Memoiren eines US-Generals Bill Clinton und die verlorenen Atomcodes

Es klingt wie aus einem Politthriller: Der US-Präsident verliert die Geheimcodes für den Befehl zum Atomschlag. Laut einem früheren US-General passierte genau das Bill Clinton - doch die Geschichte hat ein paar Haken.

US-General Shelton: "Das ist eine große Sache"
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US-General Shelton: "Das ist eine große Sache"


Hamburg - Diese Zahlenkombinationen könnten die Welt ins Verderben stürzen: Die Codes, mit denen der US-Präsident einen atomaren Angriff befehlen kann, sind geheimnisumwittert. Auf einer kleinen Plastikkarte - in den USA unter dem Codenamen "the biscuit" (übersetzt: der Keks) bekannt - sollen die Zahlenreihen vermerkt sein. Der Präsident muss sie immer bei sich tragen.

Doch glaubt man dem Buch eines früheren hochrangigen US-Militärs, dann ging Ex-Präsident Bill Clinton, der von 1993 bis 2001 im Amt war, recht nachlässig mit dem Kärtchen um. In dessen Amtszeit sei es über mehrere Monate hinweg verschwunden gewesen, zitiert die britische Zeitung "The Daily Telegraph" aus einem Buch von General Hugh Shelton. Er war mehrere Jahre unter Clinton Vorsitzender des Joint Chiefs of Staff, der Führungsspitze der US-Streitkräfte. Seine Memoiren hat er unter dem Titel "Ohne zu zögern: Die Odyssee eines US-amerikanischen Kriegers" aufgeschrieben.

Und in diesem Buch berichtet der General auch über die Odysee des "bisciut". "Die Zahlen waren über Monate hinweg verschwunden", zitiert die Zeitung aus dem Werk. "Das ist eine große Sache - eine gigantische Sache." Die heikle Angelegenheit sei im Jahr 2000 passiert, schreibt Shelton demnach.

Diese Jahreszahl lässt aufhorchen: Denn ein anderer US-Militär schrieb bereits vor sieben Jahren in einem Buch, dass Clinton die Codes verschlampt hatte, berichtete ABC World News. Doch Oberstleutnant Robert Patterson datierte das Missgeschick auf das Jahr 1998. Er hatte die Geschichte noch ausgeschmückt. Laut Patterson deckte er das Verschwinden des Kärtchens just einen Tag nach dem Bekanntwerden der Lewinsky-Affäre auf. Kaum seien die Vorwürfe über die Affäre Clintons mit seiner Mitarbeiterin Monica Lewinsky publik geworden, habe er vom Präsidenten die Atomcodes sehen wollen, berichtete Patterson damals. Er habe routinemäßig ein Update der Zahlen vornehmen wollen.

"Wir starteten eine Suche im gesamten Weißen Haus"

"Er dachte, er habe sie im oberen Stockwerk liegen lassen", beschrieb der Oberstleutnant die Szene mit Clinton. "Wir suchten dort, wir starteten eine Suche im gesamten Weißen Haus nach den Codes. Am Ende gestand er, dass er sie verlegt hatte. Er konnte auch nicht sagen, wo er sie zuletzt gesehen hatte." Patterson gehörte nach eigenen Angaben zu den Leuten, die den sogenannten Atomkoffer mitverwahrten. Dieser kann nur mit dem Code des Präsidenten aktiviert werden.

Auffällig ist, dass die beiden Militärs sich nicht nur bei den Jahreszahlen zu dem Malheur widersprechen. General Shelton behauptet in seinem Buch auch, die Geschichte von den verlorenen Codes sei vorher noch nie erzählt worden.

Doch da gibt es ja sogar noch eine dritte ähnliche Geschichte, schreibt die "New York Post". Demnach erzählte 1999 der frühere Sprecher des Weißen Hauses, Joe Lockhart, Clinton habe einmal ein Nato-Treffen in solcher Eile verlassen, dass er seine Brieftasche mit den Atomcodes vergessen habe.

Ein Trost für Clinton: Er ist nicht der einzige Präsident, dem ein nachlässiger Umgang mit den heiklen Codes nachgesagt wird. Sein Vorgänger Jimmy Carter, ebenfalls ein Demokrat, soll die Codekarte in einem Anzug vergessen haben - der damit in die Reinigung wanderte.

Zufall oder nicht? Die für Clinton wenig schmeichelhaften Anekdoten von General Shelton erscheinen nur wenige Tage vor den US-Kongresswahlen. In Umfragen liegen die Demokraten hinten. Clinton reist derzeit als Wahlkampfhelfer für seine Partei durchs Land. Für die Republikaner dürfte die Geschichte von den verlorenen Atomcodes sicher neue Angriffsfläche bieten.

mmq

insgesamt 9 Beiträge
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Gani, 21.10.2010
1. Quatsch
Die codes zu verlieren ist nur insofern heikel, als das Clinton eben nicht das nukleare feuer auf die russen oder chinesen hätte herabregnen lassen können wenn "not am mann" gewesen wäre - nicht zwangsläufig ein nachteil. Ansonsten gibts halt neue codes. Aber man braucht ja einen aufhänger um sein buch zu verkaufen.
praise 21.10.2010
2. *
Zitat von sysopEs klingt wie aus einem Politthriller: Der US-Präsident verliert die Geheimcodes für den Befehl zum Atomschlag. Laut einem früheren US-General passierte genau das Bill Clinton - doch die Geschichte hat ein paar Haken. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,724544,00.html
Was ich nicht ganz verstehe: Bekam er dann nicht neue Codes? Es kann doch nicht sein, dass die USA wegen einer Schlamperei jahrelang keine Atomwaffen einsetzen konnten.
joe sixpack 22.10.2010
3. nicht zwangsläufig ein nachteil.
Zitat von GaniDie codes zu verlieren ist nur insofern heikel, als das Clinton eben nicht das nukleare feuer auf die russen oder chinesen hätte herabregnen lassen können wenn "not am mann" gewesen wäre - nicht zwangsläufig ein nachteil. Ansonsten gibts halt neue codes. Aber man braucht ja einen aufhänger um sein buch zu verkaufen.
Solange alles friedlich ist nicht.
mathaeus 22.10.2010
4. Neuester Beitrag zuerst
Zitat von praiseWas ich nicht ganz verstehe: Bekam er dann nicht neue Codes? Es kann doch nicht sein, dass die USA wegen einer Schlamperei jahrelang keine Atomwaffen einsetzen konnten.
Klar, er musste nur seinen Benutzernamen eingeben und "Passwort vergessen" anklicken!! ;-)
t.h.wolff 22.10.2010
5. Unterbewusstsein
Der Einsatz von Atomwaffen ist nicht wirklich eine Option, da die Weiterexistenz der Menschheit ein Ziel ist, das über ideologischen Präferenzen steht. Gut zu wissen, daß das Unterbewusstsein fähiger Männer hier die entsprechenden Weichenstellungen vorgenommen hat. Oder glaubt jemand, daß Boris Jelzin sich über den Code für den sowjetischen Doomsday button immer bewußt war ? Der war zuverlässig in einem halben Liter Wodka aufgelöst - wo er auch hingehört.
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