Memoiren eines KP-Funktionärs Anklage aus dem Jenseits

Zhao Ziyang wollte das Tiananmen-Massaker vor 20 Jahren verhindern - danach stellte die Partei ihren damaligen Generalsekretär kalt. Jetzt erscheinen posthum seine Memoiren: 30 Tonbänder nahm er heimlich auf, Freunde brachten sie außer Landes. Sie gewähren tiefe Einblicke in die Abgründe der KP.

Von , Peking


"In der Nacht des 3. Juni, als ich mit meiner Familie im Hof saß, hörte ich starkes Gewehrfeuer. Eine Tragödie, die die Welt schockieren würde, war nicht verhindert worden, nun geschah sie." So erinnert sich einer, der vergeblich versucht hatte, das Tiananmen-Massaker zu verhindern, das Chinas Armee unter den Demonstranten in Peking in jener Sommernacht 1989 anrichtete. Hunderte kamen in der Hauptstadt ums Leben.

Zhao Ziyang (Archivbild von 1994): "Wir sind zu spät gekommen"
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Zhao Ziyang (Archivbild von 1994): "Wir sind zu spät gekommen"

20 Jahre ist das her. Rechtzeitig zum Jahrestag sind jetzt die Memoiren des damaligen KP-Generalsekretärs Zhao Ziyang, einem der wichtigsten Wirtschaftsreformer der chinesischen Nachkriegsgeschichte, erschienen.

"Prisoner of the State" - "Gefangener des Staates" - heißt das bei dem New Yorker Verlag Simon & Schuster herausgegebene Buch. Es ist eine Stimme aus dem Jenseits, denn Zhao starb, von den Hardlinern in der Partei geächtet, Anfang 2005 nach fast 16 Jahren Hausarrest.

Wenige Tage vor dem Massaker war Zhao entmachtet worden, danach wurde er unter Hausarrest gestellt in seinem Haus im Zentrum Pekings. Seine ehemaligen Genossen in der KP-Spitze störte es nicht, dass sie damit gegen ihre eigenen Gesetze und Statuten verstießen. Nur manchmal erlaubten sie ihm, Golf zu spielen oder in die Provinz zu reisen - allerdings schwer bewacht und abgeschottet von der Öffentlichkeit.

Gleichwohl glückte es ihm, seine Erinnerungen und Gedanken auf 30 Tonbändern festzuhalten. Freunde schmuggelten sie ins Ausland.

Zum ersten Mal gibt damit nun ein hoher chinesischer Politiker einen für Fachleute, aber auch für Laien unschätzbar wertvollen Einblick in die inneren Zirkel der KP - und in die Machtkämpfe, die im Frühjahr 1989 unter den Genossen tobten.

Schon vor den Studentendemonstrationen, die im April begonnen hatten, war der Parteichef unter Beschuss geraten. Er gehe mit seinen Wirtschaftsreformen zu weit, klagten konservative Funktionäre um den KP-Patriarchen Deng Xiaoping. Er lasse zu viele westliche Gedanken nach China dringen. Deshalb schlugen sie eine Kampagne gegen die "bürgerliche Liberalisierung" los.

In dieser schwierigen Atmosphäre starb der im Volk beliebte Zhao-Vorgänger Hu Yaobang. Die Pekinger Studenten nahmen Hus Tod zum Anlass, zum Platz des Himmlischen Friedens zu marschieren und gegen korrupte Kader zu protestieren - auch gegen Zhao.

Die konservativen Genossen sind nervös

Zhao hielt damals die Proteste für harmlos. Sie seien nur gegen "Fehler" der Partei gerichtet, mehr konstruktiv als konterrevolutionär. "Ich dachte, wenn die Studentendemonstrationen gemäß der Prinzipien von Demokratie und Gesetz, mit Dialog und Entspannung gelöst werden könnten, würde dies Chinas Reform stärken, eingeschlossen politischer Reform", schreibt er in seinen Memoiren.

Doch seine konservativen Genossen sind nervös, sie fürchten um Ideologie, Macht und Pfründe. Die Situation bietet die Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen, eigene Karrieren zu fördern, sich bei den Altvorderen einzuschmeicheln. Als Zhao zum Staatsbesuch nach Nordkorea reist, nutzt sein politischer Rivale, der Premierminister Li Peng, die Gunst der Stunde: In einem aggressiven Leitartikel im KP-Organ "Volkszeitung" lässt er die Proteste der Studenten als "organisierte Unruhen mit antiparteilichen und antisozialistischen Motiven" geißeln. Ähnlich hatte sich zuvor KP-Patriarch Deng Xiaoping geäußert.

Der Kommentar bringt die Studenten noch mehr gegen die Partei auf. Auch Pekinger Bürger und sogar Funktionäre solidarisieren sich mit ihnen. KP-Chef Zhao, aus Nordkorea zurückgekehrt, versucht, die harsche Parteilinie abzumildern. In seinen Memoiren berichtet er davon, wie Premier Li Peng jeden Versuch der Vermittlung "blockiert" und "sabotiert". Li fragt ihn eines Tages: "Du wirst doch nicht weiter deine weichen Methoden anwenden, um mit den Studentendemonstrationen fertig zu werden? Nun ist soviel Zeit vergangen, und sie haben nichts gebracht."

"Die Studenten verstanden nicht, was ich meinte"

Parteichef Zhao bittet im Mai um dringende Audienz beim Patriarchen Deng, dem wahren Machthaber in der KP. Doch als er in dessen Privathaus geladen wird, erkennt er, dass er ausgetrickst worden ist: Dort ist das gesamte Politbüro und eine Reihe alter Parteikader versammelt. Gegen Zhaos Willen entscheiden sie, das Militärrecht auszurufen. Eine Abstimmung gibt es nicht. Zhao schreibt einen Brief, in dem er seinen Rücktritt erklärt, stoppt dann aber die Verteilung. Einen Tag später entscheidet Deng ohnehin, ihn loszuwerden. Zhao hat nichts mehr zu sagen, wird ausgegrenzt.

Am 19. Mai fährt er mit dem heutigen Premierminister Wen Jiabao zum Platz des Himmlischen Friedens und fleht die Studenten mit Tränen in den Augen an, in die Universitäten zurückzukehren. Es ist sein letzter Auftritt in der Öffentlichkeit. "Wir sind zu spät gekommen", sagte er damals. "Die Studenten verstanden nicht, was ich meinte", schreibt Zhao Jahre später. Die KP-Hardliner werfen ihn nach dem Massaker aus allen Gremien der Partei, wieder statutenwidrig. "Ultralinke Taktiken der Kulturrevolution" nennt Zhao das im Nachhinein. In Gefangenschaft wird Zhao zum politischen Reformer. Ursprünglich skeptisch gegenüber westlicher Demokratie eingestellt, kommt er in der Haft zu dem Schluss: "...wenn sich ein Land modernisieren, eine moderne Marktwirtschaft verwirklichen will, muss es als politisches System eine parlamentarische Demokratie einführen."

Allerdings, so schränkt Zhao ein, "brauchen wir eine relativ lange Übergangsperiode", an deren Ende dann aber "andere politische Parteien und eine freie Presse" existieren müssten. Seine Genossen haben versucht, ihn aus Chinas Geschichte zu tilgen, es ist ihnen weitgehend gelungen. Viele junge Leute verbinden mit dem Namen Zhao Ziyang nichts mehr.

Auch seine Memoiren werden daran nichts ändern. Sie dürfen in China nicht erscheinen.



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