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Boxklub in Medellín: Schwäche zeigen ist keine Option

Foto: Felipe Alarcón Correa

Projekt für Jugendliche in Kolumbiens Armenviertel Durchboxen, irgendwie

Medellín galt als gefährlichste Stadt der Welt, heute ist es eine der innovativsten Metropolen Südamerikas. Doch in den Armenvierteln regieren immer noch Gewalt und Drogen - dort gibt ein Boxprojekt Jugendlichen Hoffnung.
Aus Medellín berichten Matthias Fiedler und Felipe Alarcón Correa (Fotos)

Was machst du, wenn dein Vater ein Bordellbesitzer ist, die Straße dein Zuhause, Drogen deine Zuflucht und sie zu transportieren dein Job? Wenn du 21 Jahre alt bist, für deine kleine Tochter nicht sorgen kannst, aber endlich Ordnung in dein Leben bringen willst?

Julian David Ramirez wickelt bedächtig dünne, violettfarbene Bandagen um seine Hände, dann lässt er sich Boxhandschuhe überziehen. "Vamos", ruft er. Es kann losgehen.

Der Sandsack, auf den er gleich einschlagen wird, hängt unter einem Wellblechdach, in einem engen Raum mit scheibenlosen Gitterfenstern, der seit drei Jahren ein Boxklub ist. Er heißt "Boxeo para la vida" ("Boxen fürs Leben") und befindet sich in La Honda, einem der ärmsten Viertel der kolumbianischen Stadt Medellín. "Boxen ist wie ein Blitzableiter, sagt Ramirez. "Der Junge hat Talent", sagt sein Trainer.

Julian David Ramirez

Julian David Ramirez

Foto: Felipe Alarcón Correa

La Honda ist ein Labyrinth aus unverputzten Ziegelsteinhäusern, hoch oben gelegen, in den Hügeln der 2,5-Millionen-Einwohner-Stadt. Bei starkem Regen werden die steilen Straßen spiegelglatt, weil Abwasserkanäle fehlen. Die Gassen sind so eng, dass der Bus, der sich dort hinaufwindet, fast die Hausfassaden streift. Wer hier aussteigt, besitzt nicht viel. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Schritt in die Kriminalität nicht groß.

Ramirez' Viertel ist vieles, was Medellín nicht mehr sein will, seitdem die zweitgrößte Metropole Kolumbiens in den vergangenen Jahren eine Art Zeitenwende erlebt hat. Anfang der Neunzigerjahre hatte die Stadt die höchste Mordrate der Welt.

Der Kokainhändler Pablo Escobar und sein Kartell überzogen Medellín mit Brutalität und Gewalt, ließen Hunderte Polizisten, Richter und Staatsanwälte umbringen. In den Straßen tobte ein Bürgerkrieg zwischen Polizei, rechten Paramilitärs und der linken Farc-Guerilla.

Das Armenviertel La Honda

Das Armenviertel La Honda

Foto: Felipe Alarcón Correa

Heute wird überall in der Innenstadt gehämmert und geschweißt. Jedes Jahr zieht Medellín internationale Kongresse und Ausstellungen an. Der Tourismus boomt. Millionen wurden investiert in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Straßen-, Hochseilbahnen und Rolltreppen verbinden die Slums an den Berghängen mit dem Zentrum, um Menschen schneller in Jobs zu bringen.

Doch auch wenn in den Armenvierteln jetzt mehr Schulen und Kulturzentren stehen - Kriminalität, Drogen und Perspektivlosigkeit sind deshalb nicht verschwunden. Der Boxklub will Jugendlichen und Erwachsenen eine Alternative dazu bieten. Aber kann das gelingen? Und was braucht es noch?

Das Sagen in La Honda haben kriminelle Banden, noch vor ein paar Jahren dealten sie am Fußballplatz gegenüber vom Boxklub mit Pillen, Kokain und Heroin. Überall auf dem Boden lagen Spritzen, Jugendliche lungerten antriebslos auf dem Asphalt, erzählt César Cardona, 31, ein früherer Boxtrainer.

