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Merkel und Sarkozy: Zweckbündnis für den Machterhalt

Foto: Franck Prevel/ Getty Images

Merkel und Sarkozy im Interview Dream-Team vom Elysée

Er macht ihr Komplimente, sie signalisiert ihm ihre Unterstützung: Beim ersten gemeinsamen TV-Interview geben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy im Elysée ein harmonisches Paar. Auf ihre Rolle als Wahlkampfhelferin lässt sich die Kanzlerin aber nur ungern ansprechen.

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy hatten gerade nebeneinander Platz genommen. Kurz bevor am Montag Nachmittag gegen 15 Uhr ihr erstes gemeinsames Interview in einem kleineren Saal des Elysée-Palastes aufgezeichnet werden sollte. Da schaute der französische Staatschef zur Kanzlerin hinüber: "Tired?" fragte er auf Englisch und schaute einfühlsam. Merkel schüttelte schnell den Kopf, sie schien belustigt und sagte in unnachahmlicher Trockenheit: "Tired? Nö."

Wie beide da saßen und sich kurz austauschten über die "good discussion" und "good atmosphere" beim Ministerrat, der gerade zu Ende gegangen war, wirkten sie genau wie das alte, unzertrennliche Paar, als das sie immer karikiert werden. "Die Krise schweißt uns zusammen", sagte Merkel. Sarkozy scherzte auf Deutsch: "Genau!" Und wollte dann wissen, wann man guten Tag und wann guten Abend sagt.

Es ist das erste gemeinsame Interview der beiden, geführt von ZDF-Chefredakteur Peter Frey und France-2-Moderator David Pujadas. Zum ersten Mal äußern sich die beiden wichtigsten Staatenlenker Europas gemeinsam in einem Gespräch, über ihre Rolle in der Krise, das Verhältnis ihrer beiden Länder. Es ist auch deswegen ein besonderes Interview, weil Merkel zum ersten Mal in ihrer neuen Rolle als Wahlkampfhelferin des französischen Präsidenten zu sehen ist und sich damit nicht ganz leicht tut. Und es zeigt die unterschiedlichen Temperamente der beiden in aller Klarheit.

Merkel sitzt während der ganzen Aufzeichnung steif auf ihrem Stuhl, die Hände ineinander verklammert, den linken Unterarm aufgestützt. Sie schaut ernst, beißt die Lippen zusammen und lächelt selten. Sarkozy dagegen ist dauernd in Bewegung. Seine Hände, seine Arme, sein Gesicht, seine Augen, er ist immer wieder angespannt, wird laut und weist auch gern mal die Interviewer zurecht.

Auf die erste Frage von ZDF-Mann Frey, wie "ein selbstbewusster Präsident" denn damit klarkomme, dass Deutschland in Europa den Ton angebe, bringt Sarkozy gleich seine Missbilligung zum Ausdruck: "Nein, so ist es nicht." Er schiebt seine Version der Wahrheit nach: Europa sei in der schlimmsten Krise seiner Geschichte, und da habe es eine "totale und komplette Allianz" zwischen Deutschland und Frankreich gebraucht. Es gehe bei den Kompromissen nicht darum, wer verliert und wer gewinnt. "Alle gewinnen." Merkel schaut ernst und nickt.

"Ob ich Freundschaft empfinde? Ja"

Beide wollen gern von Europa und der Krise reden, die Interviewer aber zunächst lieber Fragen über den französischen Wahlkampf und die Rolle der Kanzlerin darin stellen. Dem will Merkel sichtlich ausweichen. Sie säßen hier "in ihren staatspolitischen Positionen". Sarkozy und sie gehörten zu einer Parteienfamilie, er habe sie bei ihrer letzten Wahl unterstützt, und deswegen sei es "natürlich", dass auch sie ihm im Wahlkampf helfe.

Auf die Fragen nach Sarkozys Herausforderer François Hollande reagiert sie noch zurückhaltender. Der SPIEGEL hatte zuvor gemeldet, dass Merkels Team nach einer diplomatischen Art sucht, um eine Anfrage Hollandes abzulehnen, der sie in Berlin treffen möchte. Auf die Frage, ob sie den Rivalen Sarkozys wirklich nicht empfangen wolle - anders als zuvor Barack Obama oder Ségolène Royal - antwortet Merkel ausweichend. "Wir haben das noch nicht entschieden, aber der französische Präsident hat Herrn Steinmeier zum Beispiel auch nicht gesehen. Das wird von Fall zu Fall entschieden, ich glaube wir haben heute wichtigere Probleme als dieses zu klären."

