Medienreaktion auf Massaker Vorurteile machen blind

Der Reflex war erwartbar: Islamisten haben weltweit so erfolgreich Angst und Schrecken verbreitet, dass jeder sie sofort hinter dem Massaker von Oslo vermutete. Doch die vorschnelle Anklage schürt Ressentiments - und macht blind für andere Gefahren.

Muslimin beim Trauergottesdienst in Oslo: Vorschnelle Schuldzuweisung
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Muslimin beim Trauergottesdienst in Oslo: Vorschnelle Schuldzuweisung

Ein Debattenbeitrag von


Natürlich hätte der Terror in Oslo die Tat eines Islamisten sein können. Wer dachte im ersten Moment nicht sofort an islamische Extremisten, als er von den Ereignissen in Norwegen hörte?

Der Schock des 11. September ist bald zehn Jahre her - aber immer noch präsent. Wer zwei gigantische Bürotürme in New York zum Einsturz bringen kann, so die Überzeugung seither, ist zu allem fähig. Es gab Attentate in Madrid und London, Schuhbomber, Flüssigsprengstoff im Flugzeug, vereitelte Anschläge auf den Straßburger Weihnachtsmarkt und auf den Times Square in New York. Auch Skandinavien war seit der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen mehrfach Ziel von Attacken. Immer steckten Islamisten hinter dem Terror und den Terrorplänen. Verwundert es da, dass nun der erste Gedanke reflexartig zu al-Qaida und Taliban führte?

So haben die religiösen Fanatiker unser Denken gekapert. Wer konnte schon vor einem Jahrzehnt erklären, was ein Dschihadist ist?

Der Terror hat Tod und Leid über Millionen von Menschen gebracht. Er hat in den vergangenen zehn Jahren zu zwei Kriegen geführt und die Welt gespalten: Studien belegen, dass Millionen von Menschen in der westlichen Welt den Islam für eine Gefahr halten. Ebenso belegen Untersuchungen, dass Millionen von Muslimen im Westen die größte Bedrohung sehen.

Schnelle Erklärungen ohne Grundlage

Wir leben in einer Zeit, die nach Erklärung und Aufklärung verlangt. Wir brauchen Experten, die informieren und analysieren, die einordnen und helfen zu verstehen. Gerade weil wir automatisch an al-Qaida und Taliban denken, wenn irgendwo eine Bombe explodiert, sollten die Fachleute sich davor hüten, mit vorschnellen Verdächtigungen ein Bild zu zeichnen, das Vorurteile nährt.

Das ist nach Bekanntwerden des Terrors von Oslo nicht überall gelungen. Manche Terrorismusexperten wurden Opfer eines Dilemmas: Als von allen Seiten Meldungen, Tweets und Netz-Geschwätz hereinprasselte, wurde von ihnen eine schnelle Erklärung erwartet - die sie selbst noch nicht hatten.

Nicht wenige Experten gaben die scheinbar plausible, aber falsche Antwort: Sie machten Islamisten als Täter von Oslo aus. Das ZDF berichtete am Freitagabend, man habe Kontakt mit norwegischen Sicherheitsbehörden gehabt: "Diese Behörden gehen davon aus, dass al-Qaida oder islamistische Terroristen hinter diesen Anschlägen stecken", hieß es in dem Sender. Auch die ARD berief sich auf die Behörden, die befürchteten, "dass Norwegen schon einige Zeit im Fokus islamistischer Terroristen ist". Das lasse "ziemlich sicher vermuten", dass die Tat einen islamistischen Hintergrund haben könne.

Mit Sicherheit sagen konnten sie zu diesem Zeitpunkt jedoch nur, was der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg nüchtern konstatierte: "Wir wissen nicht, wer uns angegriffen hat."

Auf das schnelle Urteil folgte fix die Schuldzuweisung

Auch SPIEGEL ONLINE wandte sich unmittelbar nach dem Bombenanschlag in Oslo an Terrorexperten. Der befragte Norweger Brynjar Lia antwortete vorsichtig: "Dass die Explosion offenbar im Regierungsviertel stattfand, ist ein starker Hinweis darauf, dass es sich um einen Terroranschlag handeln könnte." Wegen des norwegischen Engagements in Afghanistan hielt er auch einen islamistischen Hintergrund nicht für abwegig.

Andere Medien, TV-Sender wie Nachrichten-Websites, vertrauten gänzlich der eigenen - in diesem Fall aber trügerischen - Urteilsfähigkeit. Sie erklärten kurzerhand Islamisten zu den Tätern. Manche gingen unmittelbar zur Schuldzuweisung über. Die "Fuldaer Zeitung" beispielsweise kritisierte prompt die liberale Ausländerpolitik Norwegens: "Diesem feigen Terrorpack mit Großzügigkeit zu begegnen, hieße, ein Feuer mit Benzin löschen zu wollen."

Nicht nur deutsche, auch andere westliche Medien vergaloppierten sich in diese Richtung. Die "Washington Post" schrieb auf ihrer Web-Seite: "Wir wissen nicht, ob al-Qaida unmittelbar verantwortlich war für die heutigen Ereignisse, aber aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Angriff von einem Teil der dschihadistischen Hydra begangen." Als Begründung wurde angeführt, dass ein paar Extremisten das Massaker auf ihren Internetseiten feierten.

Damit verhielten sich diese Experten nicht anders als viele Diskutanten in Online-Foren, die im Schutze der Anonymität ihren Vorurteilen freien Lauf ließen. Nur vier Minuten nach der ersten Terrormeldung auf der Website des österreichischen "Standard" hatte der erste Leser den Schuldigen parat: "Emigranten, Habn wohl was gegen die grenzen". Hunderte folgten mit anti-islamischen Bekundungen.

Verstärktes Feindbild

Dabei ist der Täter einer, der in seinem verquasten Weltbild die Welt vor "Marxismus und Islamisierung retten" will, der sich christlich und konservativ nennt. Ein möglicherweise psychisch gestörter Norweger, der seinen Hass in einem kruden "Manifest" niederschrieb und gerne Computerspiele spielte.

Für uns Journalisten heißt es nun, den hektischen Moment der ersten Reaktion auf das Attentat in Oslo und auf der Insel Utøya noch einmal selbstkritisch Revue passieren zu lassen. Auf die Nachricht folgt selbstverständlich die Frage nach dem Warum, nach den Motiven des Täters. Jeder Reporter und Moderator und Terrorismusexperte hätte antworten müssen wie der Premier in Oslo: Wir wissen es nicht. Es gibt noch nicht einen einzigen Hinweis. Die Sicherheitsbehörden forschen.

Der Reflex, Islamisten hinter dem Anschlag zu vermuten, birgt nämlich gleich eine doppelte Gefahr: Zum einen verstärkt er das Feindbild, das in vielen Köpfen existiert. Es wird oft nicht zwischen der Masse der gläubigen, friedlichen Muslime einerseits und militanten Islamisten andererseits unterschieden; die Radikalen haben eine ganze Religion als Geisel genommen. Gerne wird vergessen, dass mehr Muslime unter dem Terror leiden als Nichtmuslime - in Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Somalia oder im Irak. Beinahe jeden Tag gibt es dort Anschläge, Selbstmordattentäter töten Unschuldige, verbreiten Angst und Schrecken.

Wenn wir den Kampf gegen den Terror gewinnen wollen, brauchen wir einen klaren Blick für die Gefahren. Vorschnelle Festlegungen und einseitige Verdächtigungen verstellen aber die Sicht. Das ist die zweite Falle, in die wir nicht geraten dürfen. Eine Zahl von Europol sollte als Warnung dienen: Die EU hatte im vergangenen Jahr 249 Terroranschläge zu beklagen. Nur drei hatten einen islamistischen Hintergrund.



insgesamt 45 Beiträge
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angst+money 25.07.2011
1. Naa ja
Es ist ja nicht so, dass der Reflex völlig grundlos über uns (ja, mich auch) gekommen ist. Man sollte sich dann vielleicht nicht gleich so vergallopieren wie die Fuldaer Zeitung, keine Moscheen anzünden und nicht in Online-Foren rumhetzen, aber wie gesagt - völlig abwegig war diese Schlußfolgerung nicht. Nun haben wir uns geirrt, Fanatismus gibt es überall, mit unterschiedlicher statistischer Verteilung und das ist - gepaart mit Religion - das eigentliche Übel. Über diesen Nebenaspekt sollte man sich nicht streiten, denken wir lieber an die Opfer und die Hinterbliebenen.
fallobst24 25.07.2011
2. Erklärung
Nur 3 von 249 Terroranschlägen in der EU haben islamischen Hintergrund? Ich kann mich in der EU ehrlich gesagt jetzt an gar keinen Konkreten erinnern. Hab da anscheinend einiges verschlafen. Naja, an Madrid 2004 oder London 2008 kann ich mich noch sehr gut erinnern. Und Russland mit über 100 Toten in diesem Jahr am Flughafen sollten sie auch mal bedenken. War zwar nicht in der EU, aber verdammt nah dran. Ansonsten habe ich jetzt Mal über Wikipedia nachgezählt. Der Artikel "List of terrorist incidents, 2010" zählt ganze 4 Tote und ein paar Verletzte im ganzen Jahr in der EU auf. Die Toten entfallen auf Schweden, Kosovo, Griechenland und Frankreich. http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_terrorist_incidents,_2010
hepra 25.07.2011
3. Nicht verwunderlich!
Aus dem Artikel: "Gerne wird vergessen, dass mehr Muslime unter dem Terror leiden als Nicht-Muslime - in Ländern wie Afghanistan, Pakistan, Somalia oder im Irak. Beinahe jeden Tag gibt es dort Anschläge, Selbstmordattentäter töten Unschuldige, verbreiten Angst und Schrecken." Gerade da liegt ja der Hase im Pfeffer! Es geht nicht nur darum, wer unter dem Terror zu leiden hat, sondern auch darum, wer ihn verübt. Alle genannten Länder, in denen Terror und Anschläge sogar gegen die eigenen Glaubensbrüder schon zum traurigen Alltag gehören, sind islamisch. Die Untaten werden von fanatisierten Muslimen, die sich auf ihre Religion und auf den Koran berufen, begangen. Wer den Koran aufmerksam liest, findet tatsächlich zahlreiche Stellen, die sich vehement gegen Andersgläubige richten. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Islamisten. Wen kann da dieser zugegeben voreilige Aha-Effekt eigentlich noch wundern? Aber in Zukunft wird man nach dieser Lehre hoffentlich sorgfältiger recherchieren, bevor Vermutungen und Schuldzuweisungen geäußert werden. Dass SPIEGEL online sich dieser hohen journalistischen Verantwortung zu stellen bereit ist, ist höchst begrüßens- und achtenswert.
Lady Wanda, 25.07.2011
4. Danke für diese differenzierte Betrachtungsweise...
Es ist gut, wenn angesichts dieser entsetzlichen Geschehnisse wenigstens Einzelne ihren klaren Kopf bewahren. Und es ist gut, dass Norwegen an seinem Prinzip der offenen Gesellschaft festhält und dort niemand in Hass-Rhetorik oder allgemeine Terrorismus-Hysterie verfällt. (ich wage gar nicht daran zu denken, wie DEUTSCHE Politiker in einer ähnlich gelagerten Situation reagiert hätten....und über die verbalen Ausscheidungen von BILD und ähnlichen Presseerzeugnissen decke ich lieber den Mantel des Schweigens...) Es bringt nichts, den Täter zu dämonisieren - er ist ein Mensch wie alle anderen. Und sicher müssen wir uns angesichts seiner Spuren im Internet die Frage stellen, inwieweit unreflektiertes Islam-Bashing oder Linken-Bashing eine Haltung wie die seine gefördert haben. Jetzt ist Besonnenheit das Gebot der Stunde. Die Norweger machen es uns vor. Das Ziel, die Gesellschaft durch Terror zu destabilisieren hat DIESER Mensch NICHT erreicht. Es gilt, bei aller Teilnahme mit den Opfern nüchtern und rational zu bleiben. Und dazu gehört auch ein Verzicht auf Hasstiraden und Demagogie... (was zur Zeit in manchen Internetforen zu diesem Thema geschrieben wird, ist dermaßen unterirdisch dass einem Angst und bange werden kann...das Potenzial für die vom Osloer Attentäter heraufbeschworene Barbarei ist da - es muss nur noch in die "richtige" Richtung gelenkt werden...)
Mitbuerger0815 25.07.2011
5. Völlig normal dass hier unterschieden wird zwichen Terror und Irrsinn
Wer hier überrascht ist, lebt hinter dem Mond. Wer die Medien aufmerksam verfolgt, insbesondere BILD, dürfte sich über die Reaktionen nicht wundern. Wenn Sarazzin einen Bestseller schreibt, dessen Leser nicht nur aus bild Lesern besteht, dann ist klar dass unsere Gesellschaft sehr wohl unterscheidet Zeichen islamistischen Terror und die Tat eine irregeleiten Kranken. Wir mögen hier viele Rechtspopulisten haben, die mal gerne Kampagnen gegen Migranten starten und hier Formulierungen nutzen, die auch als Herze gegen multiKulti verstanden werden können. Jedoch rufen diese nicht zu Gewalt auf, nur zu Wahlen.
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