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17. September 2014, 06:55 Uhr

Katars Staatschef bei Merkel

Der zwielichtige Scheich besucht Berlin

Von und

Einer der jüngsten und international umstrittensten Staatschefs kommt nach Berlin: Katars Emir Tamim. Er steht unter Verdacht, den Aufstieg des IS gefördert zu haben. Nun soll das Emirat beim Kampf gegen die Terroristen helfen.

Hamburg/Berlin - Entwicklungsminister Gerd Müller gehört zu den unauffälligsten Köpfen im Bundeskabinett. Seine Amtsvorgänger Heidemarie Wieczorek-Zeul und Dirk Niebel hatten wenigstens noch knallrote Haare oder eine Landser-Mütze, mit denen sie in Erinnerung geblieben sind. Müller führt sein Amt dagegen bislang so unauffällig, wie es sein Name nahelegt.

Nur einmal hat der CSU-Politiker bislang so richtig für Aufsehen gesorgt. In einem ZDF-Interview zum Vormarsch der Terrorgruppe "Islamischer Staat" im Irak und in Syrien sagte er Ende August: "Man muss sich auch die Frage stellen, wer rüstet, wer finanziert die IS-Truppen? Stichwort Katar". Müller war damit der erste Regierungspolitiker, der das Emirat öffentlich bezichtigte, die Dschihadisten zu unterstützen.

Katars Herrscherhaus bestellte daraufhin die deutsche Botschafterin in Doha ein, um sich offiziell über den Minister zu beschweren. Die Bundesregierung entschuldigte sich umgehend und sprach von bedauernswerten Missverständnissen. Müller habe mit seinen Äußerungen "keinen konkreten Vorwurf verbunden", sondern lediglich auf Zeitungsberichte angespielt.

Katar erhält "Leopard"-Panzer aus Deutschland

Am Mittwoch kann Kanzlerin Angela Merkel persönlich die Haltung der Bundesregierung erläutern. Sie empfängt Katars Emir, Scheich Tamim Bin Hamad Al Thani, in Berlin. Es ist der erste Staatsbesuch des 34-jährigen Autokraten in Deutschland, der im Juni 2013 die Macht von seinem Vater übernahm.

Merkel wird im Kanzleramt einen heiklen Bündnispartner begrüßen. Das Herrscherhaus ist mit Milliardenbeträgen an deutschen Unternehmen beteiligt, unter anderem an Hochtief, Volkswagen und der Deutschen Bank. Katar ist einer der weltgrößten Produzenten von Flüssiggas. Weil Deutschland intensiv nach Alternativen zum Erdgas aus Russland sucht, ist ein gutes Verhältnis zu dem Golfstaat auch energiepolitisch wichtig.

Zudem ist Katar in den vergangenen Jahren zu einem der wichtigsten Abnehmer der deutschen Rüstungsindustrie aufgestiegen. Allein im ersten Halbjahr 2013 erteilte die Bundesregierung Ausfuhrgenehmigungen im Wert von rund 635 Millionen Euro. In das Land werden unter anderem 62 "Leopard"-Kampfpanzer und 24 Panzerhaubitzen geliefert. Katar zählt zu den sogenannten strategischen Partnern Deutschlands, deshalb darf das Emirat Waffen von deutschen Rüstungskonzernen kaufen.

Aber darf die Bundesrepublik einen Staat massiv aufrüsten, obwohl allen Verantwortlichen in der Berliner Regierung klar ist, dass dieser hinter den Kulissen in Syrien von Beginn an radikale Islamisten unterstützt hat? Islamisten, die inzwischen ein religiöses Terrorregime errichtet haben und Menschen vor laufenden Kameras den Kopf abschneiden.

Offiziell ist Katar inzwischen wie die anderen arabischen Golfstaaten der internationalen Koalition gegen den "Islamischen Staat" beigetreten. Die Bundesregierung hofft vor allem auf Kooperation bei der Jagd auf die Kommandeure des IS, auf Hinweise über Reisebewegungen und einen Stopp der Terror-Finanzierung aus der Golfregion.

Am Freitag kommt der nächste Regierungschef vom Golf

Schon seit Jahren ist das Emirat in Sachen Informationsaustausch beim Kampf gegen den Terror ein unerlässlicher Partner, im Vergleich zu den erratischen Herrschern von Saudi-Arabien gilt der junge Staatschef Tamim als weitgehend berechenbar, rational, manchmal fast modern.

Doch nicht nur Katars Syrien-Politik hat in Berlin für wachsenden Unmut gesorgt: Auch die massive Unterstützung für die palästinensische Hamas verärgert die Bundesregierung. Hamas-Chef Chalid Maschaal residiert seit mehr als zwei Jahren in Doha, das Emirat ist der wichtigste Finanziers der Organisation.

Obwohl Katar sich als Bündnispartner von USA und EU im Nahen Osten präsentiert, unternahm das Herrscherhaus während der jüngsten Eskalation lange nichts, um die Hamas zu einer Waffenruhe mit Israel zu überreden. Merkel wurde ungewöhnlich deutlich: "Katar hat hier die Möglichkeit, einzuwirken", sagte die Kanzlerin in einem Fernsehinterview. Es dürfe nicht sein, dass das Land "in eine ganz andere Richtung arbeitet".

Der Berlin-Besuch von Emir Tamim soll diese Unstimmigkeiten endgültig beilegen. Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" ist der Westen bei der Suche nach Partnern ohnehin nicht wählerisch. Schon am Freitag empfängt Merkel im Kanzleramt den nächsten zwielichtigen Herrscher vom Golf: den Premierminister von Kuwait.

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