Memoiren in Moskau Schröders russisches Comeback

Ex-Kanzler Gerhard Schröder lässt sich in Moskau bei der Vorstellung seiner Memoiren feiern. Er wettert gegen die "unsinnige Einkreisungspolitik" der USA und verteidigt die Verstaatlichung des Energiesektors. Die Gastgeber haben allen Grund, zufrieden zu sein.

Von und Simone Schlindwein, Moskau


In Moskau wenigstens hat Gerhard Schröder ein Heimspiel, wenn er die Bilanz seiner siebenjährigen Regierungszeit verteidigt. Samstagmorgen, das Zentrum der russischen Hauptstadt liegt da wie ausgestorben. In der größten Buchhandlung aber stehen die Menschen Schlange - so, als sei die Sowjetzeit mit den ewigen Defiziten noch nicht fünfzehn Jahre vorbei. "Ich bin extra früh aufgestanden, um dabei zu sein", sagt die 21-jährige Ljudmilla Petrowna, die im russischen Außenministerium arbeitet. Für den ehemaligen deutschen Kanzler hat sie sich schick gemacht, hat glitzernden Lidschatten und golden schimmernden Lippenstift aufgetragen. Eine Stunde wartet sie geduldig, bis auch sie ein Autogramm bekommt.

Gerhard Schröder bei seiner Buchpräsentation: "Es gibt Fragen, die stellt man nicht"
Dima Beliakov

Gerhard Schröder bei seiner Buchpräsentation: "Es gibt Fragen, die stellt man nicht"

Gerhard Schröder stellt die russische Ausgabe seiner Memoiren "Entscheidungen. Mein Leben in der Politik" vor. Im Buchladen "Moskwa" an der Prachtstraße Twerskaja bricht der deutsche Polit-Pensionär alle Rekorde: Noch nie kamen so viele Menschen zur Vorstellung eines politischen Buches. "Ich weiß, dass er ein guter Kerl ist und ich wollte von ihm einen Rat bekommen, wie ich so ein Politiker werden kann wie er", sagt der 16-jährige Schüler Alexander Sokolow.

Auch ein Mann ganz anderen Kalibers sieht in Schröders 520-Seiten-Werk eine politische Handlungsanleitung. Dmitrij Medwedew, Vize-Premierminister und einer der möglichen Nachfolger Putins, vertritt im ehrwürdigen "President"-Hotel am Ufer des Moskau-Flusses den Kreml-Herrn. Das Hotel ist nur Staatsgästen vorbehalten. Schröders Busenfreund Wladimir Putin weilt derweil beim Gipfeltreffen des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (Apec) in Australien. Medwedew, der auch das Vorwort zu Schröders Buch geschrieben hat, hält es für aufschlussreich, wie das deutsche parlamentarische System funktioniere und Beschlüsse im Bundestag zustande kämen. Wer wollte, konnte darin eine Spitze gegen den Kreml-Chefideologen Wladislaw Surkow heraushören, der unter der Losung von Russlands "souveräner Demokratie" wie ein Puppenspieler Parteien leben und sterben lässt. Die souveräne Demokratie kommt oft eher daher wie eine manipulierte Demokratie.

Schröder - ein politischer Dissident?

In der Diskussion mit russischen Politikern, Politikwissenschaftlern und Journalisten stellt sich Schröder hinter seinen ehemaligen Kanzerlamtschef und heutigen Außenministers Frank-Walter Steinmeier, der eine Annäherung zwischen Russland und Europa über eine engere, wirtschaftliche Verflechtung propagiert. Schröder sieht darin die Fortsetzung der Ostpolitik Willy Brandts, Helmut Schmidts und nicht zuletzt die Fortschreibung seiner Bemühungen, Europa durch die Einbindung des Kolosses im Osten zu einem eigenen Machtpol zu entwickeln.

