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21. Mai 2011, 16:28 Uhr

Massendemos

Spanier verbünden sich gegen die alte Macht

Aus Madrid berichtet

Demonstrationen hat die spanische Regierung untersagt, doch die Menschen lassen sich ihren Protest gegen die etablierten Parteien nicht verbieten. Zu Tausenden campieren sie im Zentrum Madrids - und zeigen, wie eine solidarische Gemeinschaft aussehen sollte.

Cristina Fernandez de Bobadilla dreht sich erst zur einen, dann zur anderen Seite, mit ihrem ausgestreckten rechten Arm zeichnet sie einen großen Bogen: "Das hier ist unser Haus". Eine Eingangstür gibt es nicht, auch keine Räume, denn die 23-Jährige steht auf der Puerta del Sol, einem großen, offenen Platz im Herzen von Spaniens Hauptstadt Madrid.

Die Puerta del Sol gehört der protestierenden Jugend, seit Tagen schon, und neuerdings muss man wohl sagen: immer noch. Denn eigentlich dürften sie gar nicht mehr hier sein. Die Wahlbehörde des Landes hat für dieses Wochenende Demonstrationen untersagt, weil sie Schwierigkeiten bei den Regional- und Kommunalwahlen am Sonntag befürchtet. Aber wen kümmert das hier schon?

Landesweit gingen trotz eines Demonstrationsverbotes auch in der Nacht zum Samstag rund 60.000 Menschen auf die Straße, allein in Madrid sollen es 25.000 gewesen sein. Nach Angaben der Zeitung "El País" beteiligten sich in Valencia rund 10.000 Demonstranten, in Malaga und Barcelona zwischen 6000 und 7000.

In Madrid verbringen die Demonstranten längst ihre Nächte auf dem Platz, Dutzende haben Zelte aufgeschlagen, andere begnügen sich mit Schlafsack und Isomatte. Aus Pappwänden und Sonnendächern ist ein improvisiertes Camp mit Diskussionszirkeln entstanden. "Democracia Real Ya" - darum geht es ihnen. "Echte Demokratie - jetzt!"

Es ist mehr als ein Aufbegehren der Jugend gegen die Perspektivlosigkeit in dem Land, in dem 45 Prozent der 18- bis 25-Jährigen keine Arbeit haben. Der Protest reicht viel tiefer: Die jungen Menschen haben ihr Vertrauen in die Politik verloren, in das System der etablierten Parteien.

"Sie sollen uns zuhören"

Die regierenden Sozialisten (PSOE) und die oppositionelle, konservative Partido Popular (PP) dominieren das Parlament, die kleinen Parteien werden durch das spanische Wahlsystem benachteiligt und spielen kaum eine Rolle. "Sie sollen uns zuhören", sagt Cristina Fernandez de Bobadilla - und meint damit PSOE und PP gleichermaßen. "Aber sie kümmern sich nicht um uns."

Die gelernte Bäckerin hat schon eine ganz heisere Stimme vom vielen Reden der vergangenen Tage, Schlaf gab es für sie zuletzt kaum. "Artista", steht auf einem Aufkleber an ihrem T-Shirt, "Künstlerin". Im Fall von Fernandez de Bobadilla und ihren Helferinnen bedeutet es, dass sie sich hier auf der Puerta del Sol um die Betreuung von Kindern kümmern. Protestteilnehmer können bei der 23-Jährigen ihre Söhne und Töchter vorbeibringen. In der Kinderecke, der "zona infantil", haben sie einen blauen und roten Teppich ausgerollt, damit die Kleinen über den Boden rutschen können. Es gibt Kinderbücher, Spielzeug, Luftballons - ein Kindergarten mitten auf der Puerta del Sol.

Viele tragen hier Aufkleber auf ihren T-Shirts, darauf ihr Name und dazu eine Bezeichnung. "Voluntario" zum Beispiel - "Freiwilliger" -, etwa für Helfer hinter dem Stand mit Getränken. Oder einfach: "Respeto", "Respekt". Die Leute vom "Respeto"-Team sind gefragt, wenn es Meinungsverschiedenheiten auf dem Platz gibt. "Artista", "Respeto", "Voluntario", so haben sie eine erstaunliche Ordnung in das Chaos gebracht, das zwangsläufig entsteht, wenn Zigtausende Menschen auf den Straßen zusammenkommen. Morgens früh wirbeln sie mit Besen über die Puerta del Sol, weil niemand im Müll hocken will.

