Sozialproteste: Wut auf den Straßen Israels
Massenproteste in Israel Hunderttausende demonstrieren für soziale Gerechtigkeit
Sie protestieren gegen Wohnungsnot, gegen hohe Steuern und niedrige Löhne. Allein in Tel Aviv gingen nach Angaben der israelischen Polizei mehr als 200.000 Menschen auf die Straße. Landesweit sollen es etwa eine Viertelmillion sein, israelische Medien berichteten von mindestens 350.000 Teilnehmern. Auf ihren Plakaten fordern die Demonstranten mehr soziale Gerechtigkeit, "Erst das Volk, dann der Profit" ist dort zu lesen, oder "Miete ist kein Luxus".
In Tel Aviv zogen die Menschen mit israelischen und mit roten Flaggen der Arbeiterbewegung durch die Straßen und skandierten "Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit" oder "Das Volk gegen die Regierung". Der Protestmarsch begann am Theater-Platz, wo mehr als hundert Aktivisten seit drei Wochen wegen ihrer Kritik an sozialen Missständen campieren. Der Umzug endete später vor dem Sitz des Verteidigungsministeriums und anderer Regierungsbüros.
In Jerusalem versammelten sich die Menschen im Zentrum der Stadt und zogen von dort zur Residenz von Regierungschef Benjamin Netanjahu.
In Israel liegt der durchschnittliche Monatslohn bei etwa 1800 Euro, Lehrer und Sozialarbeiter verdienen in der Regel weniger als 1400 Euro. Das reicht oft gerade für die Miete: Eine bescheidene Wohnung mit drei Zimmern kostet in Jerusalem leicht mehr als 1000 Euro im Monat. Darüber hinaus beklagen die Demonstranten steigende Lebenshaltungskosten und die Verschlechterung der Gesundheitsversorgung und des Bildungssystems.
Zeltlager im Zentrum von Tel Aviv
Seit Mitte Juni gibt es in Israel regelmäßig Demonstrationen. Die Protestbewegung hatte mit einem kleinen Zeltlager im Zentrum von Tel Aviv begonnen, am vergangenen Wochenende waren landesweit etwa 150.000 Demonstranten gezählt worden. Die Organisatoren hatten im Vorfeld der Kundgebungen am Samstag auf mehr als 200.000 Teilnehmer gehofft. Diese Marke wurde als Indikator gesehen, ob die Protestbewegung weiter an Zulauf gewinnt oder sich abzuschwächen beginnt. "Die Mittelklasse hat endlich ihre Macht erkannt", sagte die 65-jährige Edith Cohen, die am Samstag in Tel Aviv demonstrierte, zu der hohen Teilnehmerzahl.
Die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte unter zunehmendem Druck eine Reihe von Reformen in Aussicht gestellt, unter anderem die Freigabe von Bauland und Steuererleichterungen.
Doch vielen Protestierenden genügen diese Ankündigungen nicht. "Die Löhne sind so niedrig, dass wir wirklich schwer arbeiten und es trotzdem nicht zum Monatsende reicht", sagte ein Demonstrant. "Das Leben in diesem Land ist hart. Wir gehen zum Militär, wir arbeiten und zahlen viele Steuern und verdienen trotzdem nicht genug", schimpfte ein anderer.
Einer der Anführer der Proteste, Uri Metuki, sieht noch einen "langen Kampf" vor sich. "Wir versuchen nicht mehr und nicht weniger als den Wandel eines ganzen Systems zu erreichen, das die Interessen des Einzelnen zu Lasten der Interessen der Gemeinschaft privilegiert."
Nach den neuerlichen Protesten gab ein Sprecher der Regierung bekannt, Premier Netanjahu wolle noch am Sonntag ein Team von Ministern benennen, die einen Reformplan erarbeiten würden.