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04. Juli 2013, 00:20 Uhr

Putsch in Kairo

So jubelt der Tahrir-Platz

Kairo jubelt - als hätte Ägyptens Nationalmannschaft die Fußball-WM gewonnen. Millionen Menschen feiern ausgelassen den Sturz von Präsident Mursi. Die Freude auf dem Tahrir-Platz ist noch größer als nach dem Ende der Mubarak-Diktatur.

Kairo/Hamburg - Um kurz nach 21 Uhr explodiert der Tahrir-Platz. Millionen Menschen haben seit Stunden ausgeharrt, die lange erwartete Erklärung der Militärführung hatte sich immer weiter verzögert. Nun endlich hören sie die erlösenden Worte: Armeechef Abdel Fattah al-Sisi verkündet die Absetzung von Präsident Mohammed Mursi.

Die Menge bricht in ohrenbetäubenden Jubel aus. Die Worte, die der Imam der Azhar-Moschee, der koptische Papst und der Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei anschließend über das Fernsehen an die Ägypter richten, gehen im Tumult unter.

Die Menschen schwenken Hunderttausende rot-weiß-schwarze Landesflaggen, unzählige Feuerwerkskörper steigen in die Luft. Die grünen Laserpointer, die seit Tagen auf den Demonstrationen in Kairo allgegenwärtig sind, erleuchten den Nachthimmel. Aus Lautsprechern ertönt immer wieder der Ruf: "Heb deinen Kopf, du bist Ägypter!" Ein Slogan, der auf Ägyptens ehemaligen Präsidenten und Volkstribun Gamal Abdel Nasser zurückgeht und nun wiederbelebt wird.

Die Demonstranten hatten seit dem Wochenende auf dem Tahrir-Platz protestiert. Den Kundgebungen hatten sich mehr Menschen angeschlossen, als den Protesten gegen den damaligen Diktator Husni Mubarak im Jahr 2011. Heute wie damals rufen die Menschen in Kairo: "Das Volk und die Armee gehen Hand in Hand." Die Oppositionellen sind der Armee für ihre Intervention dankbar, die jahrelangen Verfehlungen des Militärs scheinen vergeben und vergessen. Die Ägypter hoffen auf einen Neuanfang am Nil, den zweiten innerhalb von nur zweieinhalb Jahren.

Schon damals hatte das Militär Staatschef Mubarak abgesetzt - war dann aber selbst länger an der Macht geblieben als versprochen. Doch einen Unterschied zwischen den Demonstrationen gegen Mursi und gegen Mubarak gibt es: 2011 mussten die Ägypter 18 Tage gegen den Präsidenten auf die Straße gehen. 2013 hat es weniger als eine Woche gedauert.

syd

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