Massendemos in Beirut Tag der Trauer, Tag des Zorns

Martialische Szenen in Beirut: Beim Begräbnis von Hisbollah-Milizenchef Mughnija haben seine Anhänger Rache geschworen, Anführer Nasrallah drohte Israel mit "offenem Krieg".

Von , Beirut


Beirut - Der Sarg des Ermordeten ist in die gelbe Fahne der "Partei Gottes" gehüllt, hinter der Bühne ist eine Videoleinwand aufgebaut. In der Mehrzweckhalle der Hisbollah im schiitisch geprägten Süden Beiruts drängen sich Zehntausend Männer und Frauen, die um Imad Mughnija trauern, um ihn weinen. Dann flimmern die ersten Bilder über die Leinwand: Zugeschaltet wird Hisbollah-Anführer Hassan Nasrallah, der zu seiner Trauerrede auf den getöteten Kameraden anhebt - und damit die Menge sofort hinter sich bringt: "Wir sind mit Dir, Nasrallah" schreien die Menschen und recken die Fäuste.

Es war ein Helden-Begräbnis, dass die Hisbollah ihrem getöteten militärischen Führer Imad Mughnija heute bereitete. Irans Außenminister war gekommen, Marschmusik spielte, Gebete und Sprechchöre schallten. Mughnija, der am Dienstagabend durch einen Anschlag in Damaskus ums Leben kam, war den Hisbollah-Anhängern ein Idol - in Israel, den USA, in Deutschland und Europa stand er als einer der berüchtigtsten Terroristen auf allen Fahndungslisten.

Mughnija soll in den vergangenen Jahrzehnten für etliche Terrorakte verantwortlich gewesen sein. Als zweiter Mann der radikalislamischen Schiitenmiliz war er laut westlichen Geheimdiensten weltweit aktiv: Die Anschläge auf die israelische Botschaft und ein jüdisches Kulturzentrum in Buenos Aires, Bomben gegen die US-Botschaft und die Unterkünfte von US-Marines im Libanon und viele Gewaltakte mehr sollen auf sein Konto gehen. Stimmt das, dann war Mughnija verantwortlich für den Tod Hunderter Menschen.

Es wird vermutlich lange ungeklärt bleiben, wer die Bombe platzierte, die Mughnija das Leben kostete. Bei seinem Begräbnis ließ Hisbollah-Chef Nasrallah trotzdem keinen Zweifel daran, wen er hinter dem Anschlag vermutet: Israel, den Erzfeind der Hisbollah. Und so waren es starke Drohungen, die aus den Lautsprechern dröhnten. Indem die Israelis Mughnija in der syrischen Hauptstadt töteten, hätten sie eine rote Linie überschritten, wütete der Hisbollah-Chef. Bislang sei der Konflikt zwischen den beiden Feinden immer auf libanesischem oder israelischem Territorium ausgetragen worden. Das sei nun vorbei. "Ihr habt außerhalb des Schlachtfeldes getötet. Unser Kampf verlief immer innerhalb des libanesischen Territoriums. Ihr habt Grenzen überschritten. Zionisten, wenn ihr einen offenen Krieg wollt, dann wird es ein offener Krieg überall sein. So sei es!", rief er.

Israel nimmt diese Drohungen ernst: Die israelischen Botschaften und jüdische Einrichtungen weltweit wurden alarmiert, die Armee wurde in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Zwei Trauerkundgebungen, zwei verfeindete Lager

Seit Tagen kommt es allabendlich zu Schießereien zwischen Anhängern der von der Hisbollah dominierten Opposition und den Anhängern der libanesischen Regierungskoalition. Doch heute glich Beirut in weiten Teilen einer Geisterstadt - und das lag nicht nur am strömenden Winterregen, der über der Levanteküste hernieder ging. Viele Tausend Soldaten waren mit schwerem Gerät auf den Straßen präsent, um die verfeindeten Gruppen an diesem Tag auseinanderzuhalten, an dem die Emotionen hoch schlugen.

Denn während die Hisbollah die Beerdigung ihres zweiten Mannes nutzte, den "Anfang vom Ende des jüdischen Staates" zu deklarieren, hatten sich im Stadtzentrum Hunderttausende Hisbollah-Gegner versammelt. Auch sie waren zusammengekommen, um kollektiv zu trauern: Um den ehemaligen libanesischen Premierministers Rafik Hariri, Symbolfigur der westlich orientierten libanesischen Regierung. Vor exakt drei Jahren starb der Politiker durch eine Autobombe, die weitere 20 Menschen in den Tod riss. Der Politmord an Hariri löste die sogenannte Zedernrevolution aus, eine Unabhängigkeitsbewegung, die dazu führte, dass die Besatzungsmacht Syrien nach Jahrzehnten im Libanon seine Truppen abziehen musste. Für Hariris Anhänger stand immer fest, dass Syrien hinter dem Mord an ihrem Idol stand.

Schreckgespenst eines neuen Krieges

Die Feindschaft zwischen beiden Lagern hat sich in den vergangenen Monaten immer weiter vertieft. Jüngstes und viel fotografiertes Symbol dessen ist der leere Stuhl, auf dem eigentlich seit Wochen ein neuer libanesischer Präsident sitzen sollte. Dass die Opposition die Wahl eines neuen Staatsoberhauptes verhindert, ist nur der Auftakt eines politischen Kampfes. Die Regierung bezichtigt die Opposition unter anderem, auch ein internationales Tribunal zur Aufklärung des Hariri-Mordes zu boykottieren. Damit wolle sie Syrien decken, das hinter diesen und einer Serie weiterer Politmorde im Libanon stecke.

Die Politiker beider Lager taten in ihren jeweiligen Ansprachen wenig, um den Stellungskrieg zu beenden, in dem sich Libanons politische Kaste und ihr Fußvolk seit eineinhalb Jahren eingerichtet hat. Saad Hariri, Sohn des Ermordeten und Führer der Regierungskoalition, malte das Schreckgespenst eines neuen Krieges an die Wand: "Das syrische Regime schubst den libanesischen Widerstand in einen Bürgerkrieg." Der Drusenführer Walid Dschumblatt sagte, die Regierung werde es nicht zulassen, dass die Opposition den Libanon "der schwarzen, bösen Welt Syriens und Irans" ausliefere.

Nasrallah teilte seinen politischen Gegnern mit, "wenn sie eine Scheidung wollen, dann sind sie es, die das Haus verlassen müssen". Dass die Hisbollah nicht gewillt ist, im innenpolitischen Streit einen Deut nachzugeben, hatte der stellvertretende Leiter ihres Politbüros Machmud Kumati schon am Montag klargestellt. "Unsere Geduld hat ihr äußerstes Limit erreicht. Wir müssen Euch vor dem Moment warnen, an dem wir zornig werden", sagt er mit Blick auf die Regierungskoalition. "Wir müssen Euch vor dem Moment warnen, in dem wir unsere Entscheidung fällen. Wenn wir uns entscheiden, auf die Straße zu gehen, werden wir uns nicht von Scharfschützen aufhalten lassen, oder von Verrätern, oder von bezahlten Killern."

Die gemäßigten Stimmen vieler Demonstranten gingen in dieser Kakophonie der Drohungen unter. "Genug der Märtyrer. Genug des Blutes", stand auf einem Plakat, dass ein klitschnasser Demonstrant auf der Kundgebung im Stadtzentrum hochhielt. Davon scheint der Libanon sehr weit entfernt zu sein.



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