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Angela Merkel: Die Kanzlerin und die Polen

Foto: JANEK SKARZYNSKI/ AFP

Merkels Liebe zu Polen "Es gibt keine Eier"

Es ist eine Liebe, die vielen bisher verborgen war: Angela Merkel und die Polen. Im Nachbarland freuen sich die Menschen über die polnischen Wurzeln der Kanzlerin, Verwandte werden gesucht, Melderegister durchstöbert. Zeitungen berichten über eine Radtour durch Masuren und einen denkwürdigen Satz.

Warschau/Berlin - Er nennt sie "liebe Angela", sie ihn "lieber Donald" - die Kanzlerin und der polnische Premier verstehen sich gut. Donald Tusk sagte einmal in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE über seine deutsche Kollegin: "Ich bin unfähig, sauer auf Angela Merkel zu sein", da ging es mal wieder hoch her in der EU. Jetzt gibt der Regierungschef ihr sogar Polnisch-Nachhilfe: "A. Merkel fragte, wie man Kazmierczak richtig ausspricht", twitterte  Tusk beim EU-Gipfel in Brüssel. "Beim zweiten Mal klappte es :)"

Kazmierczak - das ist der ursprüngliche Name von Merkels Großvater und Vater. Ein Geheimnis aus der Familiengeschichte der Regierungschefin, das Stefan Kornelius in seiner neuen Biografie "Angela Merkel - die Kanzlerin und ihre Welt" gelüftet hat. Merkels Vater hieß demnach als Kind nicht Kasner, er wurde 1926 als Horst Kazmierczak geboren. Im Alter von vier Jahren ließen seine Eltern den Namen in Kasner eindeutschen - ein nicht unüblicher Schritt zu dieser Zeit. Ansonsten wäre Merkel wohl als Angela Kazmierczak zur Welt gekommen.

Eine Sensation, so bewertet manch ein Medium im Nachbarland die Nachricht über Merkels polnische Wurzeln. "Endlich wissen wir, warum Angela Merkel so herzlich über Polen spricht", schreibt die linksliberale "Gazeta Wyborcza". Die Lokalausgabe des Blatts wählt die Überschrift: "Angela Merkel Enkelin Poznans - wirklich!" - und sucht gleich noch nach möglichen Verwandten der Kanzlerin. Merkels Großvater, Ludwig Kazmierczak, stammt aus Poznan (Posen). Dort wurde er 1896 als nichteheliches Kind von Anna Kazmierczak und Ludwig Wojciechowski geboren. Er wuchs unter der Obhut seiner Mutter und ihres späteren Ehemanns Ludwig Rychlicki auf.

Radtour durch Masuren

Der TV-Sender TVN 24 lässt sich im Staatsarchiv von Poznan  die gelbverfärbten alten Melderegister zeigen, die belegen, dass Merkels polnischer Großvater in der Stadt geboren ist. Poznan, das in der Geschichte mal polnisch, mal deutsch war, gehörte damals zu Preußen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags Teil Polens. Merkels Großvater zog nach Berlin. Warum, ist bisher nicht bekannt.

Die konservative "Rzeczpospolita" erklärt Merkels besonderes Verhältnis zum Nachbarland nicht nur mit ihren Wurzeln, sie erinnert auch an deren Erlebnisse in den siebziger Jahren. Damals reiste die junge DDR-Bürgerin erstmals nach Polen. Die Physikstudentin machte eine Fahrradtour durch Masuren. Auf die Frage, woran sie sich von den Ausflügen in Polen noch erinnere, habe die Kanzlerin ohne nachzudenken und völlig ohne Akzent geantwortet: "Nie ma jajek!" - "Es gibt keine Eier", schreibt der Redakteur Piotr Jendroszczyk. Merkel habe diesen Satz auf einem Schild in einem Lebensmittelgeschäft in der Nähe der Stadt Mragowo (Sensburg) gelesen. Eier waren damals rar.

Es sind noch andere Erinnerungen der Kanzlerin überliefert: Die Solidarnosc-Anstecker, die Merkel damals auf ihrer Reise geschenkt bekam, soll ihr der Zoll auf der Rückreise in die DDR wieder abgenommen haben. Andere berichten von einer Postkarte des Danziger Denkmals des Arbeiteraufstands von 1970, wegen der Merkel von den deutschen Grenzern bei ihrer Rückkehr in die DDR angeschnauzt wurde.

Gemeinsame Lieder am Lagerfeuer

Im Wendejahr 1989 reiste Merkel, damals Mitte dreißig, kurze Bubenfrisur, mit ihrem heutigen Mann, dem Chemiker Joachim Sauer, im Sommer nach Polen. Ihre polnischen Bekannten erinnern sich an Lagerfeuer und daran, dass man gemeinsam Lieder der russischen Protestbarden Bulat Okudschawa und Wladimir Wyssozki gesungen habe. Diese waren in Polen sehr beliebt, da sie sich gegen das Sowjetregime richteten.

Diese guten Erinnerungen hat Merkel wohl auch polnischen Politikern erzählt - und so schaffte sie es, selbst einen Draht zu Polens störrischem Präsidenten Lech Kaczynski, der 2010 tödlich beim Flugzeugabsturz in Smolensk verunglückte, aufzubauen. Die "freundliche Dame aus Berlin" überzeugte den Staatschef 2007, seine Blockade gegen den Vertrag von Lissabon ("Quadratwurzel oder Tod") schließlich aufzugeben.

Lechs Zwillingsbruder Jaroslaw ist weniger zimperlich. Im Wahlkampf 2011 bediente er sich wieder einmal antideutscher Ressentiments. In einem Buch warf er der Bundeskanzlerin wie allen deutschen Politikern ihrer Generation vor, heimlich - und mit Russland - an der Wiedererrichtung deutscher "Großmacht" zu arbeiten, wobei Polen "störe".

Eine Ausnahme in den glücklicherweise mittlerweile unaufgeregten deutsch-polnischen Beziehungen. Das liegt sicher auch an dem Duo Merkel/Tusk. Gerade eröffneten die beiden die Computermesse Cebit in Hannover. Die enge Zusammenarbeit der beiden, die viele Beobachter Freundschaft nennen, geht noch auf die Oppositionsjahre der Politiker zurück. Sie besuchten damals das Denkmal des Warschauer Aufstands. Tusk, der aus Gdansk (Danzig) stammt und Deutsch spricht, sagt, er habe bemerkt, wie "authentisch" die Kanzlerin an diesem Ort deutscher Verbrechen "berührt" gewesen sei.

In Polen kommt das an. Ende 2012 wurde die Kanzlerin zur beliebtesten ausländischen Politikerin gekürt - zum dritten Mal in Folge. Sie schlug sogar US-Präsident Barack Obama.

Mitarbeit: Marta Solarz