Deshalb kritisiert Schröder auch die "unsinnige Einkreisungspolitik" der Vereinigten Staaten, die ein Raketenabwehrsystem in Tschechien und Polen aufbauen wollen. Dies sei nicht allein eine Angelegenheit zwischen diesen beiden Staaten und Amerika, sondern eine Sache der Europäischen Union, erklärte Schröder. Zudem bestehe die Gefahr eines neuen, weltweiten Wettrüstens.

"Moskaus Politik wird in Westeuropa nicht fair beurteilt", klagt Schröder. "Aus einer engen Zusammenarbeit mit Russland hingegen ergeben sich große Chancen." Schröder warnte davor, Deutschland durch Protektionismus vor Investitionen aus Ländern wie Russland, China und den Golfstaaten abzuschotten. "Das wäre verhängnisvoll. Wir sind die exportabhängigste Volkswirtschaft", erklärte er. Er zeigte Verständnis für die erneute Verstaatlichung von Öl- und Gasunternehmen. "Wenn Norwegen die zwei größten Ölunternehmen verschmilzt und der Staat die Mehrheit der Aktien hat, wird das in den Wirtschaftteilen mancher deutscher Zeitungen gefeiert. Tun die Russen Ähnliches, stehen sie am Pranger", meinte Schröder.

Bei so viel Russland-Verteidigung ist es nicht verwunderlich, dass Witalij Tretjakow, Chefredakteur der Wochenzeitung "Moskowskie Nowosti", Schröder in den Rang eines "politischen Dissidenten" erhebt. "Liebe und Freundschaft kommen nicht oft vor, wenn Politiker über Russland schreiben", sagt der Chefredakteur. Nur wenige hätten den Mut, sich an die Spitze eines deutsch-russischen Gemeinschaftsunternehmens zu stellen. So wie es Schröder getan hätte, als er sich kurz nach Ende seiner Kanzlerschaft als Aufsichtsratsvorsitzender bei Nordstream verdingte, dem Gemeinschaftsunternehmen aus dem russischen Energiegiganten Gasprom, der BASF und E.on. "Ginge es um ein deutsch-französisches oder um ein deutsch-amerikanisches Unternehmen, müsste er nicht so viel Kritik einstecken", erklärte Tretjakow.

"Es gibt Fragen, die stellt man nicht"

Als ein Moskauer Wirtschaftswissenschaftler das Fehlen einer russischen Sozialdemokratie beklagt, geht ein Lächeln über Schröders Gesicht. Er verurteilt die Wirtschaftsreformen der neunziger Jahre unter Boris Jelzin, bei denen zu wenig auf die sozialen Folgen geachtet worden sei und empfiehlt eine alte Losung der Arbeiterbewegung: Wissen ist Macht. Nur ein Staat, in dem Kinder und junge Menschen unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern Zugang zu Bildung haben, sei ein gerechtes und letztlich stabiles Gemeinwesen, betont er.

Pawel Woronin meldet sich zu Wort, ein junger Abgeordneter der Putin-Partei "Einiges Russland". Er spielt darauf an, dass Putin nach einer von der Verfassung gebotenen Auszeit nach vier Jahren erneut für das Präsidentenamt kandidieren könne. "Es gibt Fragen, die stellt man nicht. Da wartet man die Entscheidung ab", antwortete Schröder. So groß ist die Sehnsucht nach Schröder in der russischen Elite, dass der eilfertige Jungpolitiker Pawel Woronin dann wissen wollte, ob sich der Ex-Kanzler ein Comeback vorstellen könne. "Genug ist genug", erklärte Schröder. "Es gibt eine alte Boxerregel und die heißt: They never come back".

Gerhard Schröder hat an diesem Samstag aus der Sicht seiner russischen Gastgeber alles richig gemacht. Nur als er sich von Vizepremier Dmitrij Medwedew verabschiedet, unterläuft ihm ein Fauxpas. Er reicht seine Hand über die Türschwelle. Das, so glauben die Russen, bringe Unglück.



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