Merkels Indien-Trip Milliardenwerbung mit Hindernissen

Der Flug-Eklat mit Iran überschattet zum Ärger der Kanzlerin den Besuch in Indien. Denn Angela Merkel setzt große Hoffnungen auf ein strategisches Bündnis mit dem Riesenreich. Die Wirtschaft hofft auf Milliardenaufträge, doch die deutsche Energiewende taugt hier allerdings nicht zum Exportschlager.

DPA

Aus Neu-Delhi berichtet


Den Eklat über den Wolken verschläft die Kanzlerin. Angela Merkel schlummert sanft im Privatgemach an Bord ihres neuen VIP-Fliegers, während die Piloten, ihre Berater, Botschafter und das Auswärtige Amt in Berlin verzweifelt versuchen, endlich die Erlaubnis zu bekommen, den iranischen Luftraum zu durchqueren. Schleife um Schleife dreht der Airbus 340 über iranischem und türkischem Territorium, sogar ein Rückflug nach Ankara wird erwogen. Dann gibt Teheran doch noch grünes Licht. Zwei Stunden später als geplant landet die Maschine der Bundeskanzlerin am eigentlichen Reise-Ziel Neu-Delhi.

Alles bösartige Schikane? Ein bewusstes Störmanöver des iranischen Regimes?

Angela Merkel will darüber nicht spekulieren, genauso wenig über diplomatische Konsequenzen. Die zieht ihr Außenminister. Guido Westerwelle, ebenfalls auf Reisen im fernen Australien, l ässt den iranischen Botschafter ins Auswärtige Amt einbestellen, wettert über die "Respektlosigkeit" der Iraner. Die ausgebremste Kanzlerin dagegen demonstriert in Indien Gelassenheit. Sicher, es sei "vernünftig", nach Erklärungen zu suchen, verärgert sei sie aber nicht. "Ich bin jetzt froh, dass ich angekommen bin." Man solle die Angelegenheit nicht so hoch hängen, bittet man auch in ihrem Umfeld.

Die Botschaft ist klar: Es geht an diesem Dienstag nicht um Iran, bitteschön, es geht um Indien. Die Bundeskanzlerin hat Sorge, dass Teherans Affront die aus ihrer Sicht so wichtigen deutsch-indischen Regierungskonsultationen völlig in den Schatten stellt. Zum ersten Mal findet hier ein solches symbolisches Treffen statt, wie es die Bundesregierung mit besonders guten Freunden abzuhalten pflegt.

Gleich ein halbes Dutzend Minister und Staatssekretäre hat Merkel mit nach Delhi genommen, sie lobt den "neuen qualitativen Schritt in der Ausgestaltung unserer strategischen Partnerschaft". Im mit reichlich Kitsch geschmückten Ballsaal des Hyderabad House, dem Gästehaus der Regierung, klatschen sich die Delegationen am Dienstagmittag selbst Beifall für die Unterzeichnung einiger Abkommen zur vertieften Zusammenarbeit.

Hoffen auf fette "Eurofighter"-Aufträge

Die Kanzlerin verspricht sich viel vom Pakt mit dem Riesenreich, in dem 1,2 Milliarden Menschen leben - Tendenz steigend. Der Subkontinent gehört zu den boomenden Schwellenländern. Indien hat seinen politischen und wirtschaftlichen Einfluss in den vergangenen Jahren in atemberaubendem Tempo gesteigert. Das Land meldet sich auf der Weltbühne selbstbewusst zu Wort, im Uno-Sicherheitsrat drängt man wie die Deutschen auf eine grundlegende Reform, in der Region ist Indien der wichtigste Partner Afghanistans.

Indiens Wirtschaft wächst weiterhin kräftig, ist dem Giganten China auf den Fersen. Korruption, Bürokratie und eine katastrophale Infrastruktur, in die nun kräftig investiert werden soll, bremsen den Erfolg allerdings und schrecken auch deutsche Unternehmen oft noch ab. Das Handelsvolumen mit Deutschland soll nach dem Willen der beiden Regierungschefs bis zum kommenden Jahr auf 20 Milliarden Euro steigen. Ein Bruchstück im Vergleich zur deutsch-chinesischen Handelsbilanz: Die lag 2010 bei rund 130 Milliarden Euro.

Da hat Indien also gehöriges Ausbaupotential. Grund genug für Angela Merkel, bei ihrem Besuch in Neu-Delhi kräftig für einen besonders großen Posten zu werben. Die Kanzlerin sähe es gerne, wenn Indien sich für den Kauf von 126 Kampfflugzeuge des Typs "Eurofighter" entscheidet - Wert: rund zehn Milliarden Dollar. "Wir sind von unserem Angebot überzeugt", lobt Merkel die Offerte des Luftfahrtkonzerns EADS. Ende des Jahres will sich die indische Regierung entscheiden, ob Deutschland den Zuschlag bekommt oder die Konkurrenz, das französische Kampfflugzeug "Rafale".

Beim Thema Atom ist Merkel zurückhaltend

Auch die Erneuerbaren Energien erwähnt Merkel am Dienstag immer wieder als viel versprechenden indischen Markt für die Exportnation Deutschland. Doch sie muss auch erkennen, dass ihre nun auch frisch in Zahlen gegossene Radikalabkehr von der Atomkraft in Indien auf kein Verständnis stößt. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz betont Premier Singh, dass sein Land auf die Kernenergie setzt - trotz Fukushima. "Auf absehbare Zeit unverzichtbar" nennt Singh seine Pläne, die Atomkraft-Kapazität bis 2020 auf 20 Gigawatt zu steigern - vier mal so viel wie derzeit. Zuletzt war gar davon die Rede, die Leistung bis 2032 auf mehr als 60 Gigawatt auszubauen.

