Matteo Salvini und die Kirche Mit dem Rosenkranz gegen den Papst

Wie kann einer wie Lega-Chef Matteo Salvini im erzkatholischen Italien populärer werden als Papst Franziskus? Indem er sich noch katholischer gibt und als Macher inszeniert.

Matteo Salvini küsst sein Kreuz: Folgen ihm die italienischen Katholiken?
Ivan Romano/ Getty Images

Matteo Salvini küsst sein Kreuz: Folgen ihm die italienischen Katholiken?


Bei einer TV-Talkshow zieht Matteo Salvini Heiligenbildchen vom - in der Kirche umstrittenen, im Volk verehrten - Padre Pio aus der Tasche und sagt: "Ich glaube daran. Ich bin Christ und bezeuge meinen Glauben mit meiner Arbeit".

Auf offener Bühne hält der Lega-Chef und Innenminister einen Rosenkranz hoch und küsst ihn ergriffen.

Zum Ende der "Salvini-Sommer-Tour", kürzlich im sizilianischen Syrakus, zückt er zum Rosenkranz noch ein Heiligenbildchen, das ihm "gerade jemand aus dem Publikum gereicht" habe.

Unvergessen auch sein Auftritt vor der Parlamentswahl im März 2018: Salvini schwört auf die Bibel, "dem Volk, den 60 Millionen Italienern, treu zu dienen". Natürlich hat er einen Rosenkranz in der Hand.

Und am Montag dieser Woche, als Regierungschef Giuseppe Conte seinen Rücktritt ankündigt und die Schuld am Zerbrechen der Regierungskoalition allein Salvini zuschreibt, küsst der Gescholtene ein Holzkreuz am Rosenkranz zur Demonstration seines seinen tiefen katholischen Glaubens.

Der Papst fordert eine Willkommenskultur für Migranten

Nicht jedem gefällt das. Andrea Camilleri, Erfinder des "Commissario Montalbano" und Italiens beliebtester Schriftsteller, verkündete kurz vor seinem Tod am 17. Juli in einem Interview, die 5-Sterne-Bewegung sei "ein politisches Nichts", bei den PD-Sozialdemokraten entdecke er "keine Ideen", aber bei Salvini mit dem Rosenkranz überkomme ihn "ein Brechreiz".

Womöglich geht es Papst Franziskus so ähnlich, doch sagen dürfte er es auch dann nicht so klar. Deshalb umschreibt er es immer wieder, so wie am Mittwoch bei der Generalaudienz im Vatikan: Wer ein guter Christ sein wolle, der müsse bereit sein, sein Eigeninteresse hintanzustellen. Ein wahrhafter Christ sei "großzügig mit den anderen", helfe den Schwächsten, teile mit den Ärmsten. Und wahrhaft christlich sei es erst, "wenn es die eigene Tasche erreicht". Andernfalls sei alles nur Heuchelei.

Das Oberhaupt der Katholiken macht immer wieder deutlich, wen genau er mit "den Schwächsten und Ärmsten" meint: Bettler ohne Dach über dem Kopf, Sinti und Roma in trostlosen Lagern und die Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, um aus Kriegsregionen nach Europa zu kommen. Deshalb hat er Migranten die Füße gewaschen, deshalb ging 2013 seine erste Reise als Pontifex auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa. Alles um zu demonstrieren, was Papst Franziskus für christlich hält: Eine "Willkommenskultur für Migranten".

Kirchgänger für Salvini

Salvinis Leitmotiv im Wahlkampf hieß: "Stop Invasione", also: Schluss mit dem Einzug der Migranten. Als er 2018 als Innenminister und Vizepremier einen Teil der Macht in Rom übernahm, begann er umgehend mit der Umsetzung seiner etwas anderen christlichen Politik: Er sperrte Lampedusa und alle anderen Anlaufpunkte für Flüchtlingsschiffe in Italien, verjagte die Rettungsschiffe der Hilfsorganisationen, stoppte weitgehend die Rettungseinsätze der italienischen Küstenwache. Wer heute noch schiffbrüchige Flüchtlinge nach Italien bringt, wird mit hohen Strafen bedroht. Menschenrettung gilt nun als kriminelle Tat.

"Die Christen müssten sich entrüsten", meint Pater Antonio Spadaro, Direktor der katholischen Zeitschrift "Civiltà Cattolica". "Wo bleibt die Empörung der Katholiken?", wundert sich auch die katholische Wochenzeitung "Famiglia Cristiana", wenn "Salvini das Evangelium zur Schau stellt".

Aber die Katholiken erregen sich bislang einfach nicht. Im Gegenteil, immer mehr Italiener wählten Salvini. Sogar von jenen Gläubigen, die jeden Sonntag zur Heiligen Messe gehen, wandten sich viele Salvini zu. In Zahlen:

  • Bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2018 hatten laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Ipsos nur 15,7 Prozent der regelmäßigen Kirchgänger Salvinis Lega gewählt, das war Platz vier im Parteien-Ranking; auf Platz eins kam die 5-Sterne-Bewegung (30,9 Prozent).
  • Bei den Europawahlen im Mai 2019 kamen die Sterne unter den Kirchgängern laut Ipsos nur noch auf 14,3 Prozent; 32,7 Prozent machten ihr Kreuz bei Salvini.

Zusammengefasst: Ein Jahr Salvini im Amt reichte, um seine Lega bei den katholischen Kirchgängern von Platz vier auf Platz eins zu bringen.

Die Sehnsucht nach einem Macher

Zwar sind die sonntäglichen Kirchgänger nicht repräsentativ. Sie sind älter als der Durchschnitt, leben eher in Kleinstädten und Dörfern, beziehen ihre Informationen weniger aus Zeitungen als aus dem Fernsehen, das mehr von Meldungen über Verbrechen und Katastrophen lebt. Aber es sind die ersten Adressaten des Papstes und seines Kirchenapparates. Doch selbst die lassen sich von den päpstlichen Appellen offenkundig nicht beeindrucken.

Sie sind, wie viele Italiener, verunsichert. Ihr Land kommt aus der Wirtschaftskrise nicht heraus, vieles funktioniert immer schlechter - Nahverkehr, Müllabfuhr - die Bürokratie macht das Leben schwer. Die Italiener wollen einen Macher, einen der mutig zupackt, dem sie zutrauen, etwas zu ändern. Voilà: Matteo Salvini.

Salvini wandelt in Berlusconis Fußstapfen

Von Europa, von Deutschland und Frankreich sind viele enttäuscht. "Bella Italia" ist gut für ihre Ferien, ansonsten kommandiert man ihr Land herum, nimmt es nicht ernst, wie Wolfgang Schäuble, der, als er Finanzminister war, immer von den "Hausaufgaben" sprach, die Italien machen müsse. Ein paar Jahre zuvor, 2002, hatte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder es sich noch mit drastischen Worten verbeten, dass die EU-Kommission Deutschland wegen seines Haushaltsdefizits einen "blauen Brief" schicken wollte. Die Italiener aber sollen klaglos hinnehmen, dass jeden Herbst die EU-Kommission Italien vorschreibt, wie es den Etat zusammenstreichen muss - und dann die Sozialleistungen kleiner und die Abgaben größer werden. Kein europäisches Land war einst so EU-affin wie Italien, jetzt grassiert Europa-Frust. Nun will man einen, der "Basta" sagt und "denen in Brüssel" Paroli bietet. Einen wie Salvini.

Natürlich wissen die meisten, dass es nicht so einfach gehen wird, wie Salvini es verspricht. Trotzdem tut es ihnen gut, wenn einer sagt, er werde "mit der Unterstützung von so vielen Frauen und Männern der Kirche" ganz Europa "auf den Weg der Verteidigung seiner jüdisch-christlichen Wurzeln bringen, die von den Bürokraten in Brüssel negiert und vergessen" würden, jenen "Dienern der Interessen der Reichen und der Mächtigen".

Salvini, der Retter der "christlichen Demokratie", ist eine Neuauflage von Silvio Berlusconi. Dem reichten 1994 zehn Wochen, um eine neue Partei (Forza Italia) zu gründen, bei den Parlamentswahlen 21 Prozent zu holen und Regierungschef zu werden. In einer Koalition mit der postfaschistischen Alleanza Nazionale (die heute Fratelli d'Italia, Brüder Italiens, heißt) und der Lega, die damals noch Lega Nord hieß und von Umberto Bossi geführt wurde. Das ist genau die Dreier- Koalition, die Bossi-Nachfolger Salvini sich vorstellt, wenn es denn jetzt zu Neuwahlen in Italien kommt.

Aber vielleicht legen die Sozialdemokraten und die Sterne-Bewegten ja ihre gepflegte Streitkultur für eine Weile auf Eis und entschließen sich, gemeinsam zu regieren, statt Salvini das Feld zu überlassen. Sie könnten dann bis zur nächsten Wahl auch darüber nachdenken, warum dieser Salvini ihnen so viele Wähler entführt. Und auch der Papst könnte darüber sinnieren, warum so viele seiner Schäfchen eher Salvini folgen als ihrem Hirten.

insgesamt 14 Beiträge
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spiegerlguckerl 22.08.2019
1. Das Rosenkranz-küssen
hilft dem Lega-Führer wenig: es wurde von manchen Bischöfen als blasphemisch bezeichnet. Zu recht.
raton_laveur 22.08.2019
2. Den Rosenkranz küssen
Den Rosenkranz küssen und Menschen ertinken lassen - was für en Heuchler! Und was für Heuchler, die sich Katholiken oder Christen nennen und ihm darin folgen.
lolafan10 22.08.2019
3. Salvini gegen die Bergpredigt
Es ist doch so einfach zu erkennen, wie heuchlerisch und unchristlich Salvinis verhalten und Umgang mit dem Christentum ist, gerade als Christ: "Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet." (Matthäus 6:5-8) Das Christentum ist laut der Bibel eine private, persönliche Angelegemheit zwischen Gott und dem Individuum. Wer sich auf die Bühne stellt und sich als Christ inszeniert, tut doch genau das, Was Jesus hier als heidnisch und heuchlerisch bezeichnet.
go-west 22.08.2019
4. Natürlich ist er
ein blasphemischer Heuchler, ein falscher Christ. Aber daß so viele Christen das nicht bemerken wollen und ihm auf den Leim gehen, DAS ist das wirklich Überraschende.
birdie 23.08.2019
5. Das unseelige Brüderpaar im Ungeiste namens Salvini + Berlusconi
haben Italien mit ihrem machtgeilen Populismus an den Abgrund geführt. Sie haben allen alles versprochen und nichts gehalten. Dafür haben sie den Schuldenberg Italiens überproportional ansteigen lassen und wirtschafts- politisch total versagt. Und das, was sie als Reformen anpreisen ist eine Aneinanderreihung von Sch....haus-parolen, frei von Substanz und durchdachter Nachhaltigkeit. Folglich zahlt das dumme Volk die Zeche mit steigender Arbeitslosigkeit und schwindender Kaufkraft. Doch das stört Herrn Salvini nicht im Geringsten. Er küsst lieber Rosenkränze und träumt davon, allgewaltiger Herrscher über das ganze Land zu werden .... komme was wolle ! Bona notte Italia.
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