Referendum in Mazedonien Wir taufen uns auf den Namen...

Mazedonien will nur zu gern in die Nato und die EU. Doch bisher blockieren die Griechen diese Ambitionen - wegen eines alten Titelstreits. Nun stimmen die Menschen in der Balkanrepublik über einen neuen Namen ab.

Pro-EU-Kundgebung in Mazedonien
REUTERS

Pro-EU-Kundgebung in Mazedonien

Aus Skopje berichtet


Es ist einer der längsten politischen Konflikte in Europa - seit 27 Jahren beschäftigt er eine ganze Region: der Namensstreit zwischen Griechenland und Mazedonien. Provisorisch trägt letzteres den reichlich sperrigen offiziellen Namen FYROM, englisches Kürzel für "Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien".

Nun gibt es Hoffnung auf ein Ende des Disputs: Am Sonntag sollen die mazedonischen Wähler über einen neuen Namen für ihr Land abstimmen. "Republik Nord-Mazedonien" würde er lauten. Sollte das Referendum erfolgreich verlaufen, wäre das ein wichtiger Zwischenerfolg auf dem Weg zu einer Konfliktlösung.

Von der hängt viel ab - für viele Beteiligte: Mazedonien, einst politisches Musterland der Westbalkan-Region, heute eines der Armenhäuser Europas, könnte endlich Nato-Mitglied werden und EU-Beitrittsverhandlungen beginnen. Gegen beides hatte Griechenland sein Veto eingelegt. Athen wiederum könnte das Image des nationalistischen Blockierers loswerden, durch das es nach 1991 seine Chance auf eine wirtschaftspolitische Führungsrolle in der Region verspielte.

Für den Westbalkan schließlich wäre es ein wichtiges Signal: Dass auch scheinbar unlösbare Konflikte konstruktiv beigelegt werden können. Die Europäische Union braucht ihrerseits dringend einen vorzeigbaren Erfolg ihrer seit Langem glanz- und ergebnislosen Westbalkan-Politik.

Kein Wunder, dass in den vergangenen Wochen in der mazedonischen Hauptstadt Dutzende wichtiger europäischer Politiker auftraten, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, und für ein erfolgreiches Referendum warben. Und natürlich fehlt es vor allem nicht an pathetischen Appellen mazedonischer Regierungspolitiker selbst.

"Wir haben keinen Plan B", sagt der Außenminister Nikola Dimitrov im Gespräch mit dem SPIEGEL, "das Ganze ist too big to fail. Seit fast drei Jahrzehnten stehen wir auf dem Bahnsteig und sehen all die Züge abfahren. Jetzt wollen wir endlich einsteigen. Unsere Lektion lautet: Wir sind eine Region, die zuviel Geschichte und zu wenig Zukunft produziert hat."

Der Namenstreit begann 1991, als sich die frühere jugoslawische Teilrepublik Mazedonien für unabhängig erklärte und den Verfassungsnamen "Republik Mazedonien" gab. Das löste in Griechenland massive nationalistische Proteste aus, die bis heute nachhallen. Offiziell bestreitet Athen bislang die Existenz einer eigenständigen mazedonischen Nation und wirft Mazedonien vor, territoriale Ansprüche auf die heutige nordgriechische Region Makedonien zu erheben.

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Es geht dabei um historische Konflikte, die mit der Aufteilung des mazedonischen Siedlungsgebietes zwischen Griechenland, Bulgarien und Jugoslawien wie auch mit der schwierigen und späten Nationsbildung der Mazedonier zusammenhängen. Zugleich spielt auch die Frage, wer das Erbe des antiken Makedoniens für sich beanspruchen kann, eine gewichtige Rolle.

Zwar verpflichtete sich Griechenland ursprünglich, Mazedoniens euroatlantische Integration unter dem provisorischen Namen FYROM nicht zu blockieren. Allerdings hielt sich Athen letztlich nicht daran, unter anderem, weil der von 2006 bis 2016 in Mazedonien amtierende nationalistisch-konservative Regierungschef Nikola Gruevski sein Land als Nachfolger des antiken Makedoniens darstellte - aus Sicht Griechenlands eine unerhörte Provokation.

Vom Referendum geht eine hohe Signalwirkung aus

Nach einem eindrucksvollen zivilgesellschaftlichen Aufstand gegen Gruevskis repressives und korruptes Regime kam im Frühjahr 2017 unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Zoran Zaev eine Reformregierung an die Macht. Sie schloss mit Griechenland im Juni dieses Jahres ein Abkommen zur Regelung der Namensfrage ab. Das sieht nicht nur die neue Landesbezeichnung "Republik Nord-Mazedonien" vor.

