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25. Juli 2011, 18:14 Uhr

Medienreaktion auf Massaker

Vorurteile machen blind

Ein Debattenbeitrag von

Der Reflex war erwartbar: Islamisten haben weltweit so erfolgreich Angst und Schrecken verbreitet, dass jeder sie sofort hinter dem Massaker von Oslo vermutete. Doch die vorschnelle Anklage schürt Ressentiments - und macht blind für andere Gefahren.

Natürlich hätte der Terror in Oslo die Tat eines Islamisten sein können. Wer dachte im ersten Moment nicht sofort an islamische Extremisten, als er von den Ereignissen in Norwegen hörte?

Der Schock des 11. September ist bald zehn Jahre her - aber immer noch präsent. Wer zwei gigantische Bürotürme in New York zum Einsturz bringen kann, so die Überzeugung seither, ist zu allem fähig. Es gab Attentate in Madrid und London, Schuhbomber, Flüssigsprengstoff im Flugzeug, vereitelte Anschläge auf den Straßburger Weihnachtsmarkt und auf den Times Square in New York. Auch Skandinavien war seit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen mehrfach Ziel von Attacken. Immer steckten Islamisten hinter dem Terror und den Terrorplänen. Verwundert es da, dass nun der erste Gedanke reflexartig zu al-Qaida und Taliban führte?

So haben die religiösen Fanatiker unser Denken gekapert. Wer konnte schon vor einem Jahrzehnt erklären, was ein Dschihadist ist?

Der Terror hat Tod und Leid über Millionen von Menschen gebracht. Er hat in den vergangenen zehn Jahren zu zwei Kriegen geführt und die Welt gespalten: Studien belegen, dass Millionen von Menschen in der westlichen Welt den Islam für eine Gefahr halten. Ebenso belegen Untersuchungen, dass Millionen von Muslimen im Westen die größte Bedrohung sehen.

Schnelle Erklärungen ohne Grundlage

Wir leben in einer Zeit, die nach Erklärung und Aufklärung verlangt. Wir brauchen Experten, die informieren und analysieren, die einordnen und helfen zu verstehen. Gerade weil wir automatisch an al-Qaida und Taliban denken, wenn irgendwo eine Bombe explodiert, sollten die Fachleute sich davor hüten, mit vorschnellen Verdächtigungen ein Bild zu zeichnen, das Vorurteile nährt.

Das ist nach Bekanntwerden des Terrors von Oslo nicht überall gelungen. Manche Terrorismusexperten wurden Opfer eines Dilemmas: Als von allen Seiten Meldungen, Tweets und Netz-Geschwätz hereinprasselte, wurde von ihnen eine schnelle Erklärung erwartet - die sie selbst noch nicht hatten.

Nicht wenige Experten gaben die scheinbar plausible, aber falsche Antwort: Sie machten Islamisten als Täter von Oslo aus. Das ZDF berichtete am Freitagabend, man habe Kontakt mit norwegischen Sicherheitsbehörden gehabt: "Diese Behörden gehen davon aus, dass al-Qaida oder islamistische Terroristen hinter diesen Anschlägen stecken", hieß es in dem Sender. Auch die ARD berief sich auf die Behörden, die befürchteten, "dass Norwegen schon einige Zeit im Fokus islamistischer Terroristen ist". Das lasse "ziemlich sicher vermuten", dass die Tat einen islamistischen Hintergrund haben könne.

Mit Sicherheit sagen konnten sie zu diesem Zeitpunkt jedoch nur, was der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg nüchtern konstatierte: "Wir wissen nicht, wer uns angegriffen hat."

Auf das schnelle Urteil folgte fix die Schuldzuweisung

Auch SPIEGEL ONLINE wandte sich unmittelbar nach dem Bombenanschlag in Oslo an Terrorexperten. Der befragte Norweger Brynjar Lia antwortete vorsichtig: "Dass die Explosion offenbar im Regierungsviertel stattfand, ist ein starker Hinweis darauf, dass es sich um einen Terroranschlag handeln könnte." Wegen des norwegischen Engagements in Afghanistan hielt er auch einen islamistischen Hintergrund nicht für abwegig.

Andere Medien, TV-Sender wie Nachrichten-Websites, vertrauten gänzlich der eigenen - in diesem Fall aber trügerischen - Urteilsfähigkeit. Sie erklärten kurzerhand Islamisten zu den Tätern. Manche gingen unmittelbar zur Schuldzuweisung über. Die "Fuldaer Zeitung" beispielsweise kritisierte prompt die liberale Ausländerpolitik Norwegens: "Diesem feigen Terrorpack mit Großzügigkeit zu begegnen, hieße, ein Feuer mit Benzin löschen zu wollen."

Nicht nur deutsche, auch andere westliche Medien vergaloppierten sich in diese Richtung. Die "Washington Post" schrieb auf ihrer Web-Seite: "Wir wissen nicht, ob al-Qaida unmittelbar verantwortlich war für die heutigen Ereignisse, aber aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Angriff von einem Teil der dschihadistischen Hydra begangen." Als Begründung wurde angeführt, dass ein paar Extremisten das Massaker auf ihren Internetseiten feierten.

Damit verhielten sich diese Experten nicht anders als viele Diskutanten in Online-Foren, die im Schutze der Anonymität ihren Vorurteilen freien Lauf ließen. Nur vier Minuten nach der ersten Terrormeldung auf der Website des österreichischen "Standard" hatte der erste Leser den Schuldigen parat: "Emigranten, Habn wohl was gegen die grenzen". Hunderte folgten mit anti-islamischen Bekundungen.

Verstärktes Feindbild

Dabei ist der Täter einer, der in seinem verquasten Weltbild die Welt vor "Marxismus und Islamisierung retten" will, der sich christlich und konservativ nennt. Ein möglicherweise psychisch gestörter Norweger, der seinen Hass in einem kruden "Manifest" niederschrieb und gerne Computerspiele spielte.

Für uns Journalisten heißt es nun, den hektischen Moment der ersten Reaktion auf das Attentat in Oslo und auf der Insel Utøya noch einmal selbstkritisch Revue passieren zu lassen. Auf die Nachricht folgt selbstverständlich die Frage nach dem Warum, nach den Motiven des Täters. Jeder Reporter und Moderator und Terrorismusexperte hätte antworten müssen wie der Premier in Oslo: Wir wissen es nicht. Es gibt noch nicht einen einzigen Hinweis. Die Sicherheitsbehörden forschen.

Der Reflex, Islamisten hinter dem Anschlag zu vermuten, birgt nämlich gleich eine doppelte Gefahr: Zum einen verstärkt er das Feindbild, das in vielen Köpfen existiert. Es wird oft nicht zwischen der Masse der gläubigen, friedlichen Muslime einerseits und militanten Islamisten andererseits unterschieden; die Radikalen haben eine ganze Religion als Geisel genommen. Gerne wird vergessen, dass mehr Muslime unter dem Terror leiden als Nichtmuslime - in Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Somalia oder im Irak. Beinahe jeden Tag gibt es dort Anschläge, Selbstmordattentäter töten Unschuldige, verbreiten Angst und Schrecken.

Wenn wir den Kampf gegen den Terror gewinnen wollen, brauchen wir einen klaren Blick für die Gefahren. Vorschnelle Festlegungen und einseitige Verdächtigungen verstellen aber die Sicht. Das ist die zweite Falle, in die wir nicht geraten dürfen. Eine Zahl von Europol sollte als Warnung dienen: Die EU hatte im vergangenen Jahr 249 Terroranschläge zu beklagen. Nur drei hatten einen islamistischen Hintergrund.

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