Ägypten Mehr als 110 Verletzte bei Randale in Kairo

Es waren die heftigsten Ausschreitungen in Kairo seit der Wahl von Präsident Mursi: Anhänger und Gegner des Staatschefs lieferten sich brutale Auseinandersetzungen - teilweise mit Eisenstangen. Mehr als 110 Demonstranten wurden schwer verletzt.

AFP

Kairo - Der politische Streit wird in Ägypten jetzt wieder mit Fäusten ausgetragen. Islamisten und Vertreter von Parteien aus dem linken und liberalen Spektrum gingen am Freitag während einer Kundgebung auf dem Tahrir-Platz in Kairo aufeinander los.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden mindestens 110 Menschen durch Steinwürfe und Molotowcocktails verletzt. Laut Augenzeugen und Krankenhausärzten wurden sogar 200 Demonstranten schwer verletzt.

Anhänger des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi schlugen mit Stöcken und Eisenstangen um sich. Sie zerlegten eine Tribüne der säkularen Opposition. Nach Angaben von Augenzeugen flogen Steine von beiden Seiten, einige Demonstranten zündeten laut Augenzeugen zudem zwei Busse an, mit denen die Muslimbrüder angereist waren. Die Zusammenstöße währten mehrere Stunden, die Polizei griff nicht ein. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Kairo seit der Wahl Mursis.

Die Islamisten riefen: "Das Volk will die Säuberung der Justiz" und "Wir lieben dich, oh Mursi". Sie trugen Bilder von Hassan al-Banna, dem Gründer der Muslimbruderschaft. Die "Revolutionsjugend" und Mitglieder verschiedener linker Parteien schrien ihnen entgegen: "Nieder mit der Herrschaft der Muslimbrüder" und "Nieder mit dem Verfassungsrat".

Präsident Mursi, der seine politische Heimat in der Muslimbruderschaft hat, hatte am Donnerstag den Generalstaatsanwalt Abdelmagid Mahmud entlassen. Hintergrund dafür war ein Freispruch für 24 ehemalige Funktionäre. Diese waren verdächtigt worden, Anfang Februar 2011 einen Angriff berittener Schlägertrupps auf Demonstranten in Kairo organisiert zu haben. Damals, als sich die Proteste noch gegen den damaligen Präsidenten Husni Mubarak richteten, hatten die Islamisten noch Seite an Seite mit Menschenrechtlern, Linken und Liberalen demonstriert.

Proteste richten sich gegen Mursi und das Verfassungskomittee

Mahmud weigert sich jedoch, sein Amt abzugeben. Mahmud sagte laut Staatsmedien, Mursi dürfe ihn gar nicht entlassen. Der Generalstaatsanwalt könne nur selbst seinen Rücktritt anbieten, und dies habe er nicht vor. Einflussreiche Richter unterstützen Mahmud beim angestrebten Verbleib im Amt mit dem Hinweis auf die Unabhängigkeit der Justiz.

Die linken und liberalen Parteien hatten sich am Freitagmittag zu einer bereits seit Wochen geplanten Kundgebung gegen Mursi und das von Islamisten dominierte Verfassungskomitee versammelt. Die Islamisten hatten ihre Anhänger am Donnerstag kurzfristig dazu aufgerufen, zur selben Zeit auf dem Platz zu protestieren. Das Motto ihrer Gegenkundgebung lautete: "Säuberung der Justiz".

Die Muslimbruderschaft teilte zwar mit, ihre Mitglieder hätten mit der Randale auf dem Tahrir-Platz nichts zu tun. Der Vorsitzende ihrer Partei, Essam al-Arian, schrieb jedoch im Kurznachrichtendienst Twitter folgende Botschaft an die Parteijugend: "Diejenigen von euch, die zum Tahrir-Platz gegangen sind, sollen sich am (Ägyptischen) Museum treffen, um gemeinsam zum Gerichtsgebäude zu marschieren."

Die sogenannte Revolutionsjugend kritisierte die Muslimbruderschaft, die den Präsidenten und die größte Fraktion im Parlament stellt. Ein Sprecher der Jugendbewegung sagte, wer an der Macht sei, habe kein Recht zu demonstrieren.

hen/lgr/dpa/dapd/AFP

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Seite 1
simon23 12.10.2012
1.
Zitat von sysopAFPEs waren die heftigsten Ausschreitungen in Kairo seit der Wahl von Präsident Mursi: Anhänger und Gegner des Staatschefs lieferten sich brutale Auseinandersetzungen - teilweise mit Eisenstangen. 200 Demonstranten wurden schwer verletzt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/200-verletzte-bei-protesten-in-kairo-a-861074.html
Der eigentliche Witz ist ja, das sich die Muslimbrüder zur Zeit der "Kamelattacke" ja noch bedeckt hielten. Diejenigen die es damals traf, waren die Gruppen, die heute von den Muslimbrüdern mit Eisenstangen und Schlagstöcken angegriffen wurden. Natürlich schritt die Polizei nicht ein und jetzt müssen die Muslimbrüder nur noch die Justiz säubern. Das schafft Mursi mit links, jetzt als Dikt...äh, Präsident. Die verfassungsgebende Versammlung wird ja schon zu 60 - 70 Prozent von den Islamisten dominiert, entsprechend dürfte das Ergebnis sein. Als Schmankerl drang ja schon mal durch, das Männer und Frauen gleichgestellt seien, solange es nicht dem Gesetz Gottes widerspricht. Es ist einfach süß, wie man die Scharia umschreiben kann. Verteidigt wurde der Zusatz mit der Bemerkung, das sonst homosexuelle Beziehungen möglich werden - da dreht es natürlich jedem anständigen Ägypter den Magen um und er macht sofort sein Kreuz - und das Frauen dann sonst gleichberechtigt beim Erben seien. Offenkundig versprach man sich davon auch Empörungspotential. Und natürlich bedeutet es, das die bösen, bösen Diktatorengattinnen-Gesetze zur Scheidung damit auch wieder der Vergangenheit angehören. Fortschritt überall!
Onkel_Karl 12.10.2012
2.
Zitat von sysopAFPEs waren die heftigsten Ausschreitungen in Kairo seit der Wahl von Präsident Mursi: Anhänger und Gegner des Staatschefs lieferten sich brutale Auseinandersetzungen - teilweise mit Eisenstangen. 200 Demonstranten wurden schwer verletzt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/200-verletzte-bei-protesten-in-kairo-a-861074.html
Das zeigt die Strategie von Mursi,um von den Problemen in Ägypten abzulenken werden solche Gerüchte verbreitet,uns geht es nur deswegen so schlecht weil immer noch Beamte aus der Zeit von Mubarak ihre Posten besetzen. Tatsachen,dass die Wirtschaft Ägyptens am Boden liegt,Tourismus gibt es praktisch nicht mehr,weil keiner sich mehr nach Ägypten traut werden ausgeblendet,als ob die Moslembrüder allein von beten satt werden und ausser Koran man eigentlich nichts mehr braucht...solche Mittelalterpolitik will Mursi in Ägypten einführen. Und so wird es immer weiter gehen,heute sind es alte Beamte und morgen sind es Kopten,übermorgen sind es alle anderen Minderheiten,ausländische Organisationen hat man schon geschlossen,darunter auch deutsche.
Eldegar 12.10.2012
3. Überrascht?
Zitat von sysopAFPEs waren die heftigsten Ausschreitungen in Kairo seit der Wahl von Präsident Mursi: Anhänger und Gegner des Staatschefs lieferten sich brutale Auseinandersetzungen - teilweise mit Eisenstangen. 200 Demonstranten wurden schwer verletzt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/200-verletzte-bei-protesten-in-kairo-a-861074.html
Im Ernst: Jeder, der von der jetzigen Entwicklung überrascht ist, hat vorher nicht richtig nachgedacht. Den arabischen Frühling gab es nie, nie, nie! Es gab Bürgerkriege mit ungewisser Zukunft, und langsam sieht man, was unter dem Schnee liegt. Demokratie war es nicht. Mein arabischstämmiger Kollege ist fassungslos über die unreflektierte Unterstützung aus dem Westen jenen gegenüber, die ihn seinerzeit aus seiner Heimat vertrieben. Es ist nicht zu Ende dort mit dem Unrecht, die zweite Halbzeit fängt gerade erst an.
Onkel_Karl 12.10.2012
4.
Zitat von simon23Der eigentliche Witz ist ja, das sich die Muslimbrüder zur Zeit der "Kamelattacke" ja noch bedeckt hielten. Diejenigen die es damals traf, waren die Gruppen, die heute von den Muslimbrüdern mit Eisenstangen und Schlagstöcken angegriffen wurden. Natürlich schritt die Polizei nicht ein und jetzt müssen die Muslimbrüder nur noch die Justiz säubern. Das schafft Mursi mit links, jetzt als Dikt...äh, Präsident. Die verfassungsgebende Versammlung wird ja schon zu 60 - 70 Prozent von den Islamisten dominiert, entsprechend dürfte das Ergebnis sein. Als Schmankerl drang ja schon mal durch, das Männer und Frauen gleichgestellt seien, solange es nicht dem Gesetz Gottes widerspricht. Es ist einfach süß, wie man die Scharia umschreiben kann. Verteidigt wurde der Zusatz mit der Bemerkung, das sonst homosexuelle Beziehungen möglich werden - da dreht es natürlich jedem anständigen Ägypter den Magen um und er macht sofort sein Kreuz - und das Frauen dann sonst gleichberechtigt beim Erben seien. Offenkundig versprach man sich davon auch Empörungspotential. Und natürlich bedeutet es, das die bösen, bösen Diktatorengattinnen-Gesetze zur Scheidung damit auch wieder der Vergangenheit angehören. Fortschritt überall!
Die Muslimbrüder haben die naiven Medien aus dem Westen einfach getäuscht,wie schön klang es doch..die junge ägyptische Generation wehrt sich gegen die Diktatur Mubaraks...alle benutzen Twitter und Facebook und so sind sie jetzt alle so wie wir,es gibt ab jetzt Demokratie in Ägypten und Jorg Armbruster berichtet und von fröhlichen und tanzenden Muslimbrüdern,von verschleierten Frauen die endlich frei sind..Jorg war wie in Extase. Ja das waren noch Zeiten,als wir alle uns für die Ägypter gefreut haben,endlich ist der Diktator Mubarak weg, den USA 30 jahrelang mit 1 Milliarde Dollar pro Jahr finanziert haben und jetzt ein anderer demokratisch gewählter President an der Macht ist, Mursi..der zufälliger Weise etwa jahrzehnt in USA gelebt und studiert hat. Die Wahrheit ist doch die,wenn die Muslimbrüder die Wahl nicht als Gewinner beendet,dann wäre in Ägypten jetzt Bürgerkrieg.
archivdoktor 12.10.2012
5. Demokratie??!
Persönlich habe ich den sogenannten "Arabischen Frühling" bedauert! An eine Demokratisierung "Nordafrikas" habe ich auch nie geglaubt - es waren unsere Medien, mit SPON an der Spitze, die uns einreden wollten, dass von nun an alles besser wird......Wer mal in diesen Ländern war, der wusste, dass es von nun an noch schneller bergab gehen wird.... Sollten die Touristen auch noch ausbleiben, die rückwärtsgewandten Moslembrüder den Frieden mit Israel aufkündigen und die Amis ihre Hilfsgelder an Kairo einstellen - ja, dann Gute Nacht Marie...
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