Athen-Besuch der Kanzlerin Merkels Streicheleinheiten

Es geht aufwärts in Griechenland: Dieses Bild wollte Premier Samaras der Kanzlerin bei ihrer Kurzvisite in Athen vermitteln. Seit ihrem letzten Besuch 2012 hat sich einiges verbessert. Doch Merkel sagt selbst: "Der Weg ist noch weit."

Aus Athen berichten , und


Die Einlasskontrollen an der Residenz des griechischen Premierministers sind nicht leicht zu durchschauen. Durchaus akribisch überprüft das Sicherheitspersonal dort den Begleittross von Angela Merkel. Anschließend aber müssen alle wieder vor die Tür, bis sie nach langem Warten endgültig eintreten dürfen - diesmal ganz ohne Kontrolle. Die berüchtigte griechische Bürokratie zeigt sich quicklebendig.

Nicht alles hat sich in Griechenland geändert, auch wenn die erste Anleihenauktion seit vier Jahren am Donnerstag einen Erfolg markierte. Den erkennt am Freitag auch Merkel bei ihrem ersten Athen-Besuch seit anderthalb Jahren an. Als die deutsche Kanzlerin im Oktober 2012 kam, lag die Marktverzinsung einer griechischen Zehnjahres-Anleihe bei knapp 20 Prozent, heute sind es rund sechs Prozent. Damals hätte kein privater Investor auf dem Globus eine neu ausgegebene griechische Anleihe gekauft. Jetzt konnte sich Griechenland vor Kaufwilligen kaum retten.

"Griechenland ist wieder da"

Die Auktion wirkt wie der ökonomische Ritterschlag der Märkte; unmittelbar gefolgt vom Besuch der Kanzlerin, dem passenden politischen Symbol. "In den vergangenen anderthalb Jahren hat sich sehr, sehr viel getan", lobt Merkel,

Griechenland habe nun "mehr Chancen als Probleme". Sein Land habe es geschafft, echot Antonis Samaras. "Griechenland ist wieder da."

Als substantiellste Vereinbarung präsentieren Merkel und Samaras eine griechische Förderbank nach Vorbild der deutschen KfW. Bei dem von Deutschland mitfinanzierten Projekt seien "erste Schritte" gemacht, sagen beide Regierungschefs. Dabei kündigte die griechische Regierung die Bank schon vor zweieinhalb Jahren an. Auch die deutsche Beteiligung mit einem Darlehen über 100 Millionen Euro hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble bereits im Sommer 2013 als Gastgeschenk mitgebracht.

Es gibt auch Fortschritte: Der Tourismus hatte 2013 ein sehr gutes Jahr, auch weil die "Präsenz der Deutschen" hoch war, wie es Merkel sagt. Die Landwirtschaft verkauft deutlich mehr Produkte ins Ausland, im verarbeitenden Gewerbe sind die Lohnstückkosten unter das deutsche Niveau gerutscht. Das deutet an: Griechenland kann mit den wenigen exportfähigen Waren international angreifen.

Deutlich geringer waren seit Merkels letztem Besuch die Fortschritte in Verwaltung und Staat. Die Zersplitterung der Kompetenzen, die Bürokratie, die Eitelkeit der hohen Beamten - daran hat sich offenkundig noch nicht sehr viel geändert. Es steigt die Zahl der Unternehmensgründungen, aber es mangelt an echten Innovationen. Die Zahl der in Griechenland jährlich angemeldeten europäischen Patente stagniert seit Jahren bei rund 140. In Belgien, das eine ähnlich große Einwohnerzahl hat, sind es mehr als 2200.

Da wirkt es doch verwegen, wenn Premier Samaras bereits von einem anderen Wirtschaftsmodell spricht. "Dieses neue Griechenland ist eine Realität", sagt er bei einem gemeinsamen Treffen mit Start-up-Gründern.

Einer dieser Jungunternehmer ist Georgios Gatos, Mitgründer des Bootscharter-Portals "Incrediblue". Er zeigt sich beeindruckt vom Treffen mit Merkel. Die Kanzlerin sei interessiert und einfühlsam gewesen - was nicht dem Bild entspricht, das viele Griechen von ihr haben.

Ihr Popularitätsproblem spricht Merkel in Athen selbst an. Sie sei nicht sicher, ob die Unternehmer nach ihrem Treffen mit der Kanzlerin "heute noch nach Hause kommen dürfen", scherzt sie. Und sie wisse, dass der von Griechenland vermeldete Primärüberschuss dem Normalbürger noch nicht weiterhelfe. "Das bedeutet für jemanden, der arbeitslos ist, gar nichts."

In der Euro-Krise geht es auch um Symbolik

Auch sonst zeigt sich die Kanzlerin mit Blick auf die Erfolgsmeldungen zu den griechischen Staatsfinanzen zurückhaltend. "Der Weg ist noch weit", sagt sie, aber die Diskussion über das weitere Vorgehen werde künftig eben in einem "sehr viel optimistischeren Klima geführt".

Premier Samaras muss sich nach der Anleihen-Auktion die Frage gefallen lassen, warum sich Griechenland nun wieder zu höheren Zinsen Geld leiht, als es sie vom Euro-Rettungsschirm gibt. Er kontert mit den Zinsen für kurzlaufende Anleihen und Unternehmen, die nach der Auktion ebenfalls gesunken seien. Doch entscheidend dürfte etwas anderes sein. Die Kritiker ignorierten die "politische Realität eines Landes, das sich endlich befreien konnte".

Es ging in der Euro-Krise immer auch um Symbolik. Und wichtige Symbole waren sowohl die Auktion als auch der Merkel-Besuch zweifellos. Das scheinen auch die Griechen zu ahnen. Laut einer aktuellen Umfrage für die Zeitung "To Pontiki" hat zwar nur ein Viertel der Griechen eine positive Meinung von der Bundeskanzlerin. Knapp die Hälfte glaubt aber, dass der Besuch der Deutschen ihrer Regierung helfen wird.

Griechenland: Merkels Athen-Besuch

Mitsaras, arbeitet in einer Taverne:
"Ich würde Merkel eine Maske aufsetzen und ihr dann zeigen, was sie bewirkt hat. An einem Tag würde ich ihr die Obdachlosen zeigen, am nächsten die Suppenküchen. Und die geschlossenen Geschäfte, die Selbstmordstatistiken."

Dimitris Tsavos, Kellner:
"Politik von oben ist einfach. Merkel sollte die Leute besuchen, ihre Sorgen sehen, dass sie nichts zu essen haben. Ich würde sie bitten, den Tag mit mir hier in der Taverne zu verbringen. Wo Griechen, die Gentlemen waren, jetzt um eine Scheibe Brot betteln. Wenn ich 480 Euro brutto verdiene und eine Ein-Zimmer-Wohnung für 250 Euro habe, wie soll ich da zurechtkommen?"

Christos Nasmis, Wirtschaftsstudent, 20:
"Ich würde Frau Merkel nach einem gerechteren Europa fragen. Und ich würde sie bitten, Investitionen nach Griechenland zu bringen."

Kostas Karabasis, Wirtschaftsstudent, 20:
"Ich würde Merkel bitten, wieder für ein sicheres Geschäftsumfeld zu sorgen. Wer wird investieren, wenn diese Unsicherheit anhält?"

Ioannis Giolas, 56:
"Ich würde ihr sagen, dass sie Menschen in Südeuropa respektieren soll. Wir sind keine Bürger zweiter Klasse. Wir arbeiten mehr als alle anderen in Europa. Griechenland hat seinen Mittelstand und seinen Handel verloren. All das Zeugs mit Griechenlands Rückkehr an die Märkte und die angebliche Erfolgsgeschichte ist nur eine Erfindung und ein Mythos."

Stamatia Tsoumea, arbeitslos, ehemalige Schulwächterin:
„Was in Griechenland passiert, ist unmenschlich. Wir haben Ihr Land unterstützt, Frau Merkel, mit der Beilegung deutscher Schulden nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieselbe Solidarität würden wir in der sogenannten europäischen Familie erwarten. Wir wissen, dass Sie hierhin kommen, um unsere Regierung zu unterstützen und die falsche Botschaft zu senden: Dass die Krise und die Überwachung durch die Troika vorbei sind."

Melina Kotsaki, frühere Stewardess bei Olympic Airways, 70:
"Rückkehr an den Markt? Optimistisch? Wirklich? Kommen Sie, das sind alles Märchen für Naive. Das ist alles ein abgekartetes Spiel, um vor der Europawahl zu punkten. Aber wir sind keine Idioten, zumindest die meisten von uns. Merkel ist die Betrügerin Nummer eins. Die Menschen und Europa sind ihr egal. Sie interessieren nur die Eliten."

insgesamt 41 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
onkeln 11.04.2014
1. Unglaublich....
Dass die Griechen mal auf die Idee kommen, dass sie sich selbst in diese miese Lage manövriert haben, wird wohl nie passieren. Und ewig Merkel und die Troika verantwortlich zu machen ist absolut lächerlich. Wo wären die Griechen denn bitte ohne die Hilfsmilliarden aus Deutschland und der EU?! Dann wäre das Geschrei wahrscheinlich nach dem Motto "Merkel lässt die Griechen verhungern". Die Griechen sollten sich an die eigene Nase fassen und nicht ständig einen Schuldigen suchen.
erwin dunn 11.04.2014
2.
Die Dame am Schluss hat es erfasst. Merkel=Politik für die Elite. Wir haben inzwischen auch in Deutschland viele Menschen, die trotz enormer Anstrengung nicht mehr aus der finanziellen Falle herauskommen und auch am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen können. Noch nicht so dramatisch wie in Griechenland, aber es geht mit großen Schritten in diese Richtung.
jochen1978 11.04.2014
3. keine Besserung
Man will die Wähler vor der Europawahl einlullen. Griechenland hat eine Staatsverschuldung von über 170% des BIP (erlaubt wären 60%) und ca. 25% Arbeitslose, bei Jugendlichen über 50% Arbeitslose. Mit ein wenig Tourismus und Landwirtschaft allein kann das nix werden...
kimba_2014 11.04.2014
4.
Zitat von sysopAFPEs geht aufwärts in Griechenland: Dieses Bild wollte Premier Samaras der Kanzlerin bei ihrer Kurzvisite in Athen vermitteln. Seit ihrem letzten Besuch 2012 hat sich einiges verbessert. Doch Merkel sagt selbst: "Der Weg ist noch weit." http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-in-griechenland-samaras-verspricht-aufschwung-in-athen-a-964019.html
Man ist es auch langsam leid, diese Dauerberieselung aus Lügen und Propaganda beim Thema Athen und Euro noch zu kommentieren. In Griechenland geht nichts bergauf außer der Verschuldung, und würden die Deutschen nicht für alles bürgen wäre das Licht dort unten schon lange aus. Aber die Scharade vom großartigen Euro muss ja bis zum letzten Tag weitergespielt werden. Merkel ist alles egal, Hauptsache sie ist Kanzlerin.
press_spie 11.04.2014
5. Angie verhält sich als ob sie überall Gastgeberin wäre
dabei bergisst sie dass Griechenland bis Heute das Land ist das das Geld am teuristen bezahlt hat , und Angie ihr Stern die schon in Fallen war , plötzlich durch die Griechen neues Licht bekam . Im Jahr 2011 im Politbaromether vor der Überfall auf die Griechen lag sie an vierte Stelle , nach der Übrrfall sprang swie auf dem ersten Stelle. Heute kerhrt sie nach Griechenland zruück um sich zu bedanken für das erbrachte Glück , ihr nächste Überfall ist für das Jahr 2016 geplannt , um dann im Jahr 2018 noch mal nach Athen zu fahren . Wenn der Welchseln an der Spitze eines Staates für die Demokratie überlebends wichtig ist , dann kann sich die Demokratie in Deutschalnd nicht mehr so gut fühlen, vielleicht sollte man einfach auf MOnarchie umschlaten .
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.