegen Ben Ali

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Massendemo gegen Ben Ali Tausende drängen Tunesiens Herrscher zu Rücktritt

Erst waren es Hunderte, dann mehrere Tausend: Eine große Menge aufgebrachter Tunesier hat sich in der Hauptstadt des Landes versammelt und fordert den Rücktritt des Staatschefs Ben Ali. Der hatte seinen Amtsverzicht und Reformen angeboten, seinem Volk reicht das nicht.

Tunis - Sie rufen "Nein zu Ben Ali", "Ben Ali, geh" oder "Ben Ali, danke, aber es reicht." In Tunesiens Hauptstadt Tunis sind am Freitag Tausende Menschen auf die Straßen gegangen. Sie demonstrierten für einen Rücktritt des Staatschefs, der seit 23 Jahren im Amt ist. Die Zahl der Menschen auf den Straßen von Tunis werde minütlich größer, berichteten Augenzeugen am Freitag. Die überall sichtbare Polizei hielt sich zunächst zurück.

Ben Ali hatte sich am Donnerstag in seiner Ansprache an die Bevölkerung den wochenlangen Protesten mit mehreren Dutzend Toten in seinem Land gebeugt. In der TV-Rede kündigte das Staatsoberhaupt eine Reihe von Reformen und größere Freiheiten an. Außerdem stellte er in Aussicht, sich in drei Jahren zurückzuziehen - nach mehr als einem Vierteljahrhundert an der Macht. Ben Ali sagte zudem, er habe die Sicherheitskräfte angewiesen, den Einsatz von Feuerwaffen gegen Demonstranten zu stoppen. Auch sollten die Preise für Zucker, Milch und Brot gesenkt werden.

Zunächst hatte die Bevölkerung mit Jubel auf die Ansprache von Ben Ali reagiert: Nach der Rede strömten Hunderte von Menschen trotz der Ausgangssperre auf die Straßen. Sie schwenkten Nationalflagge und ließen Hupkonzerte ertönen. "Es lebe Ben Ali" und "Danke Ben Ali", riefen sie aus. Die Polizei, die in den Tagen zuvor brutal gegen Demonstranten vorgegangen war, hielt sich wie von Ben Ali angekündigt zurück. "Wir haben diese Rede nicht erwartet", sagte ein Mann. "Das wichtigste ist: Freiheit, Freiheit, Freiheit!" Mit Najib Chebbi äußerte sich zwar auch ein wichtiger Oppositionspolitiker positiv. "Die neue Politik in der Rede war gut, und wir warten auf die konkreten Details", sagte er und forderte die Bildung einer Regierungskoalition.

Doch dann drehte sich die Stimmung. Zwar öffneten auch Geschäfte und Cafés in Tunis wieder, und der Verkehr normalisierte sich. Doch die Gewerkschaften riefen bereits wieder zu einem zweistündigen Streik in der Region auf.

Am Mittwoch hatte Ben Ali bereits den Innenminister entlassen und die Freilassung festgenommener Demonstranten angeordnet. Doch Regierungskritiker bezeichneten dies als nicht ausreichend. Zugleich stieg der internationale Druck. Die frühere Kolonialmacht Frankreich kritisierte erstmals Ben Alis Umgang mit den Protesten.

Tödliche Krawalle noch während der Rede

Vor der Rede von Ben Ali hatten die Unruhen auch das Zentrum von Tunis erfasst. In der Nacht war Augenzeugen zufolge erstmals in der Hauptstadt ein Mann bei Zusammenstößen von Demonstranten und der Polizei getötet worden. Noch während der Ansprache des Präsidenten kam es nach Augenzeugenberichten im Zentrum der Stadt Kairouan zu tödlichen Zusammenstößen: Ein 23-jähriger Mann sei erschossen worden, als Polizisten das Feuer eröffnet hätten. Ein etwa 40 Jahre alter Mann sei unter ähnlichen Umständen ums Leben gekommen, sagte ein anderer Augenzeuge. Zuvor war die Kundgebung demnach friedlich verlaufen.

In der Stadt herrschte den Angaben zufolge Chaos, es habe stundenlange Plünderungen gegeben. Drei Polizeiwachen, ein Amt und ein Büro der Regierungspartei seien in Brand gesteckt worden. Wie ein AFP-Reporter berichtete, gerieten auch in Cité El Ghazala nahe der Hauptstadt Tunis Sicherheitskräfte und Demonstranten aneinander.

Am Donnerstag war nach Berichten französischer Medien mit dem 60 Kilometer südlich von Tunis gelegenen Badeort Hammamet erstmals auch ein touristisches Zentrum von den Unruhen betroffen. Mehrere Läden seien geplündert und eine Polizeiwache zerstört worden, berichtete der Sender Europe1. Hotels seien aber nicht angegriffen worden.

Wegen der Unruhen hat das Auswärtige Amt in Berlin von Reisen in das nordafrikanische Urlaubsland abgeraten. Reiseveranstalter schätzen, dass sich etwa 10.000 deutsche Touristen in Tunesien aufhalten.

als/Reuters/AFP/dpa