Merkel nimmt es hin. Obwohl sie noch am Montag nach der langen Nacht des Atompokers ankündigte, Deutschland wolle in der Energiepolitik international zum Vorbild werden, zeigt sich die Kanzlerin in Indien zurückhaltend. Jedem Land stehe es frei, selbst über seinen Energiemix zu bestimmen. Keine Spur von missionarischem Eifer. Dazu ist das Regierungstreffen wohl auch nicht der richtige Anlass. Schließlich will man hier vor allem Gemeinsamkeiten betonen.

Da stört es schon genug, dass die Kanzlerin am Abend (Ortszeit Neu-Delhi) schon wieder der Überflug-Ärger mit den Iranern einholt. Während Merkel im Siri Fort Complex bei einem Konzert das indische Deutschland-Jahr eröffnet, werden aus der Heimat erste Erklärungsversuche des in Berlin einbestellten iranischen Botschafters übermittelt.

Mit "technisch-organisatorischen Abläufen" begründet Ali Reza Sheikh Attar gegenüber Staatssekretär Wolf-Ruthart Born das spontane Flugverbot für den iranischen Luftraum. Zufriedenstellend ist das sicher nicht. Sieht ganz so aus, als sollte die Angelegenheit die Kanzlerin noch eine Weile beschäftigen.



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Seite 1
hugo1000 31.05.2011
1. Wer wie Deutschland
Zitat von sysopDer Flug-Eklat mit*Iran überschattet zum Ärger der Kanzlerin den Besuch in Indien. Denn Angela Merkel setzt große Hoffnungen auf ein strategisches Bündnis mit dem Riesenreich. Die Wirtschaft hofft auf Milliardenaufträge, doch die deutsche Energiewende taugt hier allerdings nicht zum Exportschlager. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766004,00.html
nur zu gerne den moralischen Saubermann spielt, sollte keinerlei Waffen verkaufen. Denn wer Waffen verkauft, hat früher oder später Blut an den Händen.
Gerhard_Rohlfs 31.05.2011
2. Richtig Richtung: Strategische Partnerschaft mit Indien
Zitat von sysopDer Flug-Eklat mit*Iran überschattet zum Ärger der Kanzlerin den Besuch in Indien. Denn Angela Merkel setzt große Hoffnungen auf ein strategisches Bündnis mit dem Riesenreich. Die Wirtschaft hofft auf Milliardenaufträge, doch die deutsche Energiewende taugt hier allerdings nicht zum Exportschlager. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766004,00.html
Frau Merkel lobt den "neuen qualitativen Schritt in der Ausgestaltung unserer strategischen Partnerschaft". Lange nicht mehr, wenn mans recht bedenkt eigentlich noch nie :-), soviel Richtiges und Richtungsweisendes gehört von der derzeitigen Kanzlerin. Die Kanzlerin hat erkannt, es geht darum, Koalitionen und ein Gegengewicht zu China zu bilden, bevor die europäische Wirtschaft von diesem ebenso untergraben wird wie die amerikanische, die durch unfairen Handel mit China ruiniert wurde. Indien ist das einzige Land, das von seiner Größe her China das Wasser reichen kann; China tut daher alles, um den Aufstieg Indiens zu verhindern und es zu schwächen. Hierzu eine Meldung aus der FAZ vom 18. Mai 2011: >> *Die Achse Peking–Islamabad steht* Nach der Entdeckung Usama Bin Ladins nahm die Kritik an Pakistan schier kein Ende. ...Die beiden Länder seien "gute Nachbarn, Freunde, Partner und Brüder", hatte zuvor schon die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums gelobt. ... China ist einer der wichtigsten Handelspartner Pakistans und Lieferant von Waffen- und Atomtechnologie. ... Insbesondere hilft Pakistan als "Erbfeind" Indiens dabei, den indischen und amerikanischen Einfluss in Asien einzudämmen. Gerade vor dem Hintergrund wachsender Rivalitäten zwischen der autoritären Volksrepublik und dem demokratischen Indien hat sich das Verhältnis zu Pakistan seit den sechziger Jahren gut entwickelt. ... In der pakistanischen Stadt Gwadar haben die Chinesen mit gewaltigem Aufwand einen Hafen gebaut, der den Öltransport aus der Golfregion nach China erleichtert und der chinesischen Marine neue Wege eröffnet.
Gerhard_Rohlfs 31.05.2011
3. Richtige Richtung: Strategische Partnerschaft mit Indien 2
... Die ehemalige Wirtschaftsmacht USA ist, wie gesagt, von China bereits erfolgreich ausgehöhlt und ausgequetscht worden; nun sind Europa, Russland und Japan gefordert, ihre zwischenstaatlichen Ungleichgewichte zu beseitigen und sich endlich zusammenzuschließen - und den Handel mit China und Joint Ventures mit dortigen Unternehmen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Natürlich darf man in Indien nicht dieselben Fehler wie mit China wiederholen, aber die deutsche Reise nach Indien weist in die richtige Richtung.
J4cky 31.05.2011
4. ...
Zitat von sysopDer Flug-Eklat mit*Iran überschattet zum Ärger der Kanzlerin den Besuch in Indien. Denn Angela Merkel setzt große Hoffnungen auf ein strategisches Bündnis mit dem Riesenreich. Die Wirtschaft hofft auf Milliardenaufträge, doch die deutsche Energiewende taugt hier allerdings nicht zum Exportschlager. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,766004,00.html
Vom Prinzip wäre es doch nicht schlecht den Indern ein paar Reaktoren zu verkaufen. Da sind sicher auch einige Milliarden drin. Am besten gleich noch mit Serviceverträgen für Wartung und Instandhaltung.
stanisraus 31.05.2011
5. Milliardenwerbung
für den Bau eines Kernkraftwerkes?
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