Stolz sind sie und solidarisch

"Estas son nuestras armas", steht auf einem der Dutzenden Plakate auf dem Platz: "Das hier sind unsere Waffen" - daneben sind in weißer Farbe die Abdrücke bloßer Hände. Friedlich, gewaltfrei. Und längst ist die Bewegung, die in vielen Städten Spaniens zusammengefunden hat, mehr als eine Sache der jungen Leute.

Dazu muss man nur die Rentnerin sehen, die am Samstag auf die Puerta del Sol kommt. Ihr Gang ist leicht gebückt, in beiden Händen trägt sie Plastiktüten. Orangen und Bananen hat sie dabei, Kekse, Brot. Das alles bringt sie an einen Stand der Demonstranten. Ein Akt der Solidarität, wie es ihn hier immer wieder gibt.

Am späten Samstagnachmittag ist der Platz bereits wieder gut besucht. Familien gehen mit ihren Kindern spazieren, lassen sich vor Protestplakaten fotografieren, andere tanzen zur Musik einer Bluesband.

Jung und Alt stehen zusammen. Gegen die Sparmaßnahmen der Regierung, mit denen das hohe Staatsdefizit unter Kontrolle gebracht werden soll, gegen die Arbeitslosigkeit, die mit 21 Prozent so hoch ist wie in keinem anderen Land Europas. Gegen die weit verbreitete Korruption: Allein die PP schickt am Sonntag etliche Kandidaten ins Rennen, denen Gerichtsverfahren wegen Korruption drohen.

Als eine Gruppe Jugendlicher sieht, wie die Frau ihre Taschen an dem Stand ablädt, klatschen sie. Erst sind es nur ein paar, die applaudieren, dann immer mehr. Für einen Moment wird der Platz zu einer großen Bühne für eine alte Frau, die ohne große Worte gekommen ist, aber dafür mit einem Lächeln wieder geht.

"Chicas, periodicos", sagt eine junge Frau zu ihren Freundinnen. Sie hält die aktuellen Tageszeitungen unterm Arm. Auf den ersten Seiten der spanischen Blätter ist fast überall die Puerta del Sol zu sehen. Bilder aus der Vogelperspektive sind dabei, die die hohe Zahl der Demonstranten erahnen lassen. Die jungen Frauen klatschen vor Freude in ihre Hände.

"Ich bin stolz", sagt Cristina Fernandez de Bobadilla. Stolz auf die Bewegung. Stolz auf das, was sich hier seit Tagen abspielt. Stolz ist Fernandez de Bobadilla auch auf sich selbst. Weil sie Teil der Bewegung ist. Einen festen Job hatte sie in den vergangenen Jahren noch nie. 400 Euro für einen dreimonatigen Gelegenheitsjob bekam sie zuletzt, ihr Geld reicht nicht für eine eigene Wohnung, sie lebt deshalb noch bei ihren Eltern. "Ich will nicht, dass meine Eltern für mich zahlen müssen", sagt sie.

Ein feierlich-andächtiger Augenblick

Da geht es Elia Maqueda immerhin etwas besser. Die 27-Jährige arbeitet als Übersetzerin. "Aber ohne Zweitjob geht es nicht", sagt sie. Sie weiß noch nicht, für wen sie am Sonntag bei der Wahl stimmen soll. "Wir wollen eine wirkliche Demokratie", sagt sie.

Gleiche Chancen auch für die kleinen Parteien etwa, so lautet die Forderung vieler Demonstranten. Für die regierende PSOE von Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero erwarten sie eine ebenso schwere Niederlage wie für die konservative PP.

Spätestens abends wird die Puerta del Sol und die zu dem Platz führende Calle Mayor zum Ort für ein Volksfest. Sie machen Musik mit Trommeln, liegen sich in den Armen und rufen dazu "No nos representan" - "ihr repräsentiert uns nicht". Und dann erleben sie in der Nacht auf Samstag einen feierlich-andächtigen Moment: Kurz vor Mitternacht sind die Tausenden Menschen im Herzen Madrids plötzlich ganz still, niemand trommelt, niemand singt: Alle schauen sie auf die schwarzen Zeiger der großen Uhr an der Casa de Correos, dem Regierungssitz der Comunidad de Madrid. Nur noch wenige Sekunden bis Mitternacht - und damit bis zur Stunde, da offiziell das Demonstrationsverbot gilt.

Würde die Polizei das verhängte Demonstrationsverbot durchsetzen und die Protestgruppe vom Platz drängen? Angesichts des massiven Polizeiaufgebots rund um den Platz waren sich manche Demonstranten nicht sicher.

Die Uhr schlägt ein Mal, zwei Mal, immer weiter, dann ist es so weit: Mitternacht. Es folgt ein Augenblick ungläubiger Stille, dann bricht Jubel aus - der Platz gehört weiter ihnen.

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