Der frühere Boxtrainer César Cardona

Der frühere Boxtrainer César Cardona

Foto: Felipe Alarcón Correa

Cardona sagt, er habe nicht zusehen wollen, "wie die Kids ihre Zukunft wegwerfen". Er überzeugte die Anführer der Gangs, dem Boxen eine Chance zu geben. Cardona bezahlte einen Kunststoffboden, eine Stiftung stellte Sandsäcke und Boxhandschuhe. Seitdem sind die Junkies verschwunden.

Die Stadt fördert den Boxklub nicht. Im Kunststoffboden klaffen inzwischen faustdicke Löcher, Licht spenden nur zwei Glühbirnen. Bis heute wartet der Trainer des Boxklubs Diego Beltrán auf Kopf- und Tiefschutze, die eine Stiftung versprochen hat. Sparring ist nur möglich, wenn die Schüler zu Gast in einem anderen Boxklub sind.

Mehr als ein Dutzend Jugendliche und Erwachsene kommen drei Mal pro Woche für zwei Stunden ins "Boxeo para la vida"

Mehr als ein Dutzend Jugendliche und Erwachsene kommen drei Mal pro Woche für zwei Stunden ins "Boxeo para la vida"

Foto: Felipe Alarcón Correa

Julian David Ramirez ist ein schmächtiger Mann mit weichen, jungenhaften Gesichtszügen. Mit 14 zog er von zu Hause aus, weil er viel mit seiner Mutter stritt, erzählt er. Er ging zehn Jahre zur Schule, war 18 Monate bei der Marine und schrubbte das Deck auf einem Patrouillenboot.

Danach wusste er nicht, wohin mit sich, begann zu kiffen und zu koksen, weil er seine Sorgen vergessen wollte. Um seine Sucht zu finanzieren, arbeitete er als Tagelöhner auf dem Bau, verlegte Böden, deckte Dächer. "Jobs, bei denen du dich quälst und nichts verdienst."

Ramirez sah das Geld, das seine Kumpels mit dem Drogendealen machten. Eines Tages fragten sie ihn, ob er mitmachen wolle. Es sei "leicht verdiente Kohle". Sie zahlten ihm 5000 kolumbianische Peso für eine Lieferung Marihuana, umgerechnet etwa 1,30 Euro. Ein Witz, das wusste Ramirez, doch er glaubte, wenn er sich einmal bewiesen habe, würde er reich werden. Bis heute macht er die Drecksarbeit.

Ramirez ist Kurier und transportiert in einem Rucksack Joints von Dealer zu Dealer, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er sagt: "Wenn dich die Bullen mit mehr als 50 Stück erwischen, kommst du in den Knast." Ramirez habe schon oft vor der Polizei wegrennen müssen.

Seit einiger Zeit verkaufe er auch Pistolen und Sturmgewehre, erzählt er, er kenne die Reichweite jedes Kalibers. Besser bezahlt werde er dafür nicht. Manchmal fühle er sich ausgenutzt, sagt er und starrt zu Boden, aber er brauche das Geld. Oft könne er sich gerade etwas Reis und Rindfleisch leisten. Für ein Handy reiche es nicht, der Vater bezahle seine Miete, eine Altersvorsorge habe er nicht.

Bürgermeister Federico Gutiérrez kennt den Reiz des schnellen Geldes. Er hat in den vergangenen drei Jahren Tausende Bandenmitglieder ins Gefängnis bringen lassen, trotzdem floriert die Drogenkriminalität, 2018 stieg die Mordrate wieder an. Es überrascht kaum. Manche Gangs verdienen mit dem Rauschgifthandel 20 Millionen kolumbianische Peso am Tag, etwa 5200 Euro. Der monatliche Mindestlohn in Kolumbien liegt bei umgerechnet rund 220 Euro.

"Die Menschen in den Armenvierteln brauchen gut bezahlte Alternativen zum Drogenhandel", sagt die Behördenleiterin Paula Zapata, verantwortlich für wirtschaftliche Entwicklung in Medellín. Genügend Jobs gebe es, keine andere Stadt in Kolumbien investiere mehr Geld in Wissenschaft und Technologie. Im Ruta N, dem größten Innovationszentrum der Region, suchen Start-ups und Unternehmen wie IBM und UPS händeringend nach Personal.

