Massenproteste in Frankreich Jugendliche liefern sich Straßenschlacht mit Polizei

Brennende Autos, geplünderte Geschäfte - in Frankreich droht die Lage bei Protesten gegen die geplante Rentenreform außer Kontrolle zu geraten. Zu besonders heftigen Ausschreitungen kam es in Lyon. Wirtschaftsministerin Lagarde sorgt sich um den Ruf des Landes.

Ausschreitungen in Lyon: Tränengas gegen Jugendliche
AP

Ausschreitungen in Lyon: Tränengas gegen Jugendliche


Lyon/Paris - Die bislang weitgehend friedlichen Proteste in Frankreich gegen die Erhöhung des Rentenalters von 60 auf 62 Jahre sind am Mittwoch in Lyon in Gewalt umgeschlagen. Jugendliche plünderten Geschäfte, setzten Autos in Brand und lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Diese ging im Zentrum der Stadt mit Tränengas gegen rund 300 Jugendliche vor. Ein Behördenvertreter sprach von einem Guerilla-Krieg. 800 Polizisten wurden wegen der Ausschreitungen zusätzlich in die Stadt beordert.

Die Ausschreitungen waren erstmals am vergangenen Wochenende aufgeflammt. Auch in dem Pariser Vorort Nanterre eskalierte die Gewalt. Nach Angaben des Innenministeriums wurden innerhalb einer Woche mehr als 1400 Randalierer festgenommen.

Angesichts der Bilder aus Lyon und Paris sorgt sich Wirtschaftsministerin Christine Lagarde um den Ruf Frankreichs. Zusammenstöße am Rande von Demonstrationen seien "schlimm" für das Bild Frankreichs im Ausland, sagte Lagarde dem französischen Fernsehsender TF1 und sprach von einem "moralischen Schaden" für das Land. "Ich appelliere vor allem an die Vernunft derjenigen, denen es Spaß macht, Blockaden zu errichten oder etwas zu zerstören", sagte die Ministerin. Das Demonstrationsrecht sei "kein Recht auf Zerstörung".

"Wir verlieren hier gerade eine Chance für Frankreich"

Frankreich habe die Wirtschafts- und Finanzkrise besser überstanden als andere Länder. "Wir verlieren hier gerade eine Chance für Frankreich", sagte Lagarde. Die geplante Rentenreform bezeichnete die Politikerin als "legitim". Die Reform sei nötig, um das System "wieder ins Gleichgewicht zu bringen".

Die Polizei räumte am Mittwoch mehrere Blockaden von Reformgegnern vor Treibstoff-Lagern in La Rochelle, Mans und Donges in Westfrankreich. Derzeit ist etwa ein Drittel der 12.500 französischen Tankstellen komplett oder teilweise ohne Treibstoff. Betroffen sind auch zahlreiche Touristen, die die Herbstferien in Frankreich verbringen.

Präsident Nicolas Sarkozy hatte die Räumung der Blockaden angeordnet. "Für Millionen von Mitbürgern" sei es unerlässlich, sich fortbewegen zu können: "Das ist eine grundlegende Freiheit", so Sarkozy, der auch vor Konsequenzen für die Wirtschaft warnte. "Wenn die Blockaden nicht schnell beseitigt werden, könnte diese Randale gravierende Folgen haben und den wirtschaftlichen Betrieb im Land beschädigen", so der Präsident der Zeitung "Libération" zufolge.

Einen Tag vor der erwarteten Abstimmung im Senat über das Reformwerk gab es beim Schienen- und Flugverkehr erneut Ausfälle und Verspätungen. Auf dem zweitgrößten Pariser Flughafen Orly etwa fiel am Mittwochmorgen ein Viertel aller Flüge aus, die Airports von Nantes oder Clermont-Ferrand waren vorübergehend blockiert.

Auf wichtigen Verkehrsachsen behinderten Lkw-Fahrer erneut den Verkehr, auch Schüler und Studenten setzen ihre Proteste fort. Zahlreiche Schulen, aber auch Universitäten blieben für den Unterricht geschlossen.

