Merkel auf Reisen Rastlos in Afrika

Drei Länder in drei Tagen: Kanzlerin Merkel hat ein stressiges Reiseprogramm quer durch Afrika hinter sich. Aber Euro-Diskussionen und eine neue Rüstungsdebatte überlagerten die Ergebnisse. Merkel selbst ist daran nicht schuldlos.
Bundeskanzlerin Merkel in Nigeria: Ein Signal senden

Bundeskanzlerin Merkel in Nigeria: Ein Signal senden

Foto: dapd

Geduckt liegt Nigerias weißer Präsidentenpalast in einer dreifach gesicherten Zone. Drei Schlagbäume, drei Mal Stacheldraht, unzählige Soldaten mit Kalaschnikows. Die Besucher tragen Ausweise mit Strichcode. Angela Merkel also kann sich hier recht sicher fühlen, dreifach abgeschirmt von der Welt da draußen.

Es ist die dritte und letzte Station ihrer Tour ins Herz des afrikanischen Kontinents. Das zweite Mal schon besucht sie Afrika, das bei deutschen Kanzlern in der Vergangenheit nicht gerade als favorisiertes Reiseziel gegolten hat.

Merkel startete am Dienstag in Kenia, wechselte nach Angola und sitzt am Donnerstag zum Zwecke einer Pressekonferenz neben dem Präsidenten der Bundesrepublik Nigeria, einem Mann namens Goodluck Jonathan, kleine Brille vor strahlenden Augen unter schwarzem Hut. Die Stimmung ist gut hinterm Stacheldraht.

"Euro?", fragt der Präsident

Irgendwann aber kommt auch hier das Thema Euro zur Sprache. Wie er denn die Stabilität der europäischen Währung einschätze, fragt ein Reporter Jonathan. Und an die Kanzlerin geht die Frage, ob sich wohl am Wochenende die Euro-Länder zum Sondergipfel in Brüssel treffen? Goodluck Jonathan wirkt ein bisschen ratlos. Er zögert, schaut seinen Berater an: "Euro?", fragt er leise.

"Vielleicht fange ich an", sagt da Merkel: Nigeria könne davon ausgehen, dass die Europäer alles tun würden, damit der Euro stark bleibe. Erstes Signal der Kanzlerin an die Märkte. Und das Treffen? Voraussetzung dafür sei, "dass wir ein fertiges Programm für Griechenland verabschieden können". Zweites Signal. Merkel will nur nach Brüssel fahren, wenn ein Erfolg auch sicher ist. Sonst, logisch, fürchtet sie ein fatales Zeichen: Hinfahren und Scheitern, das geht nicht.

Für Merkel ist dies die Schwierigkeit auf ihrer dreitägigen Reise: Immer wieder wird sie von den Ereignissen in der Heimat eingeholt. Ihr Takt ist fremdbestimmt. Merkel ist eine Getriebene: Das Ringen ums neue Rettungspaket für die Griechen, die ungeschickte Kritik von Italiens Silvio Berlusconi am eigenen Sparhaushalt, die Sorgen um andere Wackelkandidaten wie Irland. Ihren Wirtschaftsberater Lars-Hendrik Röller, der auf solch einer Afrika-Reise eigentlich nicht fehlen dürfte, hat sie in Berlin zurückgelassen, einen Abbruch ihrer eigenen Reise aber nicht erwogen.

Denn sie will in Afrika ein Signal senden: Seht her, wir nehmen euch ernst. Partnerschaft auf Augenhöhe, nennt Merkel das. Gerade jetzt braucht es die Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika, auch die drohende Jahrhundertdürre und Hungersnot in Ostafrika ist bei den Gesprächen der Kanzlerin ein Thema. Kenias Präsident Mwai Kibaki sagt sie eine zusätzliche Million Euro für das größte Flüchtlingslager der Welt im nordkenianischen Dadaab zu, in das gerade Tausende vom Hunger bedrohte Somalis strömen.

Merkel hat keine Zeit

Physisch ist die Kanzlerin in Afrika - aber ist sie es auch im Geiste? Kann das überhaupt von ihr verlangt werden? Diese Reise nach Afrika zeigt, dass eine mächtige Regierungschefin wie Merkel, die seit nunmehr zweieinhalb Jahren im Krisenmodus läuft - von der Rettung der Banken zur Rettung des Euro zur deutschen Energiewende - kaum mehr eine Chance hat, die Dinge in Ruhe anzugehen. Sich Zeit zu nehmen. Stattdessen hastet sie von Problem zu Problem.

China, das sich Jahr für Jahr mehr Einfluss durch Entwicklungshilfe und Infrastrukturprojekte in Afrika sichert, um an die Rohstoffe des Kontinents heranzukommen, schickt regelmäßig Präsident und Premier. Die sind teilweise zwei Wochen in Afrika unterwegs - am Stück. Für Merkel undenkbar. Was würden die Deutschen sagen, wenn sich ihre Regierungschefin jetzt mal 14 Tage nach Kenia und Co. verabschiedet? Von Flucht vor den Problemen daheim wäre wohl die Rede.

Skurrile 15-Minuten-Termine

So versucht Merkel einen Spagat: So schnell wie möglich so viel wie möglich Afrika. Ein Kontinent im Hauruck-Verfahren. Sie hetzt von Staatschef zu Staatschef, von Wirtschaftskonferenz zu Wirtschaftskonferenz. Zwischendrin gibt es skurrile 15-Minuten-Termine wie jenen auf der historischen Festung "Fortaleza São Miguel" in Angolas Hauptstadt Luanda.

Der Blick geht über die im Dunst liegende Küstenmetropole, eine Fremdenführerin gibt ein paar Erklärungen, Merkel schaut und hört, dann noch zwei Fragen vom Fernsehen, herzlichen Dank und weiter. Das Ganze geht so schnell, dass es am Ende nicht mal ein wirklich gutes Foto von Merkel über den Dächern Luandas gibt.

Muss das so sein? Ist die Hetze der Tribut dafür, dass sie die deutsche und nicht etwa die, sagen wir mal: österreichische Kanzlerin ist? Dass es anders geht, zeigt Merkel selbst nur wenig später. Sie nimmt sich eine gute Stunde Zeit für angolanische Regierungskritiker: Darunter Journalisten und MC Kappa, jenen Rapper und Philosophiestudenten, der in der Musik die Realität der Meinungsfreiheit in seinem Land austestet und dafür in den Slums bewundert wird.

Werben für die Wirtschaft

Aber all das rückt schnell wieder in den Hintergrund. Denn im Mittelpunkt von Merkels Reise steht die Wirtschaft. So wirbt Merkel zum Beispiel offensiv für Lufthansa, deren Vorstandschef an Bord ihrer Maschine ist; sie vereinbart Energiepartnerschaften und preist das Wissen der Deutschen in den erneuerbaren Energien; und dann tritt sie nebenbei noch eine Debatte über die Aufrüstung Afrikas los.

Von "Ertüchtigung" des Militärs spricht sie in Angola und später auch in Nigeria. Im Falle Angolas will Deutschland sechs bis acht Patrouillenboote für den Grenzschutz liefern lassen; der Bundessicherheitsrat hat dem grundsätzlich bereits zu Zeiten der Großen Koalition zugestimmt. Merkels Ziel: Die Afrikaner sollen selbst für ihre Sicherheit sorgen und Uno-Truppen für Konfliktregionen auf ihrem Kontinent allein stellen können.

Das Wort von der "Ertüchtigung" und das potentielle Rüstungsgeschäft mit Angola - noch sind die Verträge nicht unterzeichnet - befeuern prompt die innenpolitische Debatte um die deutsche Rüstungsexportpolitik, ausgelöst durch die mehr als 200 "Leopard"-Kampfpanzer, die Deutschland an Saudi-Arabien liefern möchte. Ein Staat, nicht minder autokratisch regiert als das gerade erst dem Bürgerkrieg entkommene Angola.

Eine Hatz von Land zu Land, die Euro-Krise und zuletzt auch noch das Rüstungsgeschäft - Merkel hat sich in Afrika als die Kanzlerin Rastlos gezeigt.

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