Das Problem ist: In den ärmeren Vierteln, wo die meisten Einwohner der Stadt leben, finden die Firmen kaum Mitarbeiter, weil den Menschen die nötige Ausbildung fehlt; kaum einer spricht Englisch. "Dort müssen wir ansetzen", sagt Zapata. In den Kommunen gebe es jetzt Fortbildungszentren, wo man lernen könne, einen Computer zu bedienen. Zu wenig für eine IT-Stelle, das weiß auch Zapata.

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Boxklub in Medellín: Schwäche zeigen ist keine Option

Foto: Felipe Alarcón Correa

Nach dem Training hocken Ramirez und seine Trainingskollegen erschöpft auf dem Boden in einem Kreis, Schweiß rinnt über ihre Gesichter. Kaum einer von ihnen ist je aus La Honda rausgekommen.

Da ist Briggith, 17, deren Onkel vor einer Woche abgestochen wurde. Da ist Didier, 18, der sich aus einer Gang freikaufen musste und deshalb hoch verschuldet ist. Da sind Jugendliche, die von ihren Eltern geschlagen werden. Sie klagen nicht, Schwäche zeigen ist in ihrer Welt keine Option.

Fußballplatz gegenüber vom Boxclub

Fußballplatz gegenüber vom Boxclub

Foto: Felipe Alarcón Correa

"Die Banden suchen sich Menschen in Not", sagt Trainer Diego Beltrán. Sie versprechen ihnen Geld und Schutz im Tausch für schmutzige Geschäfte. Er könne das nicht verhindern. Er könne Jugendlichen nur einen Ausweg zeigen. Sobald sie boxten, begriffen die meisten, dass ihre Gang-Freunde Blender sind. "Und dass man als Junkie im Ring den Arsch voll bekommt."

Beltrán, 22, ein durchtrainierter Mann mit kantigem Gesicht, ist für seine Schüler der Beweis, dass man es in La Honda zu etwas bringen kann. Er ackerte in der Schule, bekam ein Stipendium für die American University in Medellín, wo er heute Sportrecht studiert, sein Spitzname ist "Professor". Er lacht selten.

Beltrán hilft den Jugendlichen bei Bewerbungsschreiben, er schickt ihnen Links zu sozialen Förderprogrammen, einige seiner Schüler haben dadurch Studienhilfen bekommen. Er verkaufe niemandem den Traum vom Profiboxen, weil der meist in Enttäuschung ende. Er sagt: "Die Kids brauchen keine Visionen. Sie brauchen Chancen."

Julian Ramirez sagt, er träumt von einem eigenen Boxklub. Er hört jetzt vor jedem Training Rammstein, das motiviert ihn. Er kifft weniger, weil er im Ring länger durchhalten will. Und weil ihm die Drogen das Wertvollste genommen haben: seine Tochter.

Um das anderthalbjährige Mädchen kümmere sich seine Mutter, sagt er. Ihm fehle die Reife, ein Kind großzuziehen, habe sie zu ihm gesagt. Die Mutter des Kindes könne sich ebensowenig um die Kleine sorgen. Ramirez weint, wenn er das erzählt. Er schämt sich. Dann steht er auf, wischt sich die Tränen aus den Augen und zupft seine Hose zurecht. Er komme schon irgendwie klar, sagt er, es gehe vorwärts.

Julian Ramirez träumt von einem eigenen Boxklub

Julian Ramirez träumt von einem eigenen Boxklub

Foto: Felipe Alarcón Correa

Vor einiger Zeit hatte er sein erstes Boxturnier in der Klasse bis 52 Kilo, Amateurregeln, zwei Runden á drei Minuten. Den ersten Kampf gewann er durch technischen K.o., den zweiten nach Punkten. Er konnte es kaum glauben.

Als der Ringrichter seinen Arm hob und ihn zum Sieger kürte, sei ihm ganz warm geworden in der Brust. "Ich glaube", sagt Ramirez, "so fühlt sich Glücklichsein an."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.