Italiens Matteo Renzi Der lässige Turbo-Premier

Italien hat einen neuen Regierungschef: Matteo Renzi ist jung, dynamisch und frech. Der Sozialdemokrat begeistert und weckt Hoffnungen - wie einst Silvio Berlusconi.

REUTERS

Jeder Tag Anfang dieser Woche ist Renzi-Tag, von nun an bis 2018, wenn nichts dazwischenkommt. Abräumen des Gegenspielers, Vereidigung beim Präsidenten, Vertrauensfrage im Parlament. Montag dazu der Großauftritt im römischen Senat, Dienstag dieselbe Show im Abgeordnetenhaus, der ersten Kammer des italienischen Parlaments.

Lässig, die Hände in den Hosentaschen, in freier Rede, gespickt mit Wortspielen, Zitaten und gut positionierten Gags. Matteo Renzi argumentiert, überzeugt, reißt sein Publikum mit. Nicht unbedingt das im Saal - das interessiert ihn weniger, von dem braucht er nur das Okay bei der Abstimmung, und dessen ist er sich sicher. Renzis Publikum ist immer das ganz große, das an den Fernsehschirmen, das "da draußen", weit weg von den Schauplätzen der klassischen Politik, wo die alte Garde regiert, die er ja gerade abschaffen will.

"Recht hat er", sagen die "da draußen", jedenfalls die meisten. Aber über der Begeisterung liegt auch ein Hauch von Sorge: Kann der halten, was er alles verspricht? Steckt hinter der Show genügend Substanz? Und vor allem, was will dieser im politischen Kern weitgehend unbekannte junge Mann wirklich?

Ab heute hat er nicht nur das Amt, sondern auch eine vergleichsweise stabile parlamentarische Mehrheit. Nun darf er das, was er als Bürgermeister in Florenz begonnen hat, auf ganz Italien übertragen: Sein locker-leichtes, gleichwohl knallhartes Renzi-Regiment. Bei dem zählt nur seine Meinung. Das Kabinett darf ihm zuarbeiten, entscheiden aber darf nur er. Schließlich, so sagt er, sei es ja auch "allein mein Risiko", wenn das Vorhaben scheitert.

"Bürgermeister von Italien"

Ein Programm hat er nur in Stich- und Schlagworten. Das reicht, denn die Botschaft heißt ohnehin nur: Matteo Renzi. Der neue "Bürgermeister von Italien", wie italienischen Medien ihn ironisch nennen, verheißt eine "radikale Veränderung". Er redet von "Mut" und "Träumen", von mehr Arbeit "für unsere Kinder" und weniger Steuern für alle, besseren Schulen, weniger Bürokratie, einer funktionierenden Justiz - mithin, einem anderen, viel schöneren Land. Woher er das Geld für seine Versprechen nehmen will, sagt er nicht.

Dafür kokettiert er mit seinem Alter. Das ist sein Trumpf-Ass, dessen Erwähnung fehlt nie. "Ich habe den Vorteil des Jungseins, ich bin erst 39", teilte er auch Barack Obama gleich mit, als der ihm telefonisch gratulierte. Und der US-Präsident musste zugeben: "In dem Alter kannte mich noch niemand."

Mit "ich werde", "ich will" beginnen viele seiner Sätze, gern auch mit "wir" und "uns" - aber auch das meint eher "ich". Manches an Renzi wecke Erinnerungen an Silvio Berlusconi, so der Gründer und Kolumnist der Tageszeitung "La Repubblica", Eugenio Scalfari.

Wie sein betagter Vorvorgänger plant der jüngste Ministerpräsident, den Italien je hatte, seine scheinbar spontan-lockeren Auftritte präzise. Der eine hat das Showbusiness als Staubsaugerverkäufer und Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen gelernt, Renzi im familieneigenen Marketingunternehmen. Auch sein persönlicher Look ist kalkuliert, was er wann trägt, die immer perfekte Frisur, die leichte Bräunung von der Sonnenbank. In seiner Partei, dem sozialdemokratischen Partitio Democratico (PD), gibt es deshalb einige Vorbehalte gegen den Aufsteiger, der mit christdemokratischen Wurzeln Karriere im Mitte-Links-Bündnis gemacht hat. Aber auch die meisten Kritiker sehen es so, wie der Philosoph und Ex-Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari: "Wenn Renzi scheitert, sind wir am Ende!"

Seit Jahren bewegt sich nichts in der italienischen Politik, alles ist festgefahren. Die brutalen Auswirkungen der globalen Finanzkrise zwischen Palermo und dem Brenner-Pass sind vor allem hausgemacht. Das Land krankt an einer kranken Politik. Nur einer wie Renzi - und den gibt es derzeit eben nur einmal - kann das blockierte Land wieder in Gang bringen. Darauf hoffen viele, Linke wie Rechte. Erst die zweite Frage ist, wohin soll es mit diesem Lokführer eigentlich gehen?

Wie er die Welt sieht, hat Italiens neuer Regent kürzlich in einem Aufsatz zur Neuauflage des vor 20 Jahren ersterschienenen Werkes "Rechts und Links" von Norberto Bobbio beschrieben. Der Philosoph (1909-2004) gilt als Erfinder des "liberalen Sozialismus", in Abgrenzung zum Sozialismus und zur Sozialdemokratie.

Die Welt sei heute in ständiger Bewegung, schreibt Renzi dort, der Versuch sie zu blockieren, müsse scheitern. Man dürfe "keine Angst vor der Modernität haben", müsse sie als Segen begreifen, nicht als Hindernis. Die "historische Mission der Linken" bestünde heute darin, die globale Dynamik zum Vorteil aller zu nutzen.

Nichts Geringeres hat er jetzt im Labor Italien vor. "Schluss mit den Ausreden", so Renzi im Senat, "jetzt ist Courage angesagt!"

insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
robin-masters 26.02.2014
1. Erst Liefern
dann huldigen.. Das mit dem Hochjubeln war ja schon bei Obama eine bittere Enttäuschung. Vielleicht sollte man bei Renzi jetzt warten bevor man Ihm den Nobelpreis verleiht. Wichtigste Punkte auf seiner Agenda sollte Wahlreform und Arbeitsmarktreform sein. Politische Stabilität und mehr Flexibilität im Arbeitsmarkt wärden dringend erforderlich.
mwinter 26.02.2014
2. Jung, Dynamisch und Frech
Besser für Italien wäre: seriös, kompetent und anständig. Von "frechen" Politikern hatte das Land in den letzten Jahren nun wirklich genug. Und "jung und dynamisch" war Berlusconi auch mal...
Helga-B- 26.02.2014
3. Italiens Matteo Renzi: Der lässige Turbo-Premier
Abwarten, vielleicht geht der Schuß auch nach hinten los. Tolle Rhetorik ist keineswegs immer positiv, aber für viele Menschen offenbar wichtiger als die anschließende Nichtumsetzung des Schöngeredeten. Und wenn dann noch einer kommt, der keine Götter und Meinungen neben sich duldet.....
addit 26.02.2014
4.
Also, bis jetzt macht der einen guten Eindruck auf mich. Hoffen wir das beste, vor allem für die Italiener!
osbourne68 26.02.2014
5. Kriminalität
Solange Renzi nicht umgehend die organisierte Kriminalität in Italien ausrottet, wird jeder Versuch, das Land zu reformieren, scheitern. In Italien regieren die Clans und nicht die Politiker.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.