Menschliche Schutzschilde in Bagdad "Es gibt kein Lachen mehr"

Fred Klinger und Reinhold Waßmann riskieren ihr Leben - aus Überzeugung. Die beiden Berliner wollen helfen und als menschliche Schutzschilde die Bürger Bagdads schützen. Doch alltäglich ist der Alltag in der irakischen Hauptstadt schon lange nicht mehr.


Human Shields in Bagdad: Die gescheiterte Mission
AP

Human Shields in Bagdad: Die gescheiterte Mission

Bagdad - Die schwarzen Rauchschwaden vom Rande Bagdads ziehen langsam Richtung Innenstadt. Ein unangenehmer, lungenreizender Gestank breitet sich aus. Reinhold Waßmann kann all das genau beobachten. Jeden Tag schaut Waßmann im "Al-Fanar Tower Hotel" hinunter auf die Stadt.

Vor gut zwei Wochen ist der 53-Jährige mit fünf anderen Berlinern von der Friedensinitiative "Last Minute to Bagdad" in den Irak aufgebrochen, um als menschliches Schutzschild den Krieg zu verhindern. Diese Mission ist gescheitert. Drei Teilnehmer der Gruppe sind inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt. Der vierte Rückkehrer, Hassan Hamdar, wurde in Amman festgenommen, weil er als libanesischer Staatsbürger angeblich ein Visum in Deutschland oder im Libanon hätte beantragen müssen. Seit über eine Woche hat man nichts mehr von ihm gehört.

Waßmann und Fred Klinger aber blieben in Bagdad. Außer ihnen sind noch rund 150 andere Friedensaktivisten aus aller Welt vor Ort. Sie verharren in der Hauptstadt, um die Irakern dort zu unterstützen und helfen, wenn es notwendig wird. Egal ob als Krankenpfleger oder Seelsorger.

Zimmer mit Aussicht

Die Straßen Bagdads sind menschenleer: Kaum jemand traut sich auf die Straße, seit auch tagsüber bombadiert wird
AP

Die Straßen Bagdads sind menschenleer: Kaum jemand traut sich auf die Straße, seit auch tagsüber bombadiert wird

Waßmann ist innerhalb seines Hotels inzwischen schon öfter umgezogen: Zuerst hatte er ein Zimmer mit Blick auf den Tigris. Dann kam die Polizei und sagte, dass diese Front des Hotels nicht mehr bewohnbar und sicher sei. Er musste vorerst in einen Seitenflügel umziehen. "Ich besorgte mir erst einmal einen Staubsauger und einen nassen Lappen, um sauber zu machen", erzählt er. "Das Zimmer war so schmutzig. Aber es ist größer als das andere und hat eine Feuerleiter, was ja sehr nützlich sein kann."

Von seinem Balkon sieht er jetzt das Hotel Palestine, in dem weitere "human shields" und Journalisten untergebracht sind, den Tigris und die Ramadhan-Moschee. Auf der Straße sind inzwischen kaum noch Menschen unterwegs, die Stimmung schlägt langsam um. Alle Wechselstuben und Banken haben geschlossen, Geld kann nur noch bei Taxifahrern getauscht werden. "Und die versuchen einen übers Ohr zu hauen", sagt Waßmann.

Auch die Versorgung wird immer schlechter: Es gibt kaum noch Mineralwasser zu kaufen, höchstens sehr teuer im Hotel. Zum Frühstück gibt es nur noch altes Fladenbrot, keine Butter und keinen Käse mehr. Die Preise steigen unaufhörlich. Wenn man überhaupt noch etwas bekommt.

Hilfe ist willkommen

Fred Klinger geht es in den "Andalus Apartments" nicht anders. "Die Versorgung mit Strom und Wasser ist zwar noch in Ordnung, was aber langsam knapp wird, sind Güter des täglichen Bedarfs wie Seife", sagt der 52-jährige Sozialwissenschaftler. Seit die Bombardements in den letzten Tagen zunahmen, bekommt auch er die Druckwellen detonierter Bomben mit: "Das Hotel wird manchmal so erschüttert, dass ich beinahe aus dem Bett falle."

Qualm und Staub: Selbst der Gang zum nächsten Markt wird für die Bewohner zur Qual
AP

Qualm und Staub: Selbst der Gang zum nächsten Markt wird für die Bewohner zur Qual

Die Angst ist natürlich allgegenwärtig. Abrücken will Klinger von seinen Zielen trotzdem nicht. Mit den Schwestern des christlichen Krankenhauses St. Raphael hat er ausgemacht, dass er nach schweren Treffern helfen kommt. Der Kontakt wurde während der Gottesdienste im Hospital hergestellt. "Im Moment verhandeln wir noch mit dem Gesundheitsministerium, ob wir im Krankenhaus übernachten dürfen. Würde etwas passieren und wir müssten dort hinlaufen, wäre das lebensgefährlich", erklärt Klinger.

Doch im Moment ist es im St. Raphael Hospital noch ruhig. Es seien noch keine Verwundeten eingeliefert worden, hatte ihm Schwester Maryanne erzählt. Dafür kämen viele schwangere Frauen mit Fehlgeburten.

Derzeit dokumentieren die Friedensaktivisten die Lage in Bagdad. Dabei geht es vor allem um Menschenrechtsverletzungen und darum, die zivilen Schäden zu erfassen. Das gehört für Klinger zu seinen alltäglichen Aufgaben. Dafür wurde eigens ein Fragebogen ausgearbeitet. Die Berichte sollen später dem internationalen Gerichtshof in Den Haag vorgelegt werden. An diesen Dokumentationen sind auch Amerikaner beteiligt. Den Friedensaktivisten aus Amerika vor Ort ist aber kürzlich zu Ohren gekommen, dass sie in den Medien zu Hause als Kriegsverbrecher und Verräter dargestellt werden. Auch darüber macht man sich in der Gruppe Sorgen.

Begegnungen im Kriegsalltag

Trotzdem sind es die Momente der Freundlichkeit, die die beiden Deutschen als sehr rührend empfinden. "Als Deutscher wird man hier sehr nett behandelt, es bildet sich sofort eine Menschentraube um einen", sagt Fred Klinger. Kürzlich hat ihn eine irakische Frau gleich in ihre Wohnung eingeladen. "Sie konnte mir zwar nichts anbieten, was für sie sehr schlimm war. Aber sie wollte trotzdem mit mir reden und mir sagen, wie wichtig es ist, dass wir da sind", erzählt der 52-Jährige.

So rührend einige Begegnungen sind, so traurig sind andere: Auf der Straße wurde Klinger von einem älteren, gut gekleidetenr Mann umarmt, als er erfuhr, dass er zu den "human shields" gehört. Dann bettelte er um Geld für seine Enkeltochter - das erste Mal in seinem Leben musste der alte Mann um Geld betteln. "Ich hatte fast nichts dabei, nur ein bisschen Geld für mein Abendessen. Das habe ich ihm dann gegeben. Es ist wirklich erschütternd, dort mittendrin zu sein."

Doch die Kontakte zu den Einheimischen werden weniger. Bei seinen täglichen Rundgängen mit der Digitalkamera - Fotos sind eigentlich verboten - sieht Waßmann kaum noch Menschen auf der Straße. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, seit auch tagsüber bombardiert wird, und nur noch vereinzelte Händler verkaufen auf den kleinen Märkten Zigaretten.

Die Polizeipräsenz in Bagdad steigt ständig: Jeder Aktivist bekommt nun einen persönlichen Aufpasser
AP

Die Polizeipräsenz in Bagdad steigt ständig: Jeder Aktivist bekommt nun einen persönlichen Aufpasser

Die Menschen, die vorher so mutig und ruhig waren, sind nachdenklich und bedrückt geworden. Ausländer sieht man kaum noch auf der Straße. Die Iraker sind den Helfern gegenüber zwar etwas verhalten, aber immer noch sehr freundlich. Und auch das Militär verhält sich sehr korrekt. "Man grüßt sich, wenn man sich schon öfter gesehen hat", sagt der 53-jährige Berliner. Inzwischen seien schon dreimal so viele Soldaten auf der Straße wie zu Anfang der Bombardements. "Damals wurden wir noch bejubelt, wenn jemand bemerkte, wer wir waren. Heute gibt es kein Lachen mehr."

Nach Hause telefonieren

Der einzige Kontakt nach Hause besteht aus kurzen Telefongesprächen und über das Internet. Doch auch dort häufen sich die Probleme. Die beiden Deutschen kommen nicht an die Mailbox, die Verbindung bricht oft ab. Kaum wurde eine E-Mail versendet, bricht alles zusammen, und es ist noch nicht einmal klar, ob es auch tatsächlich geklappt hat. "Ich schreibe alles schon im Hotel und speichere das auf Diskette ab. Aber es dauert auch, bis ich die abgerufenen Mails fehlerfrei auf die Diskette laden kann", erklärt Waßmann das Prozedere. Geduldig sitzt er manchmal Stunden im Internetcafe und wartet, dass der Schaden behoben wird.

Als er beim Abendessen sitzt, fallen wieder Bomben. Die Detonationen folgen in rascher Reihenfolge. Die Einschläge sind nur wenige hundert Meter entfernt auf der anderen Seite des Tigris. Zwischen zwei Moscheen steigen schwarze Rauchwolken auf. Etwa 30 starke Einschläge rund um das Hotels zählen die Gäste. Durch den heftigen Druck werden Lüftungsgitter herausgedrückt, Scheiben gehen zu Bruch. Die Sirenen heulen die halbe Nacht. Das Wetter wird schlechter, es ist kalt, windig und ein Sturm zieht auf. Doch das sei normal, erklärt ihm ein irakischer Zimmernachbar, im März sei mal Sommer-, mal Winterwetter.

Bleiben wollen Klinger und Waßmann bis zum bitteren Ende. Denn dann wird ihre Hilfe am dringendsten gebraucht. "Am Wiederaufbau werde ich mich aber nicht beteiligen", sagt Reinhold Waßmann, "das sollen die machen, die dafür verantwortlich sind."

Von Katrin Gröschel

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.