Auch Sarkozy tut die Frage nach der Unterstützung durch Merkel ein bisschen ab. "Habe ich Bewunderung und Freundschaft für Frau Merkel? Ja, ich habe Bewunderung für eine Frau, die 80 Millionen Deutsche regiert, wie sie es während der Krise getan hat. Und wenn Sie fragen, ob ich Freundschaft für sie empfinde: ja." Wenn jemand wie Angela Merkel sich entscheide, ihn zu unterstützen, "dann freut mich das".

Lieber als vom Wahlkampf reden die beiden über sich selbst sowie Deutschland und Frankreich im Lauf der Geschichte. Sarkozy spricht von den Millionen Toten und den Leiden, die es im vergangenen Jahrhundert in den Kriegen zwischen ihren beiden Ländern gegeben habe, und dass es dies nie wieder geben dürfe. Nun säßen ein französischer Präsident und eine deutsche Kanzlerin Seite an Seite, um ihren Völkern zu sagen: "Wir nähern uns an, wir kopieren uns nicht. Wir müssen uns annähern, um im Herzen Europas eine immense Zone der Stabilität zu schaffen und auch gegenüber Indien, China oder Brasilien ".

Die Geschichte der beiden Länder seit dem Weltkrieg sei "ein Wunder", fügt Merkel an. Es ist der Moment, als sich ihre Hände zum ersten Mal voneinander lösen. Sie hebt zu einer Rede an, die klingt, als habe sie sich vom Pathos Sarkozys ein wenig anstecken lassen: Es habe sich als ungeheuer wichtig erwiesen, dass deutsche Kanzler und französische Präsidenten immer gut zusammengearbeitet hätten, sagt die Kanzlerin. "Wir beide sind in einer ganz besonderen historischen Situation. Und es war uns nicht in die Wiege gelegt, dass wir uns gut verstehen, dass wir gut zusammenarbeiten, dass wir uns aufeinander verlassen. Aber wir haben es aus historischer Verantwortung und auch aus persönlicher Zuneigung getan", sagt sie.

Das Wort "Zuneigung" kommt ihr erstaunlich leicht über die Lippen. Sicherheitshalber fügt sie hinzu: "Aber vor allem auch aus historischer Verantwortung." Es gehe nicht mehr darum, "wer hat wen übertölpelt oder besiegt", denn "Mitte des 21. Jahrhunderts möchte ich, dass man sagt, Europa ist ein wettbewerbsfähiger Kontinent."

Das ist die Tonlage, in der die beiden gerne bleiben wollen, und vor allem Sarkozy reagiert genervt, wenn die Interviewer ihn aus dieser Stimmung herausreißen. Er zeigt sich ungehalten über die Frage, warum er wirtschaftlich nicht hinbekommen habe, was Merkel und ihr Vorgänger Gerhard Schröder in Deutschland geschafft hätten. "Die Deutschen haben vor uns Anstrengungen unternommen", das sei richtig. Den Franzosen zu sagen, sie könnten 35 Stunden pro Woche arbeiten und mit 60 in Rente gehen, sei ein Fehler gewesen - und schob damit die Verantwortung den Sozialisten zu.

Eine Stunde der Eintracht

Als der ZDF-Chefredakteur Merkel dazu bringen will, die Franzosen zu mehr Anstrengung zu ermahnen, verweigert die Kanzlerin sich. Lieber will sie loben: Die Franzosen würden ihre Ziele bei der Rentenreform vor den Deutschen erreichen, sagt sie, und ruft dann recht allgemein zu mehr Flexibilität im Arbeitsmarkt auf. "Sparen allein ist nicht die Antwort, aber Sparen um Beschäftigung zu schaffen, um künftigen Generationen nicht Schulden aufzuerlegen und Menschen wieder in Arbeit zu bringen, das ist das Ziel, das wir haben. Und das haben wir gemeinsam, das ist der richtige Weg, um Europa wieder erfolgreich zu machen."

