Menschenrechte in China "Wir fordern unabhängige, glaubwürdige Ermittlungen in Tibet"

Sie werden überwacht, schikaniert und verhaftet: Dissidenten in China setzen sich großen Gefahren aus, um auf die Missstände in ihrem Land aufmerksam zu machen. Der Bürgerrechtler Wen Kejian berichtet SPIEGEL ONLINE von den Diskriminierungen, die Menschen in China erleben.


SPIEGEL ONLINE: Herr Wen, Sie haben gemeinsam mit 29 Intellektuellen ein Manifest unterschrieben, in dem Sie die chinesische Regierung auffordern, ihre Tibet-Politik grundlegend zu ändern. Wie kam es dazu?

Wen: Es ist schwer für uns, etwas zu der Tragödie in Tibet zu sagen. Uns fehlen neutrale Informationen – alles, was wir erfahren, ist von einer Seite vorbelastet. Bis heute wissen wir nicht, was wirklich passiert ist. Unser Freund Wang Lixiong schrieb die Petition und formulierte sie taktisch klug: Er bat um einen neutralen Dritten, um zu untersuchen, was vorgefallen ist. Wir haben, ohne zu zögern, unterschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Forderungen an die chinesische Regierung?

Wen: Wir möchten eine unabhängige und glaubwürdige Untersuchung durch eine internationale Organisation. Wir möchten, dass die Regierung konstruktiv mit dem Dalai Lama umgeht und die nationalistische Propaganda stoppt.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren die Reaktionen?

Wen: Einige Personen, die unterschrieben haben, wurden schikaniert. Nachdem das Manifest herauskam, ging die Polizei zu ihren Häusern und warnte sie. Sie sollten ihr Verhalten ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau können Sie sich über den Konflikt in Tibet informieren?

Wen: Die chinesischen Autoritäten überfluten die Menschen im Land mit ihrer Version der Vorfälle. Sie sind allerdings dafür bekannt, dass sie Fakten manipulieren. Die Glaubwürdigkeit ist nicht sehr hoch. Natürlich schauen wir uns nach anderen Versionen der Vorfälle um.

SPIEGEL ONLINE: Wo finden Sie diese Information?

Wen: Das Internet ist die einzige Quelle. Es ist von Vorteil, wenn man Englisch spricht. Nicht alle englischen Webseiten sind blockiert. Ich kann außerdem Proxy-Software verwenden, um mir ausländische Webseiten anzuschauen. Solche Webseiten erzählen andere Geschichten davon, was in Tibet vorgefallen ist. Mein Eindruck ist, dass es eine wahre Tragödie ist. Die chinesische Regierung sollte die Verantwortung dafür übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie den Dalai Lama?

Wen: Es ist gefährlich, ein unabhängiges Tibet zu fordern. Ich weiß nicht sehr viel über den Konflikt zwischen Tibet und der Regierung in Peking. Der Dalai Lama fordert Autonomie. Er möchte keine Unabhängigkeit, und dafür verdient er Respekt. Der Konflikt in Tibet hat für mich als Bürgerrechtler in China aber nicht die erste Priorität.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie für China erreichen?

Wen: Die Liste meiner Anliegen ist lang. Menschen werden in China für freie Meinungsäußerung verhaftet. Das reflektiert die grausame Realität. Auch andere Grundrechte werden nicht respektiert: die Versammlungsfreiheit, das Recht, mit anderen Menschen in Verbindung zu treten, das Recht zu wählen. Ich wünsche mir, dass China sich voranbewegt und all das verbessert.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht Utopie?

Wen: Es gibt viele verborgene Kräfte, die zusammenarbeiten, um Dinge nach vorne zu bringen. Diese Entwicklung kommt jetzt in Schwung, denn immer mehr Menschen äußern ihre Meinung. Die Informationstechnologie ist ein wichtiges Werkzeug für uns. Sie hilft Menschen, sich auszutauschen. Auch die internationale Gemeinschaft spielt eine wichtige Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Wer steckt hinter diesen Kräften, von denen Sie sprechen?

Wen: Menschen aus dem Volk, Journalisten, aber auch Politiker handeln immer rationaler. Es gibt einen Markt für wahre Information – genauso, wie es einen Markt für Propaganda gibt. In nicht zu ferner Zukunft wird sich in China etwas ändern – es braucht nur Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die internationale Gemeinschaft tun?

Wen: Das ist schwer zu beantworten. Es hilft, wenn wir Aufmerksamkeit bekommen und Druck auf die Regierung in Peking ausgeübt wird. Es ist gut, wenn bestimmte Menschen an die Öffentlichkeit treten – man muss sie aber auch schützen und darf nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sie lenken. Je mehr Druck von der internationalen Gemeinschaft kommt, desto mehr Veränderungen können im Land passieren.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.