Deutschland-Bild in Frankreich Gourmets lästern über Teutonen-Kost

Du bist, was du isst: In Frankreich definiert man Hochkultur gerne als Summe kulinarischer Genüsse. Die Kochkünste der deutschen Nachbarn hält man für eher schlicht - obwohl auch im Gourmet-Land ein paar merkwürdige Sitten eingezogen sind.

Französisches Picknick (1958): Schier unerschöpfliches Feinkost-Angebot
Corbis

Französisches Picknick (1958): Schier unerschöpfliches Feinkost-Angebot

Von , Paris


Für meine Tochter war es das prägende Ferienerlebnis: Auf einem Campingplatz bei Bordeaux, wo sie mit ihren Abi-Kumpels ihr Lager aufgeschlagen hatte, verköstigten sich die deutschen Youngster mit Nahrungsmitteln aus den Billig- und Sonderangeboten: Mal Nudeln mit Tomatensauce, mal Stangenbrot mit Käseaufstrich, getrunken wurde Flaschenbier vom Discounter und Rotwein aus günstigen Fünf-Liter-Kartons. Kaffee? Löslich. Urlaub deutsch.

Bei den Atlantikurlaubern im Zelt nebenan ging es gepflegter zu. Dort campierte ein Studenten-Trio aus Paris. Und wenngleich auch das Frühstück eher frugal ausfiel - Kaffee und Zigaretten -, glänzte das Mittagsmenü schon mit Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Allabendlich erreichte die Verpflegung unter dem Zelthimmel der drei Franzosen gefühltes Sterneniveau: Zum Apéro wurde mal Paté, mal Foie gras serviert oder Ziegenkäse auf Baguette überbacken. Stets dabei: Oliven in Grün oder Schwarz und Cornichons mit Silberzwiebeln.

So gestärkt warf die Koch-Crew den Grill an, wo nicht nur Merguez-Würstchen brieten, sondern gelegentlich auch Lammkoteletts. Frischer Salat folgte ebenso wie Camembert oder Comté, die Crème brulée allerdings kam aus dem Plastikbecher. "Kochen ist Lebenskunst", tönten die Vertreter der Gourmet-Nation, gossen sich dann gekühlten Rosé in die Gläser und ließen zum Abschluss die Espresso-Kanne sprudeln. Urlaub französisch.

Und nicht nur bei angehenden Yuppies. Während sich der deutsche Tourist auf dem Weg zur Feriendestination meist während der Fahrt mit Stulle und O-Saft verpflegt, gehört für den französischen Autoreisenden das gemütlich eingenommene Mittagsmahl beinahe zum (all)-täglichen Boxenstopp: Gewiss, oft wird der Klapptisch nebst Bestuhlung in unmittelbarer Nähe zur Route Nationale aufgeschlagen; aber, wie gerade entlang einer Autobahn beobachtet: Rund um die Tafel erhob sich eine Phalanx aus Kühlboxen mit einem unerschöpflichen Feinkost-Angebot.

Teutonische Schlichtheit

Derartige kulinarische Klassenunterschiede sorgen dafür, dass das Bild der deutschen Esskultur bei vielen Nachbarn jenseits des Rheins noch immer vom Klischee derber teutonischer Schlichtheit geprägt ist: Bier, Brot, Bulette oder das deutsche Tellergericht, bei dem Vorspeise, Hauptgericht und Gemüse um geschmackliche Koexistenz kämpfen. Das sind prägende Erlebnisse, etwa beim Firmenausflug zum Oktoberfest. Ersatzweise das Sauerkraut mit Beigaben, ein schwerer Eintopf mit Speckseiten und Wurst, der durch das Elsass Eingang in Frankreichs Vorstellung vom "deutschen Essen" gefunden hat.