Es ist eine Stunde der Eintracht. Wenn Merkel redet, nickt Sarkozy und lächelt manchmal. Wenn Sarkozy redet, nickt Merkel, lächeln tut sie nicht.

Dann kommt der französische Interviewer auf die Kritik am deutschen Modell zu sprechen, die von links kommt und in etwa lautet: Die Deutschen hätten ihre Gehälter reduziert und betrieben eine Art Dumping-Export-Politik. Merkel antwortet darauf: "Das ist eine sehr eindimensionale Betrachtung." Deutschland könne nicht exportieren, wenn es den anderen Europäern schlechtgehe, alle brauchten mehr Wachstum und mehr Beschäftigung. Da greift Sarkozy ein und kritisiert all jene, die "antideutsche Gefühle in Frankreich oder antifranzösische Gefühle in Deutschland schüren". Natürlich seien die beiden Modelle nicht total übertragbar. Zum Beispiel würden die Franzosen weiter in Kernenergie investieren, die Deutschen nicht. "Ihre Energie ist dreißig Prozent teurer. Sie wollten es so." Da lächelt Merkel nicht mehr. Im Gegenteil, sie schaut jetzt etwas verkniffen. Aber der Moment geht schnell vorbei.

In der Rolle als inoffizielle Präsidenten Europas

Sarkozy wird auch sauer, als Frey danach fragt, ob es denn wirklich vorstellbar sei, dass Deutschland Frankreich aufgrund des Fiskalpakts verklagen könnte, und als der sich erlaubt, nachzufragen, schleudert ihm Sarkozy ein "Mais non! Mais non! Mais non! Mais non!" entgegen, da muss Merkel fast schon mäßigend eingreifen: "Die Schuldenbremse machen wir doch nicht, um einander zu verklagen, sondern in der tiefen Überzeugung, dass sie eingehalten wird." Und falls sie nicht eingehalten werde, dann müsse die EU-Kommission tätig werden.

Dann geht es doch noch einmal um Sarkozys Herausforderer Hollande. Der hat nämlich angekündigt, er wolle den Fiskalpakt neu verhandeln, und in gewisser Weise ist der gemeinsame Auftritt von Merkel und Sarkozy eine einzige Zurückweisung dieser Forderung. Als Merkel dazu gefragt wird, ist sie vorsichtiger: Man müsse in Europa "ein Stück Vertrauen" haben können in gemeinsame Beschlüsse, das habe bisher immer geklappt. Sarkozy ergeht sich in einer wütenden Tirade, dass es "auf der Welt überhaupt keine Verträge geben würde", wenn Ehrenwörter unter Staatsleuten nicht mehr eingehalten würden. Und bisher sei es immer so gewesen, dass Nachfolger die Abmachungen ihrer Vorgänger eingehalten hätten. Merkel legt nach: Sie habe beispielsweise auch keine EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei führen wollen, habe das aber von ihrem Vorgänger übernommen.

Zum Schluss kehrten die beiden zurück in ihre Rolle als inoffizielle Präsidenten Europas. Sie reden zum griechischen Volk. Auch die Griechen müssten ihr Wort halten. Merkel sagt: Es werde ein "zweites Griechenlandprogramm" geben, aber nun müsse Griechenland auch seinen Beitrag leisten. Sie wolle dem griechischen Volk in Erinnerung rufen: Auch Portugal, Irland, Spanien und Italien machten "härteste Reformen".

Das klingt wie: Nun habt euch nicht so und strengt euch ein bisschen an. Es ist ein interessanter Moment, den Präsidenten Frankreichs und die Kanzlerin Deutschlands so sprechen zu hören. Sie wirken wie Überpräsidenten. Sarkozy sagt schlicht: "Wir weigern uns die Möglichkeit einer Pleite Griechenlands ins Auge zu fassen". Und als ein Interviewer Sarkozy darauf anspricht, dass der Luxemburger Jean-Claude Juncker im SPIEGEL-Interview genau das getan hatte, fuhr dieser ihn unwirsch an: "Ich habe nicht den Eindruck, dass Herr Juncker hier eingeladen ist." Das war einer der wenigen Momente, in denen Angela Merkel plötzlich vor sich hingrinste.

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