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12. Oktober 2012, 20:36 Uhr

Ägypten

Mehr als 110 Verletzte bei Randale in Kairo

Es waren die heftigsten Ausschreitungen in Kairo seit der Wahl von Präsident Mursi: Anhänger und Gegner des Staatschefs lieferten sich brutale Auseinandersetzungen - teilweise mit Eisenstangen. Mehr als 110 Demonstranten wurden schwer verletzt.

Kairo - Der politische Streit wird in Ägypten jetzt wieder mit Fäusten ausgetragen. Islamisten und Vertreter von Parteien aus dem linken und liberalen Spektrum gingen am Freitag während einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo aufeinander los.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden mindestens 110 Menschen durch Steinwürfe und Molotowcocktails verletzt. Laut Augenzeugen und Krankenhausärzten wurden sogar 200 Demonstranten schwer verletzt.

Anhänger des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi schlugen mit Stöcken und Eisenstangen um sich. Sie zerlegten eine Tribüne der säkularen Opposition. Nach Angaben von Augenzeugen flogen Steine von beiden Seiten, einige Demonstranten zündeten laut Augenzeugen zudem zwei Busse an, mit denen die Muslimbrüder angereist waren. Die Zusammenstöße währten mehrere Stunden, die Polizei griff nicht ein. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Kairo seit der Wahl Mursis.

Die Islamisten riefen: "Das Volk will die Säuberung der Justiz" und "Wir lieben dich, oh Mursi". Sie trugen Bilder von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft. Die "Revolutionsjugend" und Mitglieder verschiedener linker Parteien schrien ihnen entgegen: "Nieder mit der Herrschaft der Muslimbrüder" und "Nieder mit dem Verfassungsrat".

Präsident Mursi, der seine politische Heimat in der Muslimbruderschaft hat, hatte am Donnerstag den Generalstaatsanwalt Abdelmagid Mahmud entlassen. Hintergrund dafür war ein Freispruch für 24 ehemalige Funktionäre. Diese waren verdächtigt worden, Anfang Februar 2011 einen Angriff berittener Schlägertrupps auf Demonstranten in Kairo organisiert zu haben. Damals, als sich die Proteste noch gegen den damaligen Präsidenten Husni Mubarak richteten, hatten die Islamisten noch Seite an Seite mit Menschenrechtlern, Linken und Liberalen demonstriert.

Proteste richten sich gegen Mursi und das Verfassungskomittee

Mahmud weigert sich jedoch, sein Amt abzugeben. Mahmud sagte laut Staatsmedien, Mursi dürfe ihn gar nicht entlassen. Der Generalstaatsanwalt könne nur selbst seinen Rücktritt anbieten, und dies habe er nicht vor. Einflussreiche Richter unterstützen Mahmud beim angestrebten Verbleib im Amt mit dem Hinweis auf die Unabhängigkeit der Justiz.

Die linken und liberalen Parteien hatten sich am Freitagmittag zu einer bereits seit Wochen geplanten Kundgebung gegen Mursi und das von Islamisten dominierte Verfassungskomitee versammelt. Die Islamisten hatten ihre Anhänger am Donnerstag kurzfristig dazu aufgerufen, zur selben Zeit auf dem Platz zu protestieren. Das Motto ihrer Gegenkundgebung lautete: "Säuberung der Justiz".

Die Muslimbruderschaft teilte zwar mit, ihre Mitglieder hätten mit der Randale auf dem Tahrir-Platz nichts zu tun. Der Vorsitzende ihrer Partei, Essam al-Arian, schrieb jedoch im Kurznachrichtendienst Twitter folgende Botschaft an die Parteijugend: "Diejenigen von euch, die zum Tahrir-Platz gegangen sind, sollen sich am (Ägyptischen) Museum treffen, um gemeinsam zum Gerichtsgebäude zu marschieren."

Die sogenannte Revolutionsjugend kritisierte die Muslimbruderschaft, die den Präsidenten und die größte Fraktion im Parlament stellt. Ein Sprecher der Jugendbewegung sagte, wer an der Macht sei, habe kein Recht zu demonstrieren.

hen/lgr/dpa/dapd/AFP

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