Merry Christmas Weihnachtsmänner statt Hassprediger

In Großbritannien gibt es Bestrebungen, Weihnachtsfeiern aus Rücksicht auf Nicht-Christen abzusagen. Hinter der Kampagne von Boulevard-Zeitungen verbirgt sich eine zunehmend schärfer geführte Debatte über die kulturelle Identität der Insel in Zeiten des Terrors.

Von Sebastian Borger, London


London - Pünktlich zur Adventszeit herrscht in Großbritannien Untergangsstimmung. "Die Krippe kommt weg", fürchtet Daily Mail, "Man will uns Weihnachten verbieten", jault "The Sun". Illiberale Atheisten seien dabei, das religiöse Erbe des Landes zu untergraben, zürnt John Sentamu, der als Erzbischof von York in der Hierarchie der anglikanischen Staatskirche an zweiter Stelle steht.

Weihnachtsmann-Parade in London: Ist die kulturelle Identität gefährdet?
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Weihnachtsmann-Parade in London: Ist die kulturelle Identität gefährdet?

14 Tage vor dem Fest der Liebe häufen sich alarmierende Berichte über die Preisgabe liebgewonnener Traditionen unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit. Da wird einem vermögenden Christen von Kommunalbeamten der Grafschaft Berkshire befohlen, die religiösen Leuchtreklamen an seinem Privathaus abzumontieren. Da enthalten immer mehr Weihnachtskarten die Botschaft "Saisonale Grüße" statt des traditionellen Grußes "Merry Christmas". Da veranstaltet die Großstadt Birmingham ausgerechnet in der Adventszeit ein sogenanntes "Winterval"-Event, in Luton feiert man "Luminos". Da fürchten sich drei Viertel aller Arbeitgeber auf der Insel so sehr vor Protesten nicht-christlicher Angestellter, dass sie in ihren Büros keinen festlichen Adventsschmuck zulassen.

Solche und ähnliche Meldungen brachten das christlich-muslimische Forum Ende November so in Rage, dass es Gemeindeverwaltungen ultimativ davor warnte, "das Weihnachtsfest in ein nicht-religiöses Festival umzubenennen". Andernfalls müsse man mit dem "Zorn der religiösen Gemeinschaften" rechnen.

Weniger ideologische als praktische Gründe

Bei näherer Betrachtung stellen sich freilich die meisten Christmas-Verbotsgeschichten als Zeitungsenten heraus. Im Rathaus von Birmingham beantwortet der Pressesprecher Anfragen nach dem berüchtigten "Winterval" zunächst mit einem tiefen Seufzer. "Wir kriegen jedes Jahr Anfragen, und jedes Jahr sagen wir den Journalisten, dass die Geschichte Quatsch ist. Aber es nützt nichts." In Wirklichkeit habe es sich bei "Winterval" um eine Promotionsveranstaltung für Englands zweitgrößte Stadt gehandelt, die 1997 und 1998 zweimal im Winter veranstaltet wurde.

Die offizielle Website der Stadt Birmingham begrüßt Besucher mit der ostentativen Mitteilung: "Frohe Weihnachten!" Auch in Luton ist Christmas jedes Jahr willkommen – ein Festival namens "Luminos" wurde vor fünf Jahren ein einziges Mal gefeiert. Dass Millionär Vic Moszczynski, 50, den Grossteil der 22.000 Lichter an seiner Villa abbauen musste, hatte weniger ideologische als praktische Gründe – Beamte der Grafschaft Berkshire fürchteten wegen allzu vieler Bewunderer der exzentrischen Weihnachts-Dekoration um die Verkehrssicherheit in Sonning bei Reading.

Immerhin durfte Moszynski vor kurzem höchstpersönlich die Weihnachtsbeleuchtung einer nahe gelegenen Einkaufsstrasse einschalten. Und die Furcht der Arbeitgeber vor unnötigen Prozessen? 74 Prozent dulden weder Lametta noch Zweige in ihren Büros, so das Ergebnis einer Befragung durch die Arbeitsrechts-Kanzlei Peninsula – Resultat des Telefonmarketings, das die Anwälte von Manchester aus betreiben. Das Ergebnis der Weihnachts-Umfrage mag mit der sehr zielgerichteten Frage zu tun haben: "Haben Sie Weihnachts-Dekorationen aus Ihren Büros verbannt, um andere Glaubensrichtungen nicht zu beleidigen?" Dabei weiß das Londoner Justizministerium von keinem einzigen Prozess eines religiös beleidigten Angestellten gegen seinen weihnachtsbeseelten Arbeitgeber.

Reflexartige Rassismus-Vorwürfe

Also alles nur Panikmache einer Hand voll Chefredakteure, die mehr Zeitungen verkaufen wollen? Keineswegs, sagt der Bischof von Rochester, Michael Nazir-Ali, der BBC. "Die Menschen sehen sich mit einer alarmierenden Situation im In- und Ausland konfrontiert und besinnen sich auf verbindende Werte." Damit spielt der Bischof der Staatskirche auf die Terrorbereitschaft junger britischer Muslime an, deren Vorfahren wie Nazir-Ali aus Pakistan stammen. Die Selbstmordattentate vom 7. Juli vergangenen Jahres, mehr noch die in diesem Sommer vereitelten Bombenangriffe auf Transatlantik-Flieger haben die Stimmung auf der Insel verändert. Erst kürzlich warnte die Chefin des Inlandsgeheimdienstes MI5 vor 200 Gruppen oder Netzwerken mit 1600 namentlich bekannten Mitgliedern. Das Land müsse mit einem Terroranschlag in der Vorweihnachtszeit rechnen, sagte Innenminister John Reid dem TV-Sender GMTV.

Galt vor Jahren die multikulturelle Gesellschaft noch als unumstrittener Höhepunkt menschlicher Entwicklung, mehren sich jetzt die Stimmen, die reflexartigen Rassismus-Vorwürfen trotzen und von den Einwanderern größere Integrationsanstrengungen fordern. Das Land bewege sich sonst "schlafwandlerisch auf die Segregation zu", mahnte Trevor Phillips von der Kommission für die Rassengleichheit (CRE).

Die Weihnachts-Verbotsgeschichten gehören ebenso in dieses Klima wie die Rede, mit der Premierminister Tony Blair "Britisch-Sein" zu definieren versuchte. Zum ersten Mal seit langem gebe es Ärger darüber, "dass unsere Offenheit gegenüber Anderen ausgenutzt und dazu missbraucht wird, uns zu schaden", sagte Blair. Zu den Werten, die "Großbritannien britisch" machten, gehöre vor allem Toleranz. An potenzielle Einwanderer gerichtet sagte der Premier: "Übt Toleranz, oder kommt nicht hierher. Wir wollen keine Hassprediger, egal welcher Provenienz."



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