Drei Jahre Haft wegen Verwechslung Gericht in Italien lässt falschen "General" frei

Er sollte der schlimmste Menschenschmuggler Ostafrikas sein. Nach drei Jahren Haft entschied ein italienisches Gericht nun aber: Der Eritreer Medhanie Berhe ist nicht der berüchtigte "General" - und ließ ihn gehen.

Links: Mered Medhanie, Menschenschmuggler und der "General". Rechts: Medhanie Tesfamariam Behre, der anstelle von Mered drei Jahre im Gefängnis saß.
DPA/NCA; REUTERS/ Italian Police Department

Links: Mered Medhanie, Menschenschmuggler und der "General". Rechts: Medhanie Tesfamariam Behre, der anstelle von Mered drei Jahre im Gefängnis saß.

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Medhanie Tesfamariam Berhe dürfte es zuerst für einen Scherz gehalten haben, als sudanesische und britische Polizisten ihm im Mai 2016 in Khartum Handschellen anlegten.

Dann flogen ihn die Beamten in einem kleinen Jet nach Italien, denn das europäische Land hatte die Auslieferung des berüchtigten Menschenschmugglers Mered Medhanie beantragt. Und als diesen angeblichen Schurken präsentierten sie ihn bei der Landung den Kameras: Mered, der "General" sei gefasst, berichtete auch SPIEGEL ONLINE.

Jetzt, mehr als drei Jahre danach, steht fest: Sie hatten den falschen Mann. Ein Gericht in Palermo entschied am Freitag, dass bei dem Eritreer eine Verwechslung vorliege. Verhandelt wurde nicht nur gegen Medhanie, sondern auch gegen fünf weitere mutmaßliche Schleuser.

Einen Freispruch bekam er nicht: Wegen Beteiligung an Menschenschmuggel verurteilten sie Medhanie zu fünf Jahren Haft und 100.000 Euro Strafe. Wegen der vergangenen drei Jahre aber, die er als mutmaßlicher Großschmuggler im Gefängnis saß, ließen ihn die Richter umgehend frei.

Medhanie im Gerichtssaal: "Er hat wie ein Kind geweint"
Igor Petyx/ EPA-EFE/ REX

Medhanie im Gerichtssaal: "Er hat wie ein Kind geweint"

"Er hat wie ein Kind geweint, als ihm die Richter sagten, seine Identität sei verwechselt worden, und dann seine sofortige Freilassung anordneten", sagte sein Anwalt Michele Calantropo. Medhanie werde nun unverzüglich Asyl in Italien beantragen.

Medhanies Unterstützer wollen gegen Italiens Justiz klagen

Erste Hinweise darauf, dass Medhanie nicht der gesuchte "General" ist, gab es früh. Britische Medien zitierten mehrfach Verwandte des Inhaftierten, die für seine Identität bürgten. Auch eine aus Eritrea stammende Radiojournalistin, die den echten Menschenschmuggler Mered am Telefon interviewt hatte, beschwor die italienische Justiz, sie habe den falschen Mann, der "General" sei weiter frei.

Es nützte nichts. Staatsanwalt Calogero Ferrara ließ sich weder von Zeugen noch von einem Stimmenvergleich mit einer Aufnahme des echten Generals umstimmen. Die Anklage blieb bestehen.

Nachdem das Gericht Medhanie nun frei gelassen hat, wollen die Aktivisten, die jahrelang für die Anerkennung seiner wahren Identität stritten, ihrerseits Klagen. Meron Estefanos, die Journalistin, die den Fall publik gemacht hatte, schrieb bei Twitter: "Das Spiel ist aus Ferrara. Jetzt werden wir Sie verklagen."

Mit Material von AP



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
jankleinmann 12.07.2019
1. Die zwei verbleibenden Jahre
bekommt er erlassen, da der Grund der ersten drei Jahre Haft nicht korrekt war? Verstehe ich nicht.
widower+2 12.07.2019
2. Wie kann das sein?
Die beiden Fotos haben nicht die geringste Ähnlichkeit und zusätzlich gab es jede Menge andere Belege dafür, dass man den Falschen hatte. Das ist von Seiten des Staatsanwalts dermaßen perfide, dass ich hoffe, dass er alsbald die Zelle des Unschuldigen bewohnt.
siegfried_richard_albert 12.07.2019
3. Gegenklage?
Der Mann ist nachgewiesen ein Menschenschmuggler und wurde zu 5 Jahren Haft verurteilt? Was spricht dafür, dass ein Menschenschmuggler vorzeitig entlassen wird? Aber dass Aktivisten jetzt eine Gegen Klage anstreben, zeigt m.E. in diesen Köpfen etwas falsch gelaufen ist.
heiko1977 12.07.2019
4.
Zitat von jankleinmannbekommt er erlassen, da der Grund der ersten drei Jahre Haft nicht korrekt war? Verstehe ich nicht.
Was verstehen Sie nicht? Das man einen Unschuldigen gehen lässt? Eigentlich kann man nicht verstehen warum dieser Mann unschuldig drei Jahre im Knast sitzen musste. Ich hoffe seine Anwälte werden den italiensichen Staat auf Schmerzensgeld, auf entgangenen Lohn, Rente etc. etc.
Periklas 12.07.2019
5. Innenminister Matteo Salvini
Da hat der Regent mit seinen Social Media Feed jemanden in einer italienischen Regierungsmaschine entführen lassen und wirkungsvoll als Verursacher in Szene gesetzt. Die italienische Staatsanwaltschaft folgt Wort genau diesem Innenminister und der Social Feed von Matteo Salvini empfindet keine Schande. Blindes Gehorsam gab es nur unter Berlusconi und dem Duce Mussolini.
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