Auch Teile der mazedonischen Verfassung sollen geändert werden, weil Griechenland in ihnen versteckte Territorialansprüche sieht. Umgekehrt würde Griechenland erstmals die Existenz einer mazedonischen Nation und der mazedonischen Sprache anerkennen.

Ein Referendum über dieses Abkommen ist dabei nur eine Stufe im Prozess der Konfliktlösung. Das mazedonische Parlament muss das Abkommen mit Zwei-Drittel-Mehrheit beschließen, dem wiederum muss am Ende das griechische Parlament mit einfacher Mehrheit zustimmen. Dann wäre der Weg frei für eine euroatlantische Integration Mazedoniens.

Aus Sicht der Zaev-Regierung ist die Referendumsfrage, um die es einen großen innenpolitischen Streit gegeben hatte, daher folgerichtig: "Sind Sie für die Mitgliedschaft in EU und Nato durch die Annahme des Abkommens zwischen Mazedonien und Griechenland?"

Viele sehen in der Umbennenung den einzigen Ausweg

Die meisten Mazedonier empfinden das Namensabkommen zwar als hinreichend absurd. Trotzdem wird laut Umfragen wohl eine knappe Mehrheit für das Abkommen stimmen. Denn viele sind die jahrzehntelange Blockade leid und wünschen sich eine klare EU-Perspektive.

"Niemand ist glücklich mit dem Kompromiss für das bizarre Namensproblem", fasst der mazedonische Publizist Saso Ordanoski im Gespräch mit dem SPIEGEL die Befindlichkeit vieler Menschen im Land zusammen. "Aber einen anderen Weg aus der Sackgasse haben wir nicht."



insgesamt 40 Beiträge
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crazy_swayze 30.09.2018
1.
Der territoriale Anspruch FYROMs ist in deren Verfassung verankert. So viel Recherche muss sein.
d´point 30.09.2018
2. Glauben Sie es?
"eindrucksvoller zivilgesellschaftlicher Aufstand"?!? Sie meinen, amerikanisch-europäische Erpressung der slawischen Mehrheitsbevölkerung zugunsten großalbanischer Nationalisten und Mafiosi. Ein gruseliges Mittel, weltweit eingesetzt: Kontrolle durch Spaltung der Gesellschaft, mittels Unterstützung eines primitiven Mobs - siehe zuletzt auch Ukraine, vorher Lybien, Syrien, Serbien usw. Europa ist gezwungen, einen außenpolitischen Erfolg aufzuweisen, das bedeutet, es muss nach eigenem Gusto umgekrempelt werden, ob es den Betroffenen dabei gut geht, fragt niemand.
eunegin 30.09.2018
3. Balkan - ein Klotz am Bein...
Ich bin mir 100%ig sicher: die gesamte Region, einschließlich EU-Mitglied Kroatien und Griechenland waren und sind ein (weiterer) schwerer Klotz am Bein der EU - die Frage ist nur, ob es besser ist, diesen mehr an sich zu ketten oder nicht. Ich bin beruflich u.a. in dieser Region unterwegs und wenn man etwas an der Oberfläche kratzt, kommt ein explosives Gemisch aus Politik, Geschichte, Familienbanden/Clans, Ethnien, Religion, Kriminalität, Korruption hervor, wie schon seit Jahrhunderten. Eine Explosion kann sich an Nichtigkeiten (aus unserer Sicht....) entzünden. Ein Stückchen Land hier, eine Beleidigung dort, Geld, Einfluss der Großmächte etc. Das geht nicht gut!
yogtze 30.09.2018
4.
Wieder einmal ein sehr einseitiger Artikel zu dem Thema. Der agressive Nationalismus der Skopjer wird Diese haben keinerlei Verwandtschaft mit den antiken Makedoniern, die ein griechischer Volksstamm waren. Die Skopjer hingegen sind Slawen, die erst zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert nach Christus auf den Balkan eingewandert sind. Diese nennen sich nun "Mazedonier", vereinnahmen die Geschichte der antiken Makedonier für sich und stellen auch Gebietsansprüche an Griechenland. Der Artikel hingegen suggeriert, als seien die Skopjer historisch im Recht und die griechischen Einwände seien eingebildet, ein wirklich armseliger Artikel hier auf SpOn.
rpr 30.09.2018
5. Lesen ist auch eine Form der Recherche
Zitat von crazy_swayzeDer territoriale Anspruch FYROMs ist in deren Verfassung verankert. So viel Recherche muss sein.
Wie interpretieren sie den Satz: "Auch Teile der mazedonischen Verfassung sollen geändert werden, weil Griechenland in ihnen versteckte Territorialansprüche sieht."? Oder kann es sein, dass Sie den Artikel gar nicht gelesen haben?
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