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Handy-Affäre Obama, der eiskalte Freund

Diplomaten überrascht nicht, dass Geheimdienste unter Präsident Obama offenbar selbst engste Verbündete wie Kanzlerin Merkel überwachen. Um Freundschaften mit anderen Regierungschefs hat er sich nie geschert - darüber herrscht Frust in der ganzen Welt.

Im Juni 2009 sollte Barack Obama die Dresdner Frauenkirche besuchen, als Teil einer Stippvisite auf deutschem Boden. Diplomaten aus dem Auswärtigen Amt hatten jedes Detail sorgfältig geplant: Sie freuten sich vor allem auf Bilder, wie Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam mit dem US-Präsidenten vor der Kirche ein Bad in der Menge nimmt.

Doch das Weiße Haus sträubte sich. Der Präsident habe keine Lust, war in Washington zu vernehmen, er lege auf rein repräsentative Termine wenig Wert. Obama müsse zudem möglichst schnell weiter, zu einem Auftritt im Konzentrationslager Buchenwald. Über Wochen ging das Gefeilsche hin und her, schließlich lenkte das Weiße Haus ein - aber nur ein wenig. Obama raste durch Dresden. Nach dem Kirchgang musste Merkel allein Hände schütteln, Mr. President war da schon entschwunden.

Spätestens an diesem Tag dürfte Diplomaten gedämmert sein, dass dieser US-Präsident anders ist als seine Vorgänger. Einer, der auf diplomatische Höflichkeiten wenig Wert legt, und auch nicht auf Befindlichkeiten enger Freunde - wie er schon als Präsidentschaftskandidat bewies. Damals brachte Obama Kanzlerin Merkel mit dem Wunsch in Verlegenheit, vor dem Brandenburger Tor eine Wahlkampfrede zu halten. Dabei war diese Stätte traditionell für amtierende Präsidenten vorgesehen, was Obama auch wusste.

Obama will gar kein Freund sein

Der Demokrat hat keinen Hehl daraus gemacht, in Washington - wo er seine Abende meist mit der Familie oder allein am Computer verbringt - keine neuen Freundschaften schließen zu wollen. Für seine internationale Diplomatie gilt diese Maxime erst recht. Obama ist, anders als Vorgänger George W. Bush, beliebt bei den Völkern der Welt. Aber weit weniger bei deren Regierungschefs. Daher ist alles Jammern über den "verlorenen Freund" nach den Enthüllungen über offensichtliche US-Geheimdienst-Attacken auf Kanzlerin Merkels Handy fehl am Platze.

Obama will gar kein Freund sein.

"Gefrierschrankatmosphäre" habe während eines Treffens mit dem Präsidenten geherrscht, hieß es etwa aus dem Umfeld eines europäischen Regierungschefs nach einer Visite in Washington. Nicht einmal Zeit für ein wenig Small Talk habe Obama gefunden, "es kam einem vor wie ein Termin beim Anwalt".

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Handy-Affäre: Obamas gefrustete Partner

Foto: Michael Sohn/ AP

Den ehemaligen französischen Regierungschef Nicolas Sarkozy verärgerte Obama, weil er bei der Visite in Paris lieber mit seiner Familie dinierte als mit ihm. Polnische und tschechische Regierungschefs informierte der Präsident per Telefon, man werde ein lange geplantes System zur Raketenabwehr doch nicht auf ihrem Boden installieren. Und das Verhältnis zu den Briten, traditionell Amerikas engster Partner, mochte Obama zunächst nicht einmal mit dem traditionellen Begriff der "special relationship", der besonderen Beziehung, adeln. Stattdessen brachte er der Queen beim Staatsbesuch einen läppischen iPod als Gastgeschenk mit. London was not amused.

So viel Un-Diplomatie ist neu unter US-Präsidenten

Der Frust reicht weit über die üblichen verletzten Eitelkeiten der Europäer hinaus, die Mitglieder der Obama-Regierung hinter verschlossenen Türen gerne als "kleinkinderhaft" bezeichnen. Ein afrikanischer Regierungschef erzählte beim Besuch in Washington, er sehne sich nach George W. Bush zurück, bei dem habe man wenigstens gewusst, woran man sei. Israel, einer der engsten US-Verbündeten, war irritiert, dass Obama in seiner ersten Amtszeit nicht einmal Zeit für einen Staatsbesuch fand. Sowohl die Beziehungen mit Afghanistans Präsidenten Hamid Karzai als auch dem irakischen Premier Nuri al-Maliki ließ Obama so sehr schleifen, dass der amerikanische Truppenabzug schwieriger wurde. Und den Asiaten versprach Obama zwar, der erste "pazifische Präsident" zu sein. Doch gerade hat er eine Staatsreise auf den Kontinent erneut abgesagt, Haushaltsdebatten daheim waren ihm wichtiger.

So viel Un-Diplomatie ist neu unter US-Präsidenten. Reagan umwarb Margaret Thatcher. George H. W. Bush vertraute Helmut Kohl, Bill Clinton Tony Blair. Der vermeintlich so isolierte George W. Bush konnte auf eine ganze Riege von "Buddies" zählen, etwa den Spanier José Aznar oder den Japaner Junichiro Koizumi. Diesen bespaßte er sogar auf seiner Ranch in Texas.

Dorthin durfte auch Merkel, Bush wiederum kam zum Wildschweinessen in ihrem deutschen Wahlkreis vorbei. Der Kanzlerin ist bisweilen anzumerken, dass sie solche transatlantische Nähe schätzte.

Vorbei. "Coolness hat ihren Preis. Obama scheint keinen einzigen echten Freund in der Welt zu haben," sagt "Washington Post"-Kolumnist Jackson Diehl. Wozu auch, er hat ja die NSA.

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