Massendemo in Beirut Hisbollah bläst zum letzten Gefecht gegen die Regierung

Erneut erobern Hunderttausende Hisbollah-Anhänger die Beiruter Innenstadt. Mit Streiks und einer Blockade des Flughafens sollen die Proteste zum Sturz der Regierung Sinioras in der kommenden Woche ausgeweitet werden.

Von Markus Bickel, Beirut


Auch um kurz nach fünf reißt der Strom an Menschen nicht ab, der auf den Riad al-Solh-Platz drängt. In voller Breite haben Anhänger von Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah die dreispurige Stadtautobahn aus den südlichen Beiruter Vorstädten in Beschlag genommen – autofreier Sonntag in der sonst von Fahrzeugen verstopften Innenstadt. Wie vor zehn Tagen, als die "Partei Gottes" ihre Massenproteste gegen die Regierung von Premierminister Fuad Siniora begann, sind an diesem sonnigen Nachmittag wieder Hunderttausende dem Aufruf der schiitischen Parteimiliz gefolgt.

Massenprotest: Vorbereitungen zur Ausweitung der Proteste laufen auf Hochtouren
REUTERS

Massenprotest: Vorbereitungen zur Ausweitung der Proteste laufen auf Hochtouren

Nada Saad ist schon am Mittag mit zwei Freundinnen im Zentrum der libanesischen Hauptstadt eingetroffen. Um den Hals trägt sie einen grell leuchtenden orangen Schal, die rot-weiß gestreifte libanesische Fahne hat sie sich als Halstuch über die Haare gebunden. Versteckt hinter einer modischen Sonnenbrille sagt die 16-jährige: "Wir bleiben hier, bis die Regierung fällt, ganz egal, wie lange das dauern mag." Aus Tyros, nur rund dreißig Kilometer nördlich der israelischen Grenze gelegen, ist die Schülerin nach Beirut gekommen – heute Nacht will sie in einem der vielen Zelte auf dem Riad al-Solh-Platz übernachten. Dass sie morgen den Unterricht verpasst, interessiert sie nicht. "Wenn es Tests gibt, werden sie für uns verschoben." Eine Haltung, die stellvertretend für die Strategie der Hisbollah und ihrer Verbündeten ist, zur Not das ganze Land lahm zu legen, um die von ihr angestrebte Sperrminorität in der Regierung Sinioras zu bekommen.

Gelbe Fahnen mit grünem Maschinengewehr

Wie schon Anfang Dezember, als der wichtigste Nasrallah-Verbündete, der christlich-maronitische Vorsitzende der Freien Patriotischen Bewegung (FPM), Michel Aoun, vor die Hunderttausenden zwischen Märtyrer- und Riad al-Solh-Platz versammelten trat, forderten die Redner auch heute wieder eine "Regierung der Nationalen Einheit". Allen voran Nasrallahs Stellvertreter, Scheich Naem Qassem: Unter dem Jubel seiner Anhänger verdammt er die Weigerung des von den USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich unterstützten Regierung, der Aufstockung des Kabinetts um FPM-Anhänger zuzustimmen. Nicht die Opposition, sondern die Regierung lege das Land lahm.

Überall in der dicht gedrängten Menge wehen die gelben Fahnen mit dem grünen Maschinengewehr der "Partei Gottes", auch das orangene Tuch von Aouns Freier Patriotischer Bewegung ist allgegenwärtig. Neben dem charismatischen Generalsekretär der Hisbollah ist der christlich-maronitische Exgeneral der wichtigste Mann in der nach Ende des 34-tägigen Krieges zwischen Hisbollah-Milizionären und Israel entstandenen Protestbewegung. Hoch oben an den Häuserwänden oberhalb der Stadtautobahn hängen Plakate, die die multikonfessionelle Vielfalt der neuen Allianz unterstreichen sollen: außer dem christlich-schiitschen Duo strahlen der drusische Politiker Talal Arslan, der schiitische Parlamentspräsident Nabih Berri und der Maronit Suleiman Frangieh auf die Menge herab.

Bis auf Berri und Nasrallah haben sie in den vergangenen zehn Tagen alle auf der Bühne am Riad al-Solh-Platz gesprochen. Doch am Donnerstag war es der 46-jährige Generalsekretär der von Iran und Syrien unterstützten "Partei Gottes", der den seit Wochen schwelenden Konflikt mit der Regierung Sinioras weiter verschärfte. Zehntausende folgten der Ankündigung des Hisbollah-Fernsehsenders "al Manar", die siebzigminütige Rede des von seinen Gefolgsleuten mit der religiösen Ehrenbezeichnung "Sayyed" Titulieren live auf dem Platz vor dem belagerten Regierungssitz Serail zu verfolgen. Und der mit schwarzem Turban bedeckte Nasrallah enttäuschte seine Anhänger nicht. "Bald werden wir nicht mehr zuhören", rief er dem mit seinem Kabinett im Serail verschanzten Siniora zu, "sondern eine Regierung bilden, die von jemand anders angeführt wird als dir."

Hisbollah-Anhänger sperren Flughafenzubringer

Zeitungsberichten zufolge laufen die Vorbereitungen für eine Ausweitung der Proteste bereits auf Hochtouren. Neben dem Zeltlager vor dem von Nato-Draht umzäunten Regierungssitz könnte schon nächste Woche ein landesweiter Streik dafür sorgen, dass das durch den Krieg im Sommer wirtschaftlich stark getroffene Viermillioneneinwohnerland weiter geschwächt wird. Zudem dürften erneut Blockaden der Flughafenzufahrt dafür sorgen, dass der Libanon auf dem Luftweg von der Außenwelt abgeschnitten wird. Bereits vor zwei Wochen, am Abend nach der Trauerfeier für den ermordeten Siniora-Verbündeten, Industrieminister Pierre Gemayel, hatten Hisbollah-Anhänger den am Rande der schiitisch dominierten südlichen Vorstadt Dahyye gelegenen Flughafenzubringer gesperrt.

In den Stunden danach kam es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen schiitischen und sunnitischen Jugendlichen, am Sonntag vor einer Woche zum ersten Toten des neuen innerlibanesischen Konflikts: das Bild des 20-jährigen Ahmed Mahmud hängt seitdem oberhalb der großen Leinwand am Riad al-Solh-Platz. Immer wenn einer der Redner den Namen des als "Märtyrer" gefeierten Anhängers der schiitischen Amal-Bewegung von Parlamentspräsident Berri erwähnt, brandet Jubel auf dem Platz unterhalb des Serail auf. Ansonsten bleibt die Stimmung entspannt an diesem friedlichen zweiten Adventsnachmittag. Nur die aufmerksamen Blicke der schwarz gekleideten Ordner auf der Stadtautobahn lassen ahnen, dass die Ruhe bald vorbei sei könnte.



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