Massenprotest Franzosen demonstrieren gegen Sarkozys Wirtschaftspolitik

Flüge wurden gestrichen, U-Bahnen fielen aus, Museen blieben geschlossen: In Frankreich haben mehr als eine Million Menschen aus Protest gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung ihre Arbeit niedergelegt. Die oppositionellen Sozialisten unterstützten die Streiks.


Paris - Die Gewerkschaften in Frankreich feiern schon: Gewerkschaftschef François Chérèque sprach am Donnerstag von den "größten Arbeitnehmerkundgebungen seit zwanzig Jahren". Schätzungen zufolge haben mehr als eine Million Menschen aus Protest gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung am Donnerstag ihre Arbeit niedergelegt.

Demonstranten in Paris: "Der große Teil des Kuchens geht an die obersten Etagen"
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Demonstranten in Paris: "Der große Teil des Kuchens geht an die obersten Etagen"

Obwohl rund ein Viertel der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst streikte, blieb das befürchtete Verkehrschaos aus.

Nach den milliardenschweren Rettungspaketen für die Finanzwirtschaft müsse die Regierung die Einkommen aus Arbeit "neu bewerten", forderte Gewerkschaftschef Bernard Thibault. Oppositionsführerin Martine Aubry sagte vor Beginn der zentralen Kundgebung in Paris, die Sozialistische Partei (PS) unterstütze die Streikenden im Kampf gegen Ungerechtigkeit. Haushaltsminister Eric Woerth erwiderte, der Streik sei "keine Antwort auf die Krise". Er bekräftigte die Haltung Sarkozys, die Reformpolitik fortzusetzen, damit Frankreich gestärkt aus der Wirtschaftskrise hervorgehen könne.

Beim Telekommunikationskonzern France Télécom, bei der Post und beim Stromriesen EDF streikte etwa jeder vierte Beschäftigte; etliche staatliche Museen blieben geschlossen, und das Rundfunkprogramm war gestört. Am Pariser Großflughafen Charles de Gaulle wurde jeder achte Flug gestrichen, in der Innenstadt fiel jede vierte U-Bahn aus. Etwa ein Drittel der Verbindungen mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV entfiel, die Züge nach Deutschland verkehrten aber normal. Gedämpft wurde die Streikauswirkung durch eine unter Sarkozy eingeführte gesetzliche Mindestversorgung im Öffentlichen Dienst.

In Paris startete am Nachmittag ein riesiger Demonstrationszug. "Uns Arbeitern wird immer mehr aufgebürdet, und der große Teil des Kuchens geht an die obersten Etagen", sagte Renault-Mitarbeiter Pascal Guinet. "Die Belegschaft wird verringert, die Angestellten werden unter Druck gesetzt."

Mit am stärksten war die Beteiligung an den Schulen, wo der Abbau Tausender Stellen auf Widerstand stößt. An den Grundschulen legten laut Bildungsministerium fast die Hälfte der Lehrer und Angestellten die Arbeit nieder, an den weiterführenden Schulen gut jeder fünfte. Den Gewerkschaften zufolge beteiligten sich rund zwei Drittel der Bildungsbeamten am Streik.

Französische Medien hatten die landesweiten Streiks als erste wirkliche Prüfung für Sarkozys Wirtschafts- und Sozialpolitik bezeichnet und einen "schwarzen Donnerstag" vorhergesagt. Erstmals seit Beginn der Wirtschaftskrise hatten alle Arbeitnehmervertretungen gemeinsam zum Streik aufgerufen, um für Beschäftigung und Kaufkraft sowie gegen Stellenstreichungen im Öffentlichen Dienst zu demonstrieren. Auch Mitarbeiter aus der Privatwirtschaft waren zu Streiks aufgerufen. Laut Arbeitgebervertretern nahmen viele Beschäftigte einen Tag frei, um Probleme auf dem Weg zur Arbeit zu vermeiden.

hen/dpa/AFP

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