Massenproteste gegen Assad Tag des Zorns in Syrien

Es war der größte Protest seit Monaten: Mehr als eine halbe Million Menschen sind in Syrien auf die Straßen gegangen, um ihre Wut auf Diktator Assad herauszuschreien. Sie protestierten auch gegen die Internationalen Beobachter - sie werfen ihnen vor, die Gewalt zu ignorieren.

AP / Ugarit News Group

Damaskus - Homs, Damaskus, Hama, Deraa - wenn man den Dutzenden Amateurvideos auf YouTube, Facebook und in anderen Internet-Portalen Glauben schenkt, hat sich in vielen Städten Syriens an diesem Freitag dasselbe Bild gezeigt: Nach den Freitagsgebeten zogen riesige Demonstrationszüge durch die Straßen. Viele Menschen hatten ihre Kinder dabei, viele schwenkten Transparente mit Parolen gegen das Regime. Immer wieder skandierten sie Sprechchöre gegen Diktator Assad. "Baschar, wir wollen dich nicht", riefen sie, "Syrer, erhebt eure Hände" oder ganz einfach "Gott ist groß". In einem Amateurvideo ist zu sehen, wie zwei Soldaten in Homs von der Menge gefeiert werden, als sie öffentlich dem Regime abschwören.

Es sollen eine halbe Million Menschen gewesen sein, die an diesem Tag des Zorns auf die Straßen gegangen sind, berichtet das Syrian Human Rights Observatory. Laut dem Nachrichtensender "Al-Dschasira" wurde in 18 Regionen demonstriert. Damit war es der größte Protest seit Monaten. Allein in der Region Idlib im Nordwesten des Landes hätten nach den Freitagsgebeten 250.000 Menschen demonstriert, teilten Menschenrechtsgruppen mit.

Das Regime ließ mit seiner Antwort nicht warten - und sie war wieder brutal: 32 Menschen kamen syrischen Aktivisten zufolge ums Leben. Demnach starben die meisten von ihnen in der seit Wochen umkämpften Oppositionshochburg Homs. Auch bei den Demonstrationen in anderen Landesteilen sei es zu heftigen Ausschreitungen gekommen. So hätten die Sicherheitskräfte des Regimes in Idlib nicht nur Tränengas eingesetzt, sondern auch auf die Teilnehmer der Proteste gefeuert. Auch in Duma, einem Vorort der Hauptstadt Damaskus, kam es bei einer Großdemonstration zu Zusammenstößen zwischen Aktivisten und Regierungstruppen. Laut "Al-Dschasira" schossen Soldaten dort auf Demonstranten, die sich in eine Moschee geflüchtet hatten.

Einen schweren Vorwurf erhebt auch die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Demnach sollen die Schergen des Regimes in Duma neben Tränengas und Blendgranaten auch Nagelbomben eingesetzt haben, um die Demonstranten auseinanderzutreiben. Syrien hat ausländischen Journalisten die Berichterstattung verboten. Daher kann der Wahrheitsgehalt solcher Berichte kaum überprüft werden.

Wut auf die Beobachter-Mission

Anlass für den massiven Protest an diesem Freitag war offenbar auch Unmut über die Beobachter der Arabischen Liga in Syrien. Nichts habe sich seit Beginn der Mission geändert, kritisieren viele Bürger. Die Gewalt gehe unvermindert weiter. Viele Menschen wollten den Beobachtern mit ihrem Protest offenbar auch deutlich zeigen, dass es tatsächlich einen landesweiten Aufstand gegen Assads Diktatur gibt.

Die Oppositionellen halten die Zustimmung der syrischen Führung zu der Mission für ein Ablenkungsmanöver. Dem Regime gehe es allein darum zu verhindern, dass sich der Uno-Sicherheitsrat mit der Krise befasse. Die Opposition fordert schon seit geraumer Zeit Schutzzonen an der Grenze zur Türkei. Die Beobachter-Gruppe soll einen Friedensplan überwachen, in dem die syrische Regierung ein Ende der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste zugesagt hat.

Unter die Demonstranten in Idlib sollen sich am Freitag Mitglieder der Beobachter-Mission gemischt haben - kenntlich gemacht durch gelbe Warnwesten und weiße Baseballcaps. Der "Guardian" veröffentlichte ein entsprechendes Video. Bei ihrem Marsch durch das Heer der Demonstranten gingen sie offenbar mit meist gesenkten Köpfen voran, ohne das Gespräch mit den Oppositionellen zu suchen.

Ein Aktivist äußerte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa scharfe Kritik an dem Delegationsleiter, den Sudanesen Mustafa al-Dabi. Er sei Vertreter eines Regimes, das für die Unterdrückung der Opposition bekannt sei, betonte er. Der sudanesische General gilt als Vertrauter von Sudans Präsidenten Omar al-Baschir, gegen den wegen der Kriegsverbrechen in Darfur ein internationaler Haftbefehl vorliegt.

