Sexuelle Gewalt im Nahen Osten #MeToo erreicht die Arabische Welt

Millionen Frauen in der arabischen Welt werden Opfer sexueller Gewalt. Im Zuge der #MeToo-Debatte wagen Betroffene, ihre schmerzhaften Erfahrungen zu schildern - in sozialen Netzwerken und auch im Fernsehen.

Von und Thies Schnack (Video)


Es ist eine ungewöhnliche Szene im arabischen Fernsehen: Eine junge Frau aus Jordanien schildert in der Talkshow "Shabab Talk" im arabischen Programm der "Deutschen Welle", wie sie sexuell belästigt wurde. Zuerst auf der Arbeit, dann von Polizisten, denen sie den Vorfall meldete.

Der jordanische Politiker Mahmoud al-Kharabsheh, der auch in der Talkshow sitzt, fühlt sich von ihr provoziert. Er stellt nicht nur ihre Geschichte in Frage, er bezweifelt sogar, dass die Frau überhaupt Jordanierin ist. "Jordanische Mädchen sind nicht so. Jordanische Mädchen rennen nicht ins Fernsehen. Bis du überhaupt Jordanierin?", brüllt er erbost.

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#MeToo in der Arabischen Welt: "Wir Frauen wissen, was passiert"

Die Frau lässt sich nicht von dem ehemaligen Parlamentsabgeordneten einschüchtern. "Wir Frauen werden sexuell belästigt und wir wissen, was passiert" sagt sie. Kharabsheh reagiert ungläubig: "Sie sind nur 21 Jahre alt und haben all diese Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht?", fragt er, bevor er wutentbrannt aus der Sendung stürmt.

Nun will der Politiker die "Deutsche Welle" verklagen, weil der Sender mit der Talkshow Jordanien beleidigt habe.

Kairo laut einer Umfrage weltweit gefährlichste Stadt für Frauen

Spätestens mit der Talkshow, die in dieser Woche ausgestrahlt wurde, ist die #MeToo-Debatte auch in der arabischen Welt angekommen. Tausende arabische Frauen haben in den vergangenen Tagen in den sozialen Netzwerken ihre schmerzhaften Erfahrungen mit sexuellen Belästigungen geschildert. Sie berichten von Übergriffen durch Väter und Brüder, von Grabschern in Bussen und Bahnen und von der Gleichgültigkeit, mit der Eltern und Geschwister auf ihre Berichte reagieren. Und es äußern sich auch Männer, die berichten, wie sie als Heranwachsende Mädchen in der Nachbarschaft begrabschten, einfach weil es alle junge Männer so machten und weil es alle duldeten. Im Schutz der sozialen Medien können junge Araber über dieses Thema offen sprechen, das in der Gesellschaft sonst tabu ist.

Dabei ist das Problem offenkundig. In einer Umfrage der Thomson-Reuters-Stiftung vom Oktober wurde Kairo zur weltweit gefährlichsten Stadt für Frauen gewählt - vor Karachi, Kinshasa und Delhi. "Alles, was diese Stadt ausmacht, ist schwierig für Frauen", sagt die ägyptische Frauenrechtlerin Shahira Amin über Kairo. "Bei jedem Schritt auf der Straße laufen sie Gefahr, verbal oder physisch angegriffen zu werden."

In einer Uno-Studie aus dem Jahr 2013 heißt es, dass 99,3 Prozent der ägyptischen Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen und Belästigungen werden. 82 Prozent der Ägypterinnen gaben an, dass sie regelmäßig in öffