Merkel-Medwedew-Gipfel Küsschen für die Kanzlerin

Blitzgipfel unter Freunden: Wenn Angela Merkel auf Dmitrij Medwedew trifft, dann glänzen die deutsch-russischen Beziehungen. Die Kanzlerin hat ihre Skepsis gegenüber dem Kreml überwunden - und demonstriert für das Land ein Gespür, das ihren wichtigsten Ministern fehlt.

AP

Von , Moskau


Am Ende gab es einen Kuss für die Kanzlerin. Russlands Präsident Dmitrij Medwedew, ganz Gentleman, ließ es sich zum Abschluss der deutsch-russischen Regierungskonsultationen in Jekaterinburg nicht nehmen, Angela Merkel persönlich zu verabschieden. Medwedew begleitete sie gar zu Fuß bis zu ihrem Flieger, herzte sie und übergab einen Strauß Blumen.

Von Medwedews Vorgänger Wladimir Putin sind vergleichbare Sympathiebekundungen nicht überliefert. Zwar zeigte Russlands Staatsfernsehen Merkel jüngst bei der Parade zum Tag des Sieges im Mai ebenfalls angeregt mit Putin parlierend auf der Tribüne. Gespräche mit dem heutigen Premierminister glichen gleichwohl stets einem Tanz auf dem Vulkan, berichten deutsche Diplomaten: Man wisse nie, ob dem sonst so coolen amtierenden Politiker bei kritischen Fragen nicht der Kragen platze.

Anders Medwedew: Als im Rahmen der Gespräche in Jekaterinburg die Rede auf die vor einem Jahr ermordete russische Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa kam, reagierte Medwedew ernst, angemessen - und verkündete zur Überraschung der anwesenden Journalisten, der Täter sei schon bekannt und zur Fahndung ausgeschrieben.

Präsident und Kanzlerin waren fast unzertrennlich

Wenn Merkel auf Medwedew trifft, dann glänzen die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. So war es bei den Gesprächen Anfang Juni in Meseberg, bei denen Kanzlerin und Präsident gemeinsame Positionen abstimmten und die Weltpolitik diskutierten. Zwei Tage nahmen sie sich für die persönlichen Gespräche Zeit. So war es auch jetzt bei den Regierungskonsultationen in Jekaterinburg, trotz eines engen Terminplans.

Beobachter in Moskau verübeln der Kanzlerin zwar, dass sie Russland nur zu einem Zwischenstopp degradierte. Merkel flog keine 24 Stunden nach ihrer Ankunft auf russischem Boden schon weiter nach Peking. Dazwischen aber waren Präsident und Kanzlerin fast unzertrennlich, hockten bis weit nach Mitternacht beisammen und trafen sich am nächsten Morgen in der Boris-Jelzin-Straße schon wieder, zum Arbeitsfrühstück in der 18. Etage des Hyatt-Hotels.

"Es hat sich eine sehr tiefe und sehr freundschaftliche Beziehung entwickelt, in der schwierige Fragen besprochen werden können", sagte Merkel - und versprach der russischen Seite gar, sich für Visa-Erleichterungen starkzumachen.

"Deutschland ist unser Schlüsselland", sagte Medwedew mit Blick auf die angestrebte Modernisierung der russischen Wirtschaft. Noch vor Frankreich, Italien oder den USA sei es der bevorzugte Partner Russlands. Deutsche Wirtschaftsführer kommen aus Jekaterinburg mit prallen Auftragsbüchern zurück. Siemens wird etwa in den kommenden Jahren 220 Regionalzüge für 2,4 Milliarden Euro liefern und für 600 Millionen Rangierbahnhöfe modernisieren.Aeroflot ordert Airbus-Maschinen im Wert von zwei Milliarden Dollar. Ohnehin zieht der Handel zwischen beiden Ländern kräftig an - Deutschland bleibt mit Abstand Russlands wichtigster Handelspartner, und in den ersten vier Monaten des Jahres stieg der Warenaustausch um 50 Prozent auf 15,2 Milliarden Dollar.

Allerdings sollte dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Beziehungen zwischen Medwedew und Merkel viel besser sind als zwischen den Ländern insgesamt. Vertreter deutscher Unternehmen in Moskau ätzten schon vor dem Gipfeltreffen, viele Abschlüsse kämen "nicht dank der Politik der Bundesregierung zustande, sondern trotzdem". Klaus Mangold, Vorsitzender des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, warnte vor der "wachsenden Konkurrenz" durch andere Länder.

Es fehlt das Konzept für eine deutsche Russlandpolitik

"Angela Merkel hat trotz ihrer anfänglichen Skepsis gegenüber Russland einen Draht zu Medwedew gefunden", sagt Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). "Aber darüber hinaus gibt es kein Konzept für eine deutsche Russlandpolitik. Es gibt in der Koalition auch niemanden, der sich für die Russlandpolitik interessiert."

Die Schwergewichte des deutschen Kabinetts brachen denn auch gar nicht erst zu den Regierungskonsultationen nach Jekaterinburg auf. Sowohl Finanzminister Wolfgang Schäuble als auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg blieben den mitunter ermüdenden bilateralen Beziehungen fern.

Einst justierte das deutsche Außenministerium unter Frank-Walter Steinmeier (SPD) die deutsche Russlandpolitik neu - und prägte den Begriff der "Modernisierungspartnerschaft". Zwar anwesend in Jekaterinburg, aber wenig sichtbar war der neue Außenamtschef Guido Westerwelle. "Früher hat das Außenministerium Akzente in den deutsch-russischen Beziehungen gesetzt", sagt DGAP-Experte Meister. "Aber Westerwelle fehlt das rechte Gespür für Russland."

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Seite 1
rumpel84 15.07.2010
1.
Lest ihr euer eigenes Magazin nicht? In der Print-Ausgabe ist ein Artikel, wie Russland von der deutschen Regierung vernachlässigt wird.
yogtze 15.07.2010
2. Seltsam, seltsam...
Zitat von sysopBlitzgipfel unter Freunden: Wenn Angela Merkel auf Dmitrij Medwedew trifft, dann glänzen die deutsch-russischen Beziehungen. Die Kanzlerin hat ihre Skepsis gegenüber dem Kreml überwunden - und demonstriert ein Gespür für das Land, das ihren wichtigsten Ministern fehlt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,706725,00.html
Seltsam, wie sich innerhalb von 24 Stunden die Beziehungen zwischen den beiden Ländern gewandelt haben. Gestern habe ich auf SPON noch folgenden Artikel gelesen: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,706404,00.html
charité 15.07.2010
3. natürlich
Zitat von sysopBlitzgipfel unter Freunden: Wenn Angela Merkel auf Dmitrij Medwedew trifft, dann glänzen die deutsch-russischen Beziehungen. Die Kanzlerin hat ihre Skepsis gegenüber dem Kreml überwunden - und demonstriert ein Gespür für das Land, das ihren wichtigsten Ministern fehlt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,706725,00.html
Eine etwas lyrische Formulierung. Treffender wäre wohl: die Minister interessieren sich nicht für Rußland. Und das ist irgendwie nachvollziehbar. Rußland fällt als wirklicher Bündnis-und Wertepartner heute und in absehbarer Zukunft aus. Das Land hat sich verabschiedet vom europäischen Entwicklungspfad, stattdessen hat sich der Putinismus etabliert, welcher das Gegenteil von Freiheit, Menschenrechten, Rechtsstaat und Demokratie ist. Kann man es Ministern einer demokratischen Regierung deshalb verübeln, daß sie genervt und müde abwinken, wenn es um den Putin-Staat geht? Ich denke nein. Ich denke, es ist eine ganz natürliche und gesunde Reaktion auf die Entwicklung Rußlands seit 10 Jahren. IN Sachen Rußland legen CDU und FDP eindeutig ein höheres Maß an gesundem Menschenverstand an den Tag als die beiden SPD-Putinisten Schröder und Steinmeier es getan haben.
kdshp 15.07.2010
4. aw
Zitat von sysopBlitzgipfel unter Freunden: Wenn Angela Merkel auf Dmitrij Medwedew trifft, dann glänzen die deutsch-russischen Beziehungen. Die Kanzlerin hat ihre Skepsis gegenüber dem Kreml überwunden - und demonstriert ein Gespür für das Land, das ihren wichtigsten Ministern fehlt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,706725,00.html
Hallo, es war doch eher andersrum das frau merkel hier geblockt hat was ich aufgrund ihrers lebenslauf auch verstehen kann. Die angst vorm russen steckt tief in frau merkel wenns nicht gar ein alptraum war den man nie ganz los wird. "Wir haben wahrlich keinen Rechtsanspruch auf Demokratie und soziale Marktwirtschaft auf alle Ewigkeit. Unsere Werte müssen sich auch im Zeitalter von Globalisierung und Wissensgesellschaft behaupten." - A. Merkel Rede zur 60-Jahr-Feier der CDU am 16. Juni 2005, regina-van-dinther.de
eine_oma 15.07.2010
5. Siemens-Züge nach Russland ?!?
"Siemens wird etwa in den kommenden Jahren 220 Regionalzüge für 2,4 Milliarden Euro liefern und für 600 Millionen Rangierbahnhöfe modernisieren." Lese ich in dem Artikel. Ist wohl jetzt die deutsche Geheimwaffe, um das russische Reich zu ruinieren? Bei den Temperaturen, die dort herrschen, dürften die Schrottkisten sich nicht lange auf den Schienen fortbewegen... *LOL*
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