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06. Juni 2011, 10:29 Uhr

Merkel bei Obama

Außen Ehre, innen Leere

Von , Washington

US-Präsident Obama bereitet Angela Merkel den ganz großen Empfang: In Washington ehrt er die Kanzlerin mit pompösem Bankett und dem höchsten zivilen Orden der USA. Doch all der Glanz kann die Differenzen zwischen den beiden nicht übertünchen - Deutschland und Amerika sind einander fremd geworden.

Es verstößt gegen das Protokoll, aber man muss bei diesem Besuch mit dem letzten Programmpunkt anfangen. Am Dienstagabend, nach ausführlichen Regierungskonsultationen, wird US-Präsident Barack Obama zum festlichen Bankett für Kanzlerin Angela Merkel ins Weiße Haus bitten, sein erstes zu Ehren eines europäischen Gastes. Er wird der Deutschen die Presidential Medal of Freedom überreichen, die höchste zivile Auszeichnung Amerikas.

250 Prominente sollen dabei sein, bei gutem Wetter dürfen sie im Rosengarten Platz nehmen, Deutschlands Transatlantikelite buhlt seit Wochen um Einladungen. Fußballstar Jürgen Klinsmann hat eine ergattert, TV-Moderator Thomas Gottschalk auch, allein fünf Bundesminister reisen extra mit über den Atlantik.

Doch wer wissen will, was Barack Obama sagen wird über seinen deutschen Gast, muss nicht an einem der festlich dekorierten Tische sitzen.

Es wird um Freiheit gehen.

"Während sie im kommunistischen Ostdeutschland aufwuchs, träumte Angela Merkel von der Freiheit", sagte Obama im Februar, als er die Auszeichnung der Kanzlerin begründete. Nach dem Fall der Mauer habe sie ihre eigenen Mauern überwunden, bis sie die erste ostdeutsche Frau im Kanzleramt gewesen sei. "Für Menschen auf der ganzen Welt ist die Geschichte der Angela Merkel eine Inspiration", so Obama.

Doch mittlerweile hat sich der Tenor in Washington geändert: Merkel habe sich seither ganz andere Freiheiten herausgenommen, heißt es. So etwa die Freiheit, Deutschlands Bündnispartner "willkürlicher" auszuwählen.

Es ist eine Freiheit, die Amerika gar nicht gefällt, Medaille hin oder her.

"Sehr enttäuscht" zeigt sich der Ex-Botschafter Amerikas in Berlin, Dan Coats, von der Kanzlerin und ihrem Kurs. "Will Deutschland wie die Schweiz werden?", fragt er in der "Financial Times Deutschland".

Es geht ja nicht nur um die Entscheidung zum Libyen-Einsatz, mit der sich Deutschland im Uno-Sicherheitsrat an die Seite von Russland und China gesellte und in Opposition zu den USA stellte. Die Skepsis sei eher ein Grundgefühl, sagen Transatlantikexperten. Dieses Gefühl werde durch bestimmte Ereignisse immer weiter verstärkt. Als Beispiele führen sie Folgendes an:

Deutsche Nabelschau

Der Eindruck ist immer gleich: Deutschland guckt in Zeiten von Angela Merkel nicht mehr zuerst über den Atlantik. "Es guckt nach innen", sagt Charles Kupchan, Deutschlandexperte an der Georgetown University in Washington. Die Berliner Regierung sei vor allem mit der Euro-Krise und dem Frust der Bundesbürger über Milliarden-Hilfspakete etwa für Griechenland beschäftigt. Das lasse wenig Zeit für außenpolitische Führungsstärke.

So viel Nabelschau löst in Washington fast so viel Zweifel an Deutschlands Verlässlichkeit aus wie einst Merkel-Vorgänger Gerhard Schröder mit seinem Basta-Kurs gegen den US-geführten Angriff auf den Irak. Dabei galt Merkel in Amerika lange als die Anti-Schröder, als eine deutsche Regierungschefin, die instinktiv an der Seite Amerikas steht und dessen Werte teilt.

Gerade Obamas Leute wollten mit Merkels Hilfe ihre hohen Erwartungen an Europa einlösen. Doch diese Hoffnung hat die Kanzlerin enttäuscht. Die "New York Times" hinterfragt mittlerweile gar die "Fähigkeit Deutschlands, global eine Rolle zu spielen."

Merkels Verteidigungsminister Thomas de Maizière musste sich bei einem Abendessen während seines letzten Washington-Besuchs laut Zeitungsberichten fragen lassen, warum Deutschland überhaupt noch eine Armee habe. Dass Berlin mit seiner Skepsis gegenüber dem Libyen-Einsatz Recht behalten hat, ändert wenig am Unmut der US-Regierung. Zu plump schienen US-Beobachtern die innenpolitischen Motive, als Merkel ihren Außenminister Guido Westerwelle - der in Washington als "unsichtbar" gilt - im Uno-Sicherheitsrat ungeschickt hantieren ließ. Charles Kupchan analysiert: "Merkel wollte doch den Widerstand gegen Libyen nutzen, um ihre Popularität daheim zu stärken."

Nun drohen neue transatlantische Differenzen über die Atompolitik. Obama will mit Milliardenbürgschaften weitere AKW in den USA bauen. Merkel hat gerade beschlossen, alle deutschen Meiler abzuschalten. In Washington schütteln viele den Kopf über die Entscheidung der ausgebildeten Physikerin. Zwar lobt man öffentlich gern Deutschlands "green economy", auch im Weißen Haus. Doch so hat man sich die grüne Wende nicht vorgestellt.

Nicht einmal das neue deutsche Wirtschaftswunder kann Merkel uneingeschränkt als Plus ins Feld führen. Es wird schließlich von der Euro-Krise überschattet, die Europa wieder als gebeutelte Region erscheinen lässt, Deutschlands gegenwärtiger Stärke zum Trotz.

Zum Liebhaben verdammt

Die Kanzlerin will zwar bei ihren Konsultationen mit Obama erneut für ihre Idee eines Transatlantic Economic Council (TEC) werben, ein Forum für bessere Absprachen zum Handel zwischen Europa und Amerika.

Die Amerikaner interessieren sich aber kaum dafür. Sie schimpfen lieber weiter auf den deutschen Handelsüberschuss - und wollen, dass die Bundesbürger mehr konsumieren, damit die globale Konjunktur anspringt. Die Bundesregierung kann mit diesem Vorwurf wenig anfangen. Immerhin speisten sich zwei Drittel des deutschen Wachstums längst von der Nachfrage daheim, heißt es in Berlin.

Die Freiheitsmedaille für Merkel und das pompöse Staatsbankett sind nun ein Versuch, solche Differenzen zu überwinden - schließlich sind die beiden Partner füreinander unverzichtbar. Zwar beschreiben nur wenige Merkel-Mitarbeiter das Verhältnis der Kanzlerin zu Obama als "herzlich". Doch wen sonst soll sie unterstützen? Etwa die Republikaner? Deren aussichtsreichster Bewerber, Mitt Romney, hat gerade Obama wieder "schrecklich europäische" Wirtschaftspolitik vorgeworfen. Romney meinte das natürlich als Schimpfwort.

Obama will Merkel mit einer Charmeoffensive umgarnen. Nicht nur wegen Deutschlands Wirtschaftsstärke. Nicht bloß, weil Merkel Obama ziemlich ähnlich ist: geduldig, kühl, abwartend, "leading from behind", wie der "New Yorker" vor kurzem Obamas außenpolitischen Stil beschrieben hat: im Hintergrund die Fäden ziehen. Obama bemüht sich auch deshalb um die Kanzlerin, weil das Weiße Haus anderen europäischen Regierungschefs, vor allem Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, nicht so recht traut. Sie gelten als sprunghaft und selbstverliebt.

Die umstrittene Libyen-Mission, bei der London und Paris mit die Strippen ziehen, gilt US-Skeptikern als Beleg, dass die Europäer ohne entschiedene amerikanische Führung ohnehin wenig zustande bringen. Nur der kühlen Merkel wird zugetraut, Europa zu etwas mehr Einheit zu bewegen. "Es gibt keinen Zweifel, dass die Kanzlerin als Europas Nummer eins nach Washington kommt", sagt Europaexpertin Fiona Hill von der Brookings Institution.

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