Massengeiselnahme in Mumbai Polizei und Terroristen liefern sich Gefecht um Luxushotel

Schießereien, Explosionen, Scharfschützen auf den Dächern: Sondereinheiten rücken in das von Terroristen besetzte Hotel Oberoi im indischen Mumbai vor. Mindestens hundert Menschen sind noch im Gebäude, viele davon als Geiseln. Aus dem Süden der Stadt meldet die Agentur AFP heftige Explosionen.


Mumbai - Mehr als hundert Tote, mehrere hundert weitere Menschen sind verletzt, die indische Metropole Mumbai im Chaos: Seit bewaffnete Terroristen am Mittwochabend an mehreren Orten in der Stadt brutal zugeschlagen haben, ist die Lage unübersichtlich. Im Süden der Stadt gab es laut der Nachrichtenagentur AFP drei heftige Explosionen. Der Hintergrund ist noch unklar.

Die Einsatzkräfte konzentrieren sich derzeit auf das Luxushotel Oberoi, in denen noch etliche Geiseln vermutet werden. Im Oberoi halten sich nach offiziellen Angaben noch 100 bis 200 Menschen auf. Wieviele davon in der Gewalt der Terroristen sind, ist unklar.

Gegenüber des Hotels Oberoi haben Scharfschützen auf den Dächern Stellung bezogen. Aus einem der Fenster des Hotels hängt ein Banner mit der Aufschrift "Rettet uns". Nach Angaben lokaler Fernsehsender haben Polizei und Spezialeinheiten eine Aktion zur Befreiung der Geiseln gestartet. Verhandelt wird nach Behördenangaben nicht. Eine Reuters-Reporterin berichtete von einer massiven Explosion im Inneren des Gebäudes. Einzelheiten sind noch nicht bekannt.

Auch das Taj Mahal war lange umkämpft. Vermummte Elitekräfte haben am Mittag (Ortszeit) das Hotel gestürmt und schließlich die Kontrolle erlangt. Einige Hotelgäste haben sich aber noch immer in ihren Zimmern eingeschlossen, in Geiselhaft sei dort aber niemand mehr, sagte ein Polizeisprecher. Nach Angaben von Soldaten, die das Hotel umstellt hatten, gingen die Einheiten gezielt von Zimmer zu Zimmer auf der Suche nach Angreifern und Sprengfallen.

Mindestens zwei der gefangenen Gäste hatten zuvor über ihre Handys TV-Sender angerufen. Einer sagte, die Türen der Notausgänge seien verschlossen, der andere berichtete von zwei Leichen im Swimmingpool der Hotelanlage.

Unter den Betroffenen sind etliche Deutsche. Ob tote oder verletzte deutsche Staatsbürger zu beklagen sind, ist noch unklar. Das Auswärtige Amt prüft die unübersichtliche Lage derzeit.

Unverletzt überstand der Europaabgeordnete Daniel Caspary (CDU) die Attacke. Er sei zum Zeitpunkt des Überfalls nicht im Taj-Mahal-Hotel gewesen, sagte Caspary am Donnerstagmorgen dem Rundfunksender SWR. Alle seine Kollegen und Mitarbeiter seien in Sicherheit, einige seien auf "abenteuerlichen Wegen" aus dem Hotel entkommen. Die Menschen seien durch Küchen und Keller geflohen, in unmittelbarer Nähe habe es Schießereien gegeben. Das deutsche Generalkonsulat in Mumbai bemühe sich, alle Deutschen sicher aus der Gefahrenzone zu bringen.

Gruppen schwerbewaffneter Angreifer hatten am Mittwochabend wild um sich schießend die beiden Luxushotels, ein beliebtes Restaurant, Krankenhäuser und einen Bahnhof gestürmt. Fernsehbilder zeigten Bewaffnete auf einem Pick-up, die während der Fahrt durch das Stadtzentrum von Mumbai in die Menschenmenge schossen. Eine bislang unbekannte Gruppe namens Deccan Mudschahidin hat sich in E-Mails an indische Medien zu der Anschlagsserie bekannt. Schulen und Universitäten sind aus Sicherheitsgründen geschlossen.

Bei den Angriffen auf mindestens zehn verschiedene Ziele sind mindestens 101 Menschen ums Leben gekommen, mehrere hundert weitere wurden verletzt. Unter den Todesopfern sind zwölf Polizisten. Polizeisprecher A.N. Roy sagte, unter den Toten seien drei ranghohe Beamte - darunter der Chef der Anti-Terror-Einheit.

Unter den Opfern sind auch Ausländer: Ein Japaner wurde getötet, ein zweiter Japaner wurde verletzt. Bei Schusswechseln mit den Sicherheitskräften kamen bis zum Morgen auch neun Terroristen ums Leben.

Aus Krankenhäusern verlautete, neun Europäer seien verletzt eingeliefert worden. Alle seien Gäste des Hotels Taj Mahal. Schießereien wurden auch von einem Bahnhof, einer Polizeiwache und von Leopold's Restaurant gemeldet, einem beliebten Touristenziel. Dabei wurden teilweise auch Handgranaten gezündet.

Augenzeugen zufolge suchten die Angreifer gezielt Briten und Amerikaner. Im Taj Mahal hätten sie gerufen: "Wer hat amerikanische oder britische Pässe?" berichtete der Brite Ashok Patel, der aus dem Hotel entkam.

Auch ein jüdischer Rabbi und seine Familie wurden offenbar von den Angreifern als Geiseln genommen. Die Familie sitze in einem Wohngebäude im Süden der Stadt fest, sagte ein Sprecher des jüdischen Verbands von Indien.

Attentäter fordern Freilassung aller inhaftierten Islamisten

Ersten Angaben zufolge fordern die Attentäter die Freilassung aller in Indien inhaftierten Islamisten. Die Muslime in Indien sollten nicht länger verfolgt werden, sagte einer der im Hotel Oberoi verschanzten Angreifer am Donnerstag in einem Telefongespräch mit dem Fernsehsender India TV. Im Namen der Organisation Deccan Mudschahidin forderte er, alle in indischen Gefängnissen sitzenden radikalen Muslime freizulassen.

Mumbai ist wiederholt Schauplatz von Terrorakten gewesen, für die meist islamische Extremisten verantwortlich gemacht wurden. Bei einer Serie von Bombenexplosionen im Juli 2006 kamen 187 Menschen ums Leben. Seit Mai hat sich eine Gruppe namens Indian Mujahideen zu mehreren Anschlägen bekannt, bei denen mehr als 130 Menschen getötet wurden - allein 21 waren es zuletzt im September in der Hauptstadt Neu-Delhi.

In Berlin erklärte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier: "Die Bundesregierung verurteilt die Anschläge in Mumbai auf das Schärfste." Das Generalkonsulat stehe in engem Kontakt mit indischen Stellen und bemühe sich um Aufklärung, ob Deutsche betroffen seien. Der britische Außenminister David Miliband sagte, die Anschläge zeigten erneut das Ausmaß der Bedrohung, das von gewaltsamen Extremisten ausgehe. In Washington sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Fratto: "Wir verurteilen diese Angriffe und den Verlust von unschuldigem Menschenleben."

ffr/AP/Reuters/dpa/AFP/ddp

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