McCains Parteitag Republikaner nutzen "Gustav" für Show der Entschlossenheit

John McCain zeigt sich beim Packen von Hilfspaketen, Frau Cindy wirbt um Spenden: Die Republikaner verzichten beim Parteitag auf Pomp und Jubelreden - und inszenieren sich als forsche Krisenmanager. Der Baby-Skandal um Vizekandidatin Palin stört die Show. Er irritiert gerade religiöse Wähler.

Aus St. Paul berichtet


St. Paul - Seit wenigen Stunden läuft der Parteitag jetzt schon, und alles soll möglichst normal aussehen. Auf den Leuchtbändern in der XCel Energy Arena in St. Paul flimmert "Country First" - "das Land zuerst!", John McCains neuer Slogan. Die Bildschirme ringsum zeigen gewaltige US-Flaggen. Die Namen des frisch gekürten Republikaner-Duos "McCain/Palin" sind in dicken Lettern an der Wand zu lesen.

Aber irgendwie fehlt etwas: Keine Musik dröhnt aus den Boxen, auf der breiten Bühne steht bloß ein schlichtes Rednerpult aus Holz. Unbekannte Parteifunktionäre verlesen die Programmpunkte so nüchtern routiniert, als ginge es um die Statuten des lokalen Kleingärtnervereins.

Aber dann, um viertel vor fünf nachmittags, scheppert der Saalsprecher endlich begeistert los: "Begrüßen Sie die First Lady der USA, Laura Bush." Die Delegierten springen geschlossen auf, als seien sie entschlossen, ihre Party jetzt aber beginnen zu lassen. Die Texas-Delegierten in den vorderen Reihen schwenken ihre Cowboyhüte, Bush kann ein paar Minuten lang gar nichts sagen, so ausgelassen tobt der Saal.

Dabei hat sie gar keine politische Botschaft mitgebracht. Oder vielleicht doch - gerade weil die Präsidentengattin Parteien nicht erwähnt. "Unsere Priorität muss jetzt sein, die Sicherheit der Menschen in der Region am Golf sicherzustellen", sagt sie. Denn: "Zuallererst sind wir alle Amerikaner."

Cindy McCain liest zögerlich vom Teleprompter ab

Bush führt die republikanischen Gouverneure ein, die am Golf von Mexiko die Hilfe für Opfer von Hurrikan "Gustav" koordinieren. Sie grüßen aus Alabama, aus Florida, aus Mississippi per Videoschaltung, im Hintergrund tobt der Wind. Sie tragen Polohemden, sie geben sich wie entschlossene Krisenmanager, die gar nicht abwarten können, wieder zurück zum Einsatz zu eilen.

Dann tritt noch Cindy McCain auf die Bühne. Die Frau des Präsidenten steht neben der Frau, die First Lady werden möchte. Zwar liest McCain noch sehr zögerlich vom Teleprompter ab. Doch auch sie findet versöhnliche Worte im Angesicht der Hurrikan-Krise. "Es ist an der Zeit, nicht länger einfach Republikaner zu sein, sondern Amerikaner", sagt die Kandidatengattin.

So groß ist der Jubel der Delegierten über das Damenduo, dass der verkürzte Parteitagsauftakt fast wie ein PR-Erfolg wirkt - trotz der Hurrikan-bedingten Absagen von Parteischwergewichten wie Präsident George W. Bush und Vize Dick Cheney. Matthew Dowd, vor vier Jahren der Chefstratege hinter Bushs Wiederwahl, analysiert vor Journalisten: "McCain kann davon profitieren. Der erste Tag mit den Reden von Bush und Cheney wäre sonst nicht sehr gut für ihn gewesen. Ich glaube, seine Leute wollen lieber Laura Bush auf der Bühne haben, um über humanitäre Hilfe zu sprechen - als einen George W. Bush, der den Irakkrieg verteidigt."

Schwangerschaftsskandal mitten im Wahlkampf

Tatsächlich bietet der Terminplanwechsel den Republikanern Gelegenheit, sich drei Jahre nach dem "Katrina"-Debakel der Bush-Regierung als mitfühlende Krisenmanager darzustellen. Parteilobbyisten verwandelten rauschende Partys blitzschnell in Spendensammelaktionen für die Flutopfer in der Golfregion. John McCain lässt sich beim Packen von Hilfspaketen filmen. Von der Bühne verlesen Laura Bush und Cindy McCain Internet-Adressen von Hilfsorganisationen. Fast zwei Millionen Dollar kommen zusammen.

Doch in die Euphorie mischt sich neue Aufregung. Viele Delegierte hier haben immer noch nicht verdaut, dass John McCain völlig überraschend Sarah Palin, die Gouverneurin von Alaska, zu seiner Nummer zwei berufen hat. Nun kam am Montag noch heraus, dass Palins 17 Jahre alte Tochter im fünften Moment schwanger ist. Zwar beeilte sich die Familie zu erklären, die junge Mutter werde natürlich heiraten - und man freue sich über den Nachwuchs. McCain-Helfer versuchen gar, die Familienturbulenz als Beleg für die Bodenständigkeit der Palins darzustellen. Die seien eben eine "amerikanische Familie".

Doch wie sich diese Enthüllung auf den Wahlkampf auswirkt, ist noch völlig unklar - gerade unter religiösen Republikanern, die die erzkonservative Abtreibungsgegnerin Palin anfangs willkommen geheißen hatten. Erste Stimmen werden laut, McCain habe seine Entscheidung zur Personalie der Vizepräsidentschaftskandidatin überhastet getroffen. "Das kann zu einem Problem werden, wenn Leute zu fragen beginnen: Was ist da los in Alaska? Was wissen wir noch nicht über Sarah Palin?", analysiert Matthew Dowd. Republikanische Anwälte sind auf dem Weg nach Alaska, um den Hintergrund der Vize-Bewerberin noch einmal zu prüfen.

Wettstreit um die bessere Rede

Die Republikaner sind sonst für penible Inszenierungen bekannt. Jetzt bescheren Hurrikan und Vize-Querelen ihnen ein ungewohntes Parteitagselement: Unberechenbarkeit. Zwar wird man wohl bereits an diesem Dienstag wieder zum offiziellen Programm zurückkehren, das dann für Mittwochabend den mit Spannung erwarteten Auftritt Palins vorsieht. Noch ist aber unklar, in welchem Rahmen McCain am Donnerstagabend die Nominierung seiner Partei annehmen wird. Mit seiner Rede muss er sich an Barack Obama messen lassen, der eine Woche zuvor vor 85.000 Stadionzuschauern sprach - und fast 40 Millionen Amerikaner an den TV-Schirmen erreichte.

Sicher scheint, dass die Republikaner ihre persönlichen Attacken auf Barack Obama abmildern werden. McCains Team hält dem Demokraten seit Monaten seine angeblich fehlende Erfahrung vor. Vor dem Hintergrund der Sturmkatastrophe scheint zu viel Aggressivität aber deplaziert. Aus Republikaner-Kreisen ist außerdem zu vernehmen, McCain gehe es nun eher darum, sich als besserer Wegbereiter des Wandels in Washington zu präsentieren.

In diese Richtung zielte auch Palins Überraschungsbenennung. "Im Gegensatz zu Obama, der mit Joe Biden den Status Quo in Washington berufen hat, hat sich McCain für eine Kandidatin entschieden, die für Wandel steht", sagt der republikanische Top-Kongressabgeordnete Roy Blunt in St. Paul. Auch McCains "Gustav"-Auftritte sollen vor allem seinen neuen Führungsstil unterstreichen - in Abgrenzung zum unpopulären Präsidenten Bush, der seinen "Katrina"-Einsatz so vermurkste.

Auf Bush warteten am Dienstag in St. Paul rund 5000 Demonstranten. In dichten Reihen zogen sie vom prächtigen Parlamentsgebäude die Straße hinunter. Sie nennen den Präsidenten auf ihren Schildern einen internationalen Terroristen, sie zählen lautstark die Tage herunter bis zum Ende seiner Amtszeit - "dieser Riesenfehler." Und sie halten Plakate hoch, auf denen steht: "McCain ist wie Bush."

Am Abend verlautete aus dem Weißen Haus: Der Präsident wird die Delegierten am Dienstag tatsächlich begrüßen. Aber nur per Videoschaltung aus Washington.

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