Kern des Protestes ist die von der Regierung geplante Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre. In den Protest mischt sich aber auch zunehmend eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Regierung. Die endgültige Abstimmung über die heftig umstrittene Rentenreform im Senat wird am Donnerstag oder Freitag erwartet. In der kommenden Woche wird jedoch auch die Nationalversammlung noch einmal über das Projekt abstimmen müssen. Sie hatte dem Vorhaben bereits zugestimmt, es ist jedoch in einigen nebensächlichen Punkten inzwischen abgeändert worden. Eine Mehrheit für das Vorhaben gilt als wahrscheinlich. Präsident Nicolas Sarkozy bekräftige am Mittwoch erneut, am Vorhaben festhalten zu wollen.

luk/Reuters/dpa/AFP

insgesamt 34 Beiträge
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Knut Olsen 21.10.2010
1. Auf Thema antworten
Zitat von sysopBrennende Autos, geplünderte Geschäfte - in Frankreich droht die Lage bei Protesten gegen die geplante Rentenreform außer Kontrolle zu geraten. Zu besonders heftigen Ausschreitungen kam es in Lyon. Wirtschaftsministerin Lagarde sorgt sich um den Ruf des Landes. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,724313,00.html
Es gibt nicht den geringsten Grund zur Sorge.
manda chuva 21.10.2010
2. gallisches temperament
kann es sein, dass so langsam alle moeglichen leute in EUROPA die nase voll haben von "denen da oben" ? - schahdemonstrationen plus ohnesorg mit langfristig schlimmsten konsequenzen fuer die brd - erschiessung eines jugendlichen (gericht verurteilte auf mord) mit anschliessender jugendrevolte in greece - erschiessung eines jugendlichen in france mit anschliessender jugendrevolte - blind- und faulheit der bundesdeutschen politiker mit mit dem ergebnis von ueber 45% nichtwaehlern und eines rechtsrucks im volke - jetzt werden die alten demonstranten am stuttgarter bahnhof radikalisiert --- was wohl dabei rauskommt? - unverhaeltnismaessige polizeiliche massnahmen beim letzten globalisierungsgipfel; man sieht gottseidank so einige erlebnisberichte in videoform im www. ja, ja, die franzmaenner - habe mich schon vor jahren gefragt, warum der "deutsche michel" vergleichsweise schlaefrig ist. zum schluss ein zitat aus der BILD: "...Auf einem Transparent sogar: "Carla on est comme toi on s'fait baiser par le chef de l'etat!!!" Zu deutsch: "Carla, ........!"" ok, dass muss man jetzt selber rauskriegen. ist es lust an randale? nur zum teil bestimmt schon. und da sollten die alarmglocken bei unseren "da oben" klingeln. die da oben, die allen respekt verloren haben; im sinne von: keinen kredit beim untertan mehr haben.
elschmido, 21.10.2010
3. Jugendliche
Na klar. Jetzt sind es wieder die "Jugendlichen", die sich da Strassenschlachten liefern. So wie vor wenigen Jahren, als die "Jugendlichen" die Vorstaedte zerstoert haben. Warum kann man denn das Kind nicht beim Namen nennen?
fracaso 21.10.2010
4. ein kleiner dreher im titel...
fairerweise sollte es heißen "Polizei liefert sich Straßenschlacht mit Jugendlichen"
Olias, 21.10.2010
5. Offensichtlich...
... rächt sich nun, die wesentlichen gesellschaftlichen Fragen seit Jahrzehnten schleifen gelassen zu haben. Hier explodiert eine der beiden Zeitbomben (Überalterung und Bildung), weil Politik und Wählerschaft jahrzehntelang verdrängten. Seitens der Politik wurde fahrlässig gehandelt, denn die Volksvertreter haben den Auftrag die erforderlichen Rahmenbedingungen zu gestalten, deren Sinnhaftigkeit weit über eine Wahlperiode hinaus gelten muß. In Frankreich hat's ja schon mal angefangen, 1789 war's das erste Mal.
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