Hoffen auf die Wende

Al-Dabi hatte für Ärger gesorgt, als er nach seinem Aufenthalt in Homs mit den Worten zitiert wurde, er habe nichts Beunruhigendes gesehen. Später bat er dann um Zeit für die Beobachter.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert einen Aktivisten aus Hama, der den heutigen Tag als Wende bezeichnet. "Dieser Freitag unterscheidet sich von jedem anderen Freitag. Die Menschen wollen unbedingt die Internationalen Beobachter erreichen. Sie wollen ihnen von ihrem Leid berichten." In einem Vorort von Damaskus trugen Demonstranten dem Bericht zufolge Transparente mit der Aufschrift: "Die Beobachter sind Zeugen, die überhaupt nichts sehen."

Die "Freie Syrische Armee" der Deserteure versprach in einer Erklärung, alle Angriffe auf die Regierung einzustellen, um den arabischen Beobachtern die Mission zu erleichtern.

Die Beobachter-Teams setzten ihre Besuche in den Krisenherden des Landes fort. Mehr als 100 Konfliktregionen wollen sie bis Ende Januar inspiziert haben. Am Freitag sprachen sie in der Stadt Harasta bei Damaskus mit Bewohnern, wie aus dem Umfeld der Mission verlautete. Die Agentur Sana berichtete über weitere Gespräche in Daraa und Hama. Zu Beginn der Mission hatten arabische Beobachter am Dienstag die Provinz Homs besucht.

Nach Uno-Schätzungen sind seit Beginn des Aufstands gegen Assad im März mehr als 5000 Menschen getötet worden.

ler/dpa/Reuters

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Seite 1
bayrischcreme 30.12.2011
1. Also
Zitat von sysopEs war der größte Protest seit Monaten: Mehr als eine halbe Million Menschen sind in Syrien auf die Straßen gegangen, um ihre Wut auf Diktator Assad herauszuschreien. Sie protestierten auch gegen die Internationalen Beobachter - sie werfen ihnen vor, die Gewalt zu ignorieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,806487,00.html
Mich würde ernsthaft intersessieren wie die Zahl von "über einer halben Million" Menschen ermittelt wurde. Gab es hier Zählungen? Gab es Auswertungen von Luftbildern? Oder ist das nur das Bauchgefühl irgendwelcher Aktivisten die das dann (orientalisch übertrieben) gleich mal als Tatsacher in die Welt hinausgetwittert haben?
Hape1 30.12.2011
2. ...
Zitat von bayrischcremeMich würde ernsthaft intersessieren wie die Zahl von "über einer halben Million" Menschen ermittelt wurde. Gab es hier Zählungen? Gab es Auswertungen von Luftbildern? Oder ist das nur das Bauchgefühl irgendwelcher Aktivisten die das dann (orientalisch übertrieben) gleich mal als Tatsacher in die Welt hinausgetwittert haben?
Sie haben recht. Auf den veröffentlichten Fotos sah man max. 500 Menschen. Wahrscheinlich fehlte ein Weitwinkelobjektiv. Aber wenn die "Opposition" sagt es waren Millionen...dann muss es ja stimmen. Denn die sagen immer die Wahrheit. ;-)
bayrischcreme 30.12.2011
3. Aktuell
Zitat von Hape1Sie haben recht. Auf den veröffentlichten Fotos sah man max. 500 Menschen. Wahrscheinlich fehlte ein Weitwinkelobjektiv. Aber wenn die "Opposition" sagt es waren Millionen...dann muss es ja stimmen. Denn die sagen immer die Wahrheit. ;-)
Tagesschau meldete aktuell um 20:03: In Syrien gingen heute "zehntausende Demonstranten" auf die Strasse.
adal_ 30.12.2011
4. Nicht sein kann, was nicht sein darf.
Zitat von bayrischcremeMich würde ernsthaft intersessieren wie die Zahl von "über einer halben Million" Menschen ermittelt wurde. Gab es hier Zählungen? Gab es Auswertungen von Luftbildern? Oder ist das nur das Bauchgefühl irgendwelcher Aktivisten die das dann (orientalisch übertrieben) gleich mal als Tatsacher in die Welt hinausgetwittert haben?
Nein. Weil das Assad-Regime die freie Berichterstattung verbietet, berichten alle Medien immer nur unter Vorbehalt - übrigens auch der vielgelobte channel 4. Daraus ziehen einige angeblich denkende "Skeptiker" den Schluss, die regierungsamtliche Propaganda des Assad-Regimes, es handle sich bei den Unruhen im Lande angeblich um ein ausländisches Komplott, die Wahrheit sei und nichts als die Wahrheit. Massendesertion und Revolution? Das kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Oder?
dmaximus 30.12.2011
5. Berichterstattung der Amatuere
Der Bericht ignoriert komplett, dass 10-tausenede Regierungsanhänger heute auf die Straße gingen, um gegen die Einmischung des Auslands zu demonstrieren. Aber anscheinend hat die Opposition diese, wie auch immer, aus vesehen mitgezählt. Noch schlimmer ist, dass die Berichterstattung diese von Aljazeera & Alarabia sehr ähnelt, also auch schwach und unneutral. Wann wird die syrische Oppostion mit den Lügen aufhören? od. hat die Opp. deswegen Angst vor der Wahrheit? "Von solcher Opp. sollte sich jeder syrischer Burger schämen", sagte eimal ein Freind und Ex-Oppositionelle.
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