Medien-Kampagne in Russland Putin lässt die Dreckschleuder anwerfen

Staats-TV und Kreml-nahe Boulevardmedien fahren kurz vor Russlands Präsidentschaftswahl eine Schmutzkampagne gegen politische Gegner. Ein Blatt dichtet Oppositionspolitiker Nemzow eine Callgirl-Affäre an - dessen Reaktion vergleicht der Chefredakteur mit Äußerungen von Christian Wulff.
Oppositionspolitiker Boris Nemzow: "Ein paar auf die Fresse"

Oppositionspolitiker Boris Nemzow: "Ein paar auf die Fresse"

Foto: Alexander Zemlianichenko/ AP

Boris Nemzow, 52, russischer Oppositionspolitiker und Führungsfigur der Proteste gegen die russische Führung im Dezember, hat Russlands lange Winterferien in Dubai verbracht. Zurück in Moskau muss er feststellen: Die Propagandamaschine des Kreml hat keine Ferien gemacht. "Sex-Skandal: Nemzows 1001 Nacht", titelte am Donnerstag das Moskauer Boulevardblatt "Twoi djen" ("Dein Tag").

Die Zeitung druckte Aufnahmen von Nemzow am Strand, begleitet von einer attraktiven Dame im luftigen Kleid. Anastasija Ognjowa ist 25, hat rote Haare und entfernt Ähnlichkeit mit der in den USA aufgeflogenen russischen Ex-Spionin Anna Chapman. Nemzow ist verheiratet, lebt aber seit Jahren von seiner Frau getrennt. Doch die "Muse des Predigers der russischen Demokratie" ("Twoi djen") sei in Wahrheit ein Callgirl für tausend Dollar die Nacht, kolportiert das Blatt.

Sechs Wochen vor der Präsidentschaftswahl lässt Wladimir Putin, Ex-Oberst des Geheimdienstes KGB, in bester Sowjetmanier die Dreckschleuder anstellen. Am 4. März will sich der amtierende Premier wieder zum Präsidenten wählen lassen. Während die Opposition am 4. Februar erneut Zehntausende Anhänger auf die Straße führen und für "saubere Wahlen" demonstrieren will, treiben vom Kreml gesteuerte Medien ein schmieriges Spiel.

Mal rechnet der zum Gazprom-Konzern gehörende Fernsehsender NTW seinen Zuschauern vor, wie viel der Blogger und Putin-Kritiker Alexej Nawalny für seinen Weihnachtsurlaub in Mexiko bezahlt habe. Korruptionsbekämpfer Nawalny gehört sonst zu den auf NTW eher selten erwähnten Namen. Dann wieder berichtet NTW über ein Treffen von Oppositionsaktivisten in der amerikanischen Botschaft: Sie hätten dort Instruktionen für die Revolution von Michael McFaul bekommen. Der Vertraute von US-Präsident Barack Obama ist Washingtons neuer Botschafter in Moskau.

Nemzow nicht zum ersten Mal im Visier der Presse

Das Massenblatt "Twoi djen" gehört dem Unternehmer Jurij Kowaltschuk. Der Milliardär ist Putins Nachbar in der VIP-Datschensiedlung Osero. In der Rolle als Zentralorgan für Prüderie ist Kowaltschuks Kampfblatt bislang nicht aufgefallen: Auf Seite 3 räkelt sich Tag für Tag eine leicht bekleidete Schönheit ("Olja, 20"), und die Foto-Fortsetzungs-Story bei den Kleinanzeigen für erotische Massage dreht sich vor allem um eins: Fremdgeh-Geschichten.

"Twoi djen" nimmt Boris Nemzow nicht zum ersten Mal ins Visier. Im Dezember veröffentlichte die Zeitung auf ihrer Web-Seite abgehörte Telefongespräche des Politikers. Auf den Bändern bedachte Nemzow, der auch öffentlich sein Raubein-Image gerne kultiviert, selbst Verbündete mit unflätigen Schimpfworten: Umweltschützerin Jewgenija Tschirikowa nannte er etwa "eine Ratte", und das zählte noch zu den durchaus vornehmeren Charakterisierungen.

Das Manöver von "Twoi djen" zielte damals darauf ab, die Opposition kurz vor der zweiten Massen-Demo am 24. Dezember zu spalten. Jetzt soll Nemzows vermeintliche Callgirl-Affäre die Protestbewegung zehn Tage vor der nächsten Demo schwächen.

In Russlands Macho-Gesellschaft aber sind Sex-Geschichten - anders als in den prüden USA - kaum geeignet, das Image eines Politikers ernsthaft zu beschädigen. Deshalb suggeriert "Twoi djen", Nemzow finanziere Lustreisen an den persischen Golf mit den Geldern seiner Unterstützer. Im Urlaub habe er "Zeit gehabt, die Spenden seiner Gesinnungsgenossen zu zählen", dichtet das Blatt. Nemzow droht mit einer Verleumdungsklage, weil seine Begleiterin als Prostituierte dargestellt werde, er sei bereits drei Jahre mit Anastasija liiert. Dem Chefredakteur von "Twoi djen" aber werde er deshalb bei Gelegenheit "ein paar auf die Fresse geben".

"Wir beleidigen niemanden. Wir informieren"

Der Angegriffene mimt nun den bedrängten Aufklärer. In seinem Blog zieht "Twoi djen"-Chef Aschot Gabreljanow eine gewagte Parallele: Auch der deutsche Bundespräsident Christian Wulff habe ja mit Drohungen versucht, unangenehme Berichterstattung zu unterbinden. "Wir beleidigen niemanden. Wir informieren", sagt Gabreljanow.

Besonders eifrig kommt "Twoi djen" seinem Informationsauftrag immer dann nach, wenn es Freundliches über Wladimir Putin zu vermelden gibt. Am Mittwoch veröffentlichte die Zeitung auf ihrer Website verwackelte Aufnahmen eines überraschenden Besuchs des Premiers in einem Restaurant in Tomsk. Vor zwei Monaten hatte in der sibirischen Stadt ein Taxifahrer mehrere Kinder bei einem Feuer gerettet. Nun sei in Tomsk ein Gast rein zufällig Zeuge geworden, wie Russlands sonst so gut abgeschirmter Regierungschef mit dem Taxifahrer und den Kindern beim Abendessen saß. In "herzlicher Atmosphäre" tätschelt der Premier da einem Mädchen den Kopf.

Wladimir Putin warnte im vergangenen Jahr vor einem "schmutzigen Wahlkampf". Es scheint, als habe er prophetische Gaben.