McClellans Memoiren Ex-Präsidentensprecher wirft Bush Propaganda-Offensive im Irak vor

Schwere Vorwürfe aus dem innersten Kreis: Bushs Ex-Sprecher Scott McClellan hat den US-Präsidenten in seinen Memoiren offenbar scharf kritisiert. Er habe die Öffentlichkeit vor dem Irak-Krieg in die Irre geführt, zitiert die "Washington Post" vorab aus dem Buch.


Washington - Fast ein Jahrzehnt war Scott McClellan ein enger Vertrauter von George W. Bush, von Juli 2003 bis April 2006 war er sogar Regierungssprecher des US-Präsidenten. In dieser Zeit trat er stets als schmallippiger Verteidiger von dessen Regierung auf.

Präsident Bush, Sprecher McClellan (2006): Informationen im Interesse des Präsidenten manipuliert?
REUTERS

Präsident Bush, Sprecher McClellan (2006): Informationen im Interesse des Präsidenten manipuliert?

In seinen Memoiren, die am kommenden Montag in den USA erscheinen, zeigt sich McClellan von einer anderen Seite. In dem 341 Seiten starken Werk geizt er offenbar nicht mit Kritik an seinem früheren Chef und dessen Regierung. Das Buch mit dem Titel: "What Happened: Inside the Bush White House and Washington's Culture of Deception" ist offenbar teils schärfer formuliert, als Journalisten und Polit-Beobachter vermutet hatten.

Laut "Washington Post" und der Webseite Politico.com, die vorab aus dem Werk zitieren, giftet McClellan vor allem gegen die Irak-Politik des US-Präsidenten. Bush sei "auf eine schreckliche Art und Weise vom Weg abgekommen", zitiert die "Washington Post". Er habe die Irak-Krise so gemanagt, dass der Krieg als einzige machbare Möglichkeit übrig blieb.

Im Kapitel "Selling the War", zu deutsch: "Den Krieg verkaufen", kritisiert McClellan, hohe Mitarbeiter der Bush-Regierung hätten im Sommer 2002 eine Strategie erarbeitet, um den Krieg aggressiv zu verkaufen. Es sei darum gegangen, Informationen im Interesse des Präsidenten zu manipulieren.

McClellan sagte, er schätze und bewundere den Präsidenten noch immer - Bush sei von seinem Spitzenleuten schlecht beraten worden. Karl Rove, dem früheren stellvertretenden Stabschef des Weißen Hauses, wirft McClellan vor, er habe Ermittlungen der CIA falsch rapportiert. Vizepräsident Dick Cheney, der als treibende Kraft für den Irakkrieg gilt, bezeichnete McClellan als "Zauberer", der die Politik hinter den Kulissen lenkte, ohne "Fingerabdrücke" zu hinterlassen.

Scharfe Kritik an Bushs Katastrophenmanagement

In seinem Buch kritisiert McClellan die Regierung auch für ihr Verhalten nach der Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina. Die Regierung habe die Katastrophe in der ersten Woche schlicht nicht wahrhaben wollen, wird McClellan zitiert.

Rove beschuldigt er, ein PR-Desaster angezettelt zu haben. Der Vizestabschef habe seinerzeit vorgeschlagen, ein Foto in die Welt zu setzen, auf dem Bush das Katastrophengebiet mit der Präsidentenmaschine Air Force One überfliegt - statt persönlich dorthin zu fahren.

McClellan und Präsidentenberater Dan Bartlett hätten abgeraten, am Ende habe sich Rove durchgesetzt. "So wurde aus einer der größten Katastrophen unserer Nation eine der größten PR-Katastrophen von Bushs Regierung", zitiert Politico.com aus den Memoiren. Das Präsidialamt hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert.

McClellan trat am 19. April 2006 von seinem Posten zurück. Er stand damals schon länger in der Kritik. Statt dem verhassten Medienpool Bushs Politik schmackhaft zu machen - eine zunehmend "schwierige Aufgabe", wie es McClellan damals selbst zugab -, verkroch er sich bei seiner Pressearbeit zusehends in Worthülsen.

McClellans Rücktritt war außerdem Teil einer umfangreicher Neubesetzung von Schlüsselpositionen durch die Bush-Regierung. Mit einem frischen Pressesprecher, einer Degradierung seines Top-Vertrauten Karl Rove und der Auswechselung des Stabschefs Andy Card durch Josh Bolten wollte der krisengeplagte Präsident zudem vor den Kongresswahlen im November ein Zeichen setzen.

ssu



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