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Mega-Protest in Kairo Das Volk feiert seine Zukunft

Das hat es während der Herrschaft von Husni Mubarak nie gegeben: Hunderttausende, wenn nicht Millionen, machen in Kairo Front gegen den Präsidenten und feiern sich und ihren Protest. Der Despot klammert sich an die Macht, doch seine Tage im Amt sind gezählt.

Kairo - Sind es nun Hunderttausende? Eine halbe Million? Oder gar viel mehr? Wie viele Menschen in Ägyptens Hauptstadt Kairo an diesem Dienstag gegen das Regime von Husni Mubarak protestieren, vermag niemand genau zu sagen. Schätzungen reichen bis zu zwei Millionen. Unüberschaubar ist die Menschenmenge mit ihren riesigen Plakaten auf dem zentralen Tahrir-Platz schon mittags.

Und jede Stunde werden es mehr.

Sie strömen in Gruppen herbei, hin zum Herz ihrer Revolution. "Es geht um alles", rufen sie. Das Ziel ist der Sturz von Mubarak. "Wir spüren den Geruch der Freiheit", sagt der Unternehmer Mustafa Amer, "und wir bleiben so lange, bis Mubarak endlich das Land verlassen hat." Dabei sei es doch egal, ob es nun eine Million Menschen seien oder zwei Millionen oder 500.000.

Der "Marsch der Millionen" stellt eindrucksvoll unter Beweis, wie stark der Widerstand gegen den Präsidenten mittlerweile ist. Vergangene Woche waren es noch Zehntausende meist junge Studenten. Binnen weniger Tage ist aus dem Protest eine Volksbewegung geworden. Alte Männer kämpfen sich, gestützt von Jugendlichen, auf den überfüllten Platz vor. Frauen mit Kindern bahnen sich ihren Weg. Ganze Familien sind gekommen, um gegen den Machthaber zu demonstrieren. Das Mubarak-Regime wirkt spätestens seit der klaren Ankündigung der Armee vom Vortag, nicht gegen die Demonstranten vorgehen zu wollen, so schwach und isoliert wie nie zuvor in der 30-jährigen Regentschaft des Präsidenten.

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Ägypten: Showdown in Kairo

Foto: Jim Hollander/ dpa

Noch hält die alte Macht dagegen. Die Regierung ließ am Dienstag erneut das Internet lahmlegen, Züge gen Kairo stoppen und versuchte, die großen Straßen in die Metropole abzusperren. Doch mit dieser Massenveranstaltung sendet die Opposition ein eindrucksvolles Zeichen ins eigene Land und in die Welt: Nichts scheint sie aufhalten zu können.

"Es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit", sagt Safwan Kehr. Der Universitätsprofessor ist mit einem Freund und seiner Tochter Nadean auf den Platz der Befreiung bekommen. "Je früher er geht, desto schneller können wir dieses Land endlich verändern", sagt er.

Das Signal ans Ausland ist den Demonstranten wichtig. Immer wieder kommen sie auf Reporter zu, bitten um Unterstützung. Die Angst, der Staat könne Einfluss auf die Berichterstattung nehmen und diese verfälschen, ist immer noch groß. "Bitte senden Sie die Wahrheit, wie viele wir hier sind", sagt ein junger Mann. Gerade hat er am Rande des Platzes im Staatsfernsehen die offizielle Lesart der Proteste gesehen, das den Tag über keine Bilder vom Tahrir-Platz, aber stattdessen kleine Schnipsel von angeblichen Pro-Mubarak-Kundgebungen zeigte. Am Nachmittag dann vermeldete das Regime-TV wenigstens, es gebe Proteste in Kairo - es seien um die 5000 Menschen gekommen. Den Sturm des Zorns kann der Mubarak-Kanal damit freilich nicht mehr aufhalten, die Berichterstattung ist eher ein Beleg für die völlige Verblendung des Regimes.

Die Demonstranten in Kairo feiern so ausgelassen, als sei Mubarak bereits Vergangenheit. Aus den heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei in den vergangen Tagen ist eine Art Volksfest für die Freiheit geworden. Überall in der Menge verteilen Männer Sesamstangen und Datteln, andere bringen mit Karren Dutzende Pakete mit Wasserflaschen auf den Platz. Freiwillige sammeln Müll auf. "Geben Sie eine Spende für den Präsidenten", sagt einer der Männer mit einem grauen Plastiksack in der Hand, "den ganzen Müll bekommt Mubarak von uns schon bald als Abschiedsgeschenk." Noch vor einigen Tagen wäre ein solcher Witz ein Grund für Haft und Prügel gewesen. Nun lacht die Menge ausgelassen.

Und wo ist Mubarak?

Eine Demonstration der Stärke bleibt aus. Lediglich ein Helikopter russischer Bauart in Tarnfarben zieht seine Runden über den Köpfen der Demonstranten. Sobald er bei seiner Flugschleife wieder den Platz erreicht, bekommen die Piloten umgehend einen unfreundlichen Gruß von unten. "Hau ab, hau ab", skandiert die Menge mit erhobenen Fäusten. Der Spruch ist zu einem der Leitmotive des Widerstands geworden, gemeint ist natürlich der Staatspräsident.

Das Militär hingegen, noch immer mit Kampfpanzern um den Platz stationiert, ist fast Teil dieses Protests geworden. Die Soldaten regeln lediglich den halbwegs geordneten Zugang für die Massen und durchsuchen die Heranströmenden nach Waffen.

Der Kompromissvorschlag des Regimes kam zu spät

Während die Demonstranten ihre Slogans singen, beharren die Führer der Opposition auf ihrer Linie, dass mit Mubarak kein Kompromiss möglich ist. Zuerst geht Mohamed ElBaradei, eine der möglichen künftigen Führungsfiguren, live auf Sendung. Es werde keinerlei Gespräche mit der Regierung geben, bevor Mubarak nicht das Land verlassen habe, beteuert er. Als die Bilder auf den Fernsehschirmen auf dem Platz zu sehen sind, bricht Jubel aus. Wenig später meldet sich der Anführer der einflussreichen Muslimbrüder zu Wort. Etwas komplizierter als ElBaradei legt er sich auf die gleiche Linie fest: Ohne den Sturz Mubaraks und die Ausreise des Despoten werde er keinen Dialog über die Zukunft beginnen.

Mit den Aussagen der Führungsfiguren des Widerstands ist ein weiteres Manöver Mubaraks gescheitert. Nur Stunden vor dem Beginn der Riesendemo hatte er völlig überraschend seinen gerade erst ernannten Vize-Präsidenten vor die Kameras geschickt. Omar Suleiman sagte, er sei von Mubarak zu Gesprächen mit allen politischen Gruppen autorisiert worden. Selbst grundlegende Verfassungsänderungen in Ägypten, wo seit mehr als 30 Jahren der Ausnahmezustand inklusive weitgehender Notstandsrechte für den Präsidenten herrscht, kündigte er an. Vor der Volksrevolte in Tunesien wäre dieses Zugeständnis eine Sensation gewesen. Jetzt kam die Offerte zu spät.

Es gibt kein Zurück mehr, das ist wohl das wichtigste Signal des Tages. "Vor einigen Tagen noch hätte ich vielleicht einem Kompromiss zugestimmt", sagt einer der Demonstranten, "doch als ich die Massen heute Morgen sah, habe ich begriffen, dass es keine Zukunft mehr gibt für Mubarak."

Der Despot verzichtet auf eine weitere Amtszeit

Der Präsident selbst ist tagsüber abgetaucht. Die Aufnahmen im Staatsfernsehen beweisen nicht einmal, dass er noch in Kairo ist. Manche vermuten den einst so mächtigen Politiker bereits in Scharm al-Scheich am Roten Meer - von dort aus wäre es nur noch eine Bootsfahrt in sein mögliches Asyl in Saudi-Arabien.

Doch am Dienstagabend tritt er plötzlich wieder in Erscheinung. Er werde nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren, verkündete Mubarak in einer Rede im Staatsfernsehen. Die kommenden Monate bis zur Präsidentenwahl im September werde er sich für einen "friedlichen Übergang der Macht" einsetzen. Er habe "unabhängig von den aktuellen Umständen" niemals die Absicht gehabt, erneut für das Präsidentenamt anzutreten, sagte Mubarak weiter.

Sehr bald will der Herrscher offenbar nicht von der Macht lassen.

Die Menschen auf dem Tahrir-Platz reagieren entsprechend enttäuscht und wütend auf die Worte. Tausende halten einen Schuh empor, ein Zeichen ihrer Verachtung für den Staatschef. Erneut skandieren sie Parolen: "Hau ab, Hau ab!". Oder: "Das ist nicht genug, das ist nicht genug!" Besonderen Ärger löste Mubaraks Satz aus, dass er in Ägypten sterben werde - und damit dem Wunsch seiner Gegner nach einem schnellen Gang ins Exil nicht entsprach. Das wurde als arrogantes Verhalten ausgelegt.

Die Demonstranten jedenfalls wollen nicht weichen. Der Platz wird weiter in der Hand der Opposition bleiben. Spätestens am Freitag dann wollen sie ihre Macht mit einem Marsch zu Mubaraks Trutzburg, dem Präsidentenpalast, erneut beweisen - wenn der Despot bis dahin nicht doch abgedankt hat.