Doch selbst in der Heimat der Feinschmecker verblasst das am heimischen Herd komponierte Mehrgang-Essen inzwischen. Obgleich im TV Kochwettbewerbe Kultstatus erreicht haben, sind Fertiggerichte auf dem Vormarsch. In den Supermärkten wird das Angebot bestimmt durch vorgewaschenen Salat, vorgeschnittene Käsehäppchen, vorgekochten Pot-au-feu. Daneben meterweise Tiefkühlkost, die sich durch "kurze Garzeit" empfiehlt - Menüs im Minutentakt der Mikrowelle.

Schrecklicher noch: Der Gastro-Snack aus der Serienproduktion hat sogar in vielen Bistros und Gasthöfen traditionelle Hausmannskost aus regionalen Zutaten verdrängt. Wobei auch bei der "Restauration rapide" die traditionellen Baguettes mit Schinken und Käse noch immer deutlich vor dem amerikanischen Fleischklops im Brötchen liegen.

Doch zurück zu den Deutschen: Wo immer sie vom vorgefassten Bild des eindimensionalen Gourmand-Germanen abweichen, rufen sie in Frankreich Verwunderung und Anerkennung hervor. "Austern, Schnecken, Froschschenkel? Sie mögen das?", so der verblüffte Ausruf, wenn bei Familienfesten die Klassiker der Kochkunst aufgetischt werden und der Deutsche energisch zulangt.

Und wahrhaft anerkennend auch die Bemerkung auf dem Wohnmobil-Standplatz, als wir abends Bouillabaisse mit Aioli zubereiten. "Oh, das riecht gut", sagt die Bäuerin, auf deren Gelände wir nördlich von Marseille die Nacht verbringen. Und schiebt den ultimativen Ritterschlag hinterher: "Sie kochen wie Franzosen!"



insgesamt 136 Beiträge
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Miere 08.08.2012
1. Westfalen
Ich bin aus Ostwestfalen (so wie die Westgoten, die aus dem Osten kommen) und will zum Essen einen vollen Teller. Ob da jetzt Sauerkrautauflauf drauf ist oder Froschschenkel mit Salat und Baguette, darüber kann man reden; beides lecker. Was ich nicht ab kann ist die französische Esskultur, bei der man erst einen halben Esslöffel Suppe kriegt, dann ein Gäbelchen Salat, eine knappe Stunde später eine Handvoll Hauptgericht und so weiter, bis man entweder verhungert ist oder die Küche stürmt. Zumindest einige der Kollegen da im Westen scheinen das ja ähnlich zu sehen und sich ein ganzes Wildschwein ohne weitere Umstände zu wünschen.
ak-73 08.08.2012
2. Europäische Vielfalt
Ohne zu sehr vom Thema abweichen zu wollen: Genau diese europäischen Unterschiede sind so liebens- und erhaltenswert. Man hat Zweifel, ob ohne eine gemeinsame Sprache ein so heterogener europäischer Bundesstaat lebensfähig wäre. Und würde eine gemeinsame Sprache nicht zur Angleichung in vielen, noch unvorhergesehenen Dingen führen? Dieses Europa der vielfältigen Küchen, Sprachen, Mentalitäten ist schützenswert! Gott segne Frankreich, Gott segne Deutschland!
tobilechat 08.08.2012
3. Jedes Land hat seine kulinarischen Höhepunkte
Zitat von sysopCorbisDu bist, was du isst: In Frankreich definiert man Hochkultur gerne als Summe kulinarischen Genüsse. Die Kochkünste der deutschen Nachbarn hält man für eher schlicht - obwohl auch im Gourmet-Land ein paar merkwürdige Sitten eingezogen sind. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847639,00.html
Und die Lebenskunst und der Genuss bestehen darin, alle Speisen dieser Welt zu probieren und das Beste aus allen Küchen dieser Welt zu genießen. Auch wir Deutschen haben unsere Höhepunkte. Eine Currywurst kann durchaus einer sein. Und unsere Schlachtplatte, tut mir Leid, aber ich mag sie lieber als "die" Choucroute garnie im Elsaß oder gar "die" Choucroute royale mit Champagnerkraut. Und gleichzeitig geht mir ein Tête de veau mit sauce Gribiche über alles, genauso wie Jacques Chirac. Das eine ist nicht wertiger als das andere. Wohl aber die Qualität der Lebensmittel. Da gibt es himmelweite Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland, die sich, sicher, auch im Preis niederschlagen. Ich möchte auf französische Supermärkte und Frankreichs kulinarische Genüsse nie verzichten müssen. Und ich muss es nicht, obwohl ich wohl als arm bezeichnet würde, würde man die gängige Definition auf mich anwenden. Und genau da lasse ich mein Geld. Da habe ich einerseits im Bauch, was ich zum Überleben brauch' und andererseits kann Essen unendlicher Genuss sein. Irgendwelche Konsumgüter haben diese Doppelfunktion nicht. Ich brauche sie nie zum Überleben, sie gaukeln mir Komfort vor, den ich gar nicht wirklich brauche. Ohne Vorurteile und Stereotype kann das Leben so reich sein, ohne das große Geld im Porte-Monnaie. Foie Gras am Stück, nicht den bloc, gibt es auch bei mir, jede Weihnachten, mit goldprämiertem Gewurztraminer von Wolfberger, briochierten Canapés und Portweingelée. Jede Weihnachten freue ich mich drauf, aber jeden Tag brauche ich das nicht, will ich das nicht. Und foie gras ist nicht teuer, wenn man die günstige nimmt. Der einzige Unterschied zur schweineteuren: Die Optik, die Blutgerinsel, die die teure nicht hat. Was stören mich die? Sie tun dem Geschmack keinen Abbruch und optisch sind sie nicht so dominant, als dass sie mir den Appetit verderben würden. Und oie oder canard, selbst wenn man den Unterschied in einer Blindverkostung rausschmecken würde, ich will es nicht wissen, foie gras de canard reicht für mich und meine Ansprüche. Bei dem, der sich zu jeder Zeit immer alles leisten kann, wo bleibt da der besondere Moment? Wie sehr genießt derjenige noch? Es reicht mir, wenn ich ein Mal im Jahr zu Vincent Klink in die Wielandshöhe Essen gehe, wenn ich auch nur jede Woche gehe, nimmt das Vergnügen ab. Hochgenuss hat auch viel mit dem richtigen Maß zu tun, mit der Seltenheit des Moments des Verspeisens einer Speise mit ihrer Kostbarkeit. Die richtig guten Produkte, in Deutschland muss man sie suchen, in Frankreich stehen sie seit' an seit' und zwar in Hypermarchés von einer Größe, die man in Deutschland nie gesehen hat. Und dass nun auch der Franzose Fertiggerichte isst, das ist dem System des Kapitalismus und der künstlichen Verknappung des Faktors Zeit geschuldet. Immerhin haben die Produkte von Fleury Michon & Co. auch eine Qualität, die in Deutschland ihresgleichen sucht und es gibt sie in einem Variantenreichtum, einer Auswahl, die man in Deutschland noch nicht gesehen hat.
peter_schlemihl 08.08.2012
4. Nun ja,
welchen Respekt sollten Franzosen, Italiener, Spanier, etc. auch haben vor der Eßkultur eines Landes, in dem bei der Mehrzahl der Bewohner die Größe der Portionen und der billige Preis das Wichtigste am Essen ist.
tobilechat 08.08.2012
5. Savoir vivre
Zitat von sysopCorbisDu bist, was du isst: In Frankreich definiert man Hochkultur gerne als Summe kulinarischen Genüsse. Die Kochkünste der deutschen Nachbarn hält man für eher schlicht - obwohl auch im Gourmet-Land ein paar merkwürdige Sitten eingezogen sind. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,847639,00.html
Über Frankreichs savoir vivre lasse ich nichts kommen. Dass die Sitten verrohen ist alleinige Schuld des Kapitalismus und seiner künstlichen Verknappung des Faktors Zeit. Zum Genießen ist immer Zeit und wenn ein System meint, mir das genießen madig zu machen, dann will ich es, nicht zuletzt aus diesem Grund, nicht mehr.
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