Mazedonien-Konflikt Die albanische Frage


Steht dem Balkan ein neuer Krieg ins Haus? Seit Tagen liefern sich albanische Rebellen und mazedonische Sicherheitskräfte nahe der Ortschaft Tetovo heftige Gefechte. Mazedonien macht mobil und verlegte Truppeneinheiten in die Grenzregion. Die Lage droht, außer Kontrolle zu geraten.

Die Albaner - seit dem Kosovo-Krieg von den Kfor-Truppen beschützt - haben mit ihren Angriffen einen Seitenwechsel vollzogen. Nun sind sie die Aggressoren. Doch was wollen sie, was sind ihre Ziele? Innenansichten eines Konflikts:

Die Albaner sind eine äußerst zersplitterte Nation. Seit der Bildung des albanischen Staates im Jahre 1912 leben sie verstreut in mehreren Ländern. Noch extremer ist die Zersplitterung seit dem Zerfall des jugoslawischen Staatsverbandes Anfang der neunziger Jahre. Heute sind Albaner, von denen die Mehrzahl muslimisch ist, nicht nur in Albanien (rund 3,2 Millionen) zu finden, sondern auch im Kosovo (1,5 bis 2 Millionen), in Südserbien (70.000 bis 100.000) und in Montenegro (50.000). Rund 230.000 albanische Arbeitsimmigranten leben in Griechenland, hinzu kommt eine unbekannte Anzahl von Illegalen.

In Mazedonien liegt die Zahl der Albaner nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung bei rund 500.000, was einem Anteil von 23 Prozent an der Gesamtbevölkerung entspricht. Albanische Quellen sprechen dagegen von 800.000 Einwohnern. Da die Albaner-Politiker in den einzelnen Ländern die unterschiedlichsten Ziele verfolgen, kann von einer übergreifenden, einheitlichen Strategie zur Lösung der albanischen Frage keine Rede sein.

Die albanische Frage

Die Vision von einem eigenen Albanerstaat, einem Groß-Albanien, ist nach wie vor in den Köpfen lebendig - auch wenn die Vereinigung aller albanischen Siedlungsgebiete in den Augen vieler Albaner nicht als realistisch angesehen wird. Das hat die internationale Gemeinschaft vor allem während des Kosovo-Krieges immer wieder deutlich gemacht.

Das Ziel der Rebellen in Südserbien und in Mazedonien ist es nach eigenen Angaben, sich der slawisch-mazedonischen Herrschaft zu entledigen. Albaner-Vertreter wie der als gemäßigt geltende Ibrahim Rugova wollen langfristig ein unabhängiges Kosovo schaffen, andere Gruppierungen treten für ein unabhängiges Groß-Kosovo ein, das auch Gebiete außerhalb der jugoslawischen Grenzen einschließen würde.

Auch in Mazedonien, das seit dem Zerfall Jugoslawiens 1991 existiert, gibt es eine "albanische Frage". Das albanische Volk fühlt sich im mazedonischen Staatenverband benachteiligt - sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Tatsächlich ist zum Beispiel die Arbeitslosigkeit der überwiegend landwirtschaftlich ausgerichteten Albaner höher, das Bildungsniveau niedriger als beim slawischen Bevölkerungsanteil.

Zur Lösung der politischen Benachteiligung in Mazedonien strebt die Mehrheit der mazedonischen Albaner eine Änderung der Verfassung an. Damit soll die albanische Bevölkerung, die verfassungsmäßig als Minderheit gilt, den slawischen Mazedoniern als staatstragendes Volk gleichgestellt werden. Auch wurden Forderungen nach einer Umwandlung der Republik in eine Föderation laut. Bislang hat die Regierung in Skopje dies vehement abgelehnt. Aus der Sicht einiger slawischer Mazedonier würde diese Konföderalisierung den Zerfall der staatlichen Einheit nach sich ziehen. Radikalere Albaner-Gruppierungen wie die Freischärler streben gar eine ethnische Aufteilung Mazedoniens in einen albanisch und einen mazedonischen Teil an.

Ethnische Konflikte zwischen den Albanern und den Slawo-Mazedoniern hat es seit der Staatsgründung immer wieder gegeben. "Beide Bevölkerungsgruppen haben sich nicht geliebt", weiß Nada Steinmann vom Mazedonischen Programm der Deutschen Welle zu berichten. Jedoch hätten beide Seiten gewusst, wie sie miteinander auskommen konnten. Die Kämpfe, die derzeit vor den Toren des Landes toben, bezeichnet Steinmann daher als aus dem Kosovo "importiert".

Die UCK ist gerüstet

Vieles deutet darauf hin, dass der Kosovo-Konflikt sich mit den Angriffen albanischer Freischärler auf die Stadt Tetovo über die Grenze ausbreitet. Beobachter gehen davon aus, dass es sich bei einem Teil der Rebellen um ehemalige UCK-Kämpfer handelt, die nach dem Krieg im Kosovo nicht zurück ins zivile Leben gefunden haben. Ein weiterer Teil der Kämpfer kommt vermutlich aus Mazedonien. Bei ihnen handelt es sich um junge Albaner, die jetzt für die albanische Sache in ihrem Land zur Waffe greifen.

Die UCK ist laut dem Fachblatt "Defence and Security" sehr gut auf eine Auseinandersetzung mit der mazedonischen Armee vorbereitet. Ihre Kämpfer kennen sich bestens in den Bergregionen der Grenzregion aus. Sie verfügen dem Blatt zufolge über eine große Anzahl von Waffen aus dem Kosovo und werden von Veteranen des Kosovo-Krieges, die 1998 und 1999 gegen die serbische Armee gekämpft haben, ausgebildet. Schätzungen zufolge sollen es zwischen 1000 und 2000 Kämpfer sein, gesicherte Zahlen gibt es jedoch nicht.

Die Guerilla-Kämpfer behaupten, sie könnten auf die Unterstützung der Mehrheit der 500.000 Albaner in Mazedonien bauen. Sollten sich die meisten Albaner tatsächlich mit den Freischärlern solidarisieren, würde der Konflikt einen explosiven Charakter bekommen.

Die Chancen dafür stehen nach Einschätzung von Nada Steinmann gut. Es sei möglich, dass die Rebellen es schafften, die Gefühle der Albaner, sich als Menschen zweiter Klasse zu fühlen, zu instrumentalisieren, glaubt sie. Daneben könnten vor allem die intellektuellen Albaner versuchen, die derzeitige Lage auszunutzen, weil sie jetzt ihre Chance sehen, endlich ihre Rechte durchzusetzen. Wenn es zu dieser Solidarisierung innerhalb der albanischen Bevölkerung kommt, so Steinmann, "kann es tragisch werden". Der Bürgerkrieg hätte Mazedonien erreicht.



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