Massendemo in Beirut Eine Million gegen Syrien

Die anti-syrischen Proteste im Libanon haben eine neue Dimension erreicht. Einen Monat nach der Ermordung von Ex-Premier Hariri brach jetzt eine Massendemonstration alle Rekorde: Schätzungen zufolge gingen bis zu eine Million Menschen auf die Straße, um den Abzug der syrischen Armee zu fordern.


Beirut - Bei einer Kundgebung auf dem Märtyrer-Platz in Beirut verlangten die Protestierenden auch Aufklärung über die Urheber des Anschlags. Augenzeugen sagten, die Zahl der Demonstranten habe eine ähnlich große Kundgebung prosyrischer Kräfte vor einer Woche noch übertroffen. Der von der Armee überwachte Protest verlief friedlich.

Fotostrecke

14  Bilder
Fotostrecke: Zedernrevolution in Beirut

In einer Rede an die Menschenmenge beschuldigte der Parlamentsabgeordnete Marwan Hamadeh, der im Oktober vergangenen Jahres selbst einem Anschlag entkommen war, die Geheimdienste Syriens und Libanons für den Mord an Rafik al-Hariri. "Wir kennen sie, Person für Person, noch bevor uns die Uno-Ermittler sagen, wer es war", sagte Hamadeh. Auf Plakaten forderten Demonstranten die "Wahrheit" über das Attentat, bei dem mindestens 19 Menschen getötet worden waren.

Bahia Hariri, die Schwester des Ermordeten Politikers, verlangte eine internationale Untersuchung des Falls und die Entlassung libanesischer Geheimdienstoffiziere. "Wir haben keine Angst und werden nicht aufhören, bevor die Wahrheit bekannt ist", sagte sie vor der Menge. Hariri, die selbst im Parlament sitzt, betonte zugleich die historischen Beziehungen zum Nachbarland Syrien. Sie sei auch für eine weitere libanesische Unterstützung der schiitischen Hisbollah-Organisation. Die USA und Israel bezichtigen die Bewegung des Terrorismus.

Seit dem Morgen waren die Demonstranten, die auch aus anderen Teilen Libanons angereist waren, in das Zentrum Beiruts geströmt. Junge Leute fuhren in hupenden Autokorsos mit wehenden Fahnen durch die Stadt. In Sprechchören riefen die Demonstranten nach Freiheit, Unabhängigkeit und einer Einheit der Nation. Einheiten der Armee waren am Rande der Kundgebung mit Panzerfahrzeugen aufgefahren. Der Märtyrer-Platz wird seit Wochen vom Militär bewacht. Banken und Universitäten in Beirut waren heute geschlossen.

Unterdessen bekräftigten Oppositionsführer nach Medienberichten, sie seien nicht bereit, sich an einer Regierung der nationalen Einheit unter dem zurückgetretenen und dann wieder neu benannten Ministerpräsidenten Omar Karami zu beteiligen oder in einen Dialog einzutreten. Präsident Émile Lahoud hatte öffentlich vor weiteren Demonstrationen gewarnt, weil dies zu einer Katastrophe führen könne. Die Opposition warf Lahoud vor, er verhalte sich nicht neutral und sei gegen politische Veränderungen. Der Präsident rufe zum Dialog auf, während weiter der Polizeistaat regiere.

Uno-Ermittler haben einem Bericht der Londoner Tageszeitung "Independent" zufolge Hinweise auf eine von offizieller Seite betriebene Vertuschung der Hintergründe des Bombenanschlags auf Hariri. So seien Wagen seines Fahrzeugkonvois schon Stunden nach der Tat und vor einer unabhängigen Untersuchung abtransportiert worden.

Hariris Söhne verlassen den Libanon

Die vier Söhne Hariris haben den Libanon indes verlassen. "Ihnen wurde geraten, aus gewissen Sicherheitsgründen das Land zu verlassen", sagte ein enger Mitarbeiter der Hariri-Familie der dpa. "Saad (Hariri), der sonst in Saudi-Arabien lebt, ist in das Königreich zurückgekehrt", sagte der Mitarbeiter. "Bahaa, Fahd und Oudai sind nach Europa abgereist." Er wollte nicht kommentieren, ob die Söhne bedroht worden seien.

Hariri, der am 14. Februar mit 19 anderen Personen bei einem Autobombenanschlag in Beirut ermordet wurde, hatte fünf Kinder. Seine Frau Nasek und die Tochter Joumana sind noch in Beirut. Der "Independent" meldete, Hariris Söhne hätten Libanon "überstürzt" verlassen - "nach Warnungen, sie könnten die nächsten Ziele der Mörder ihres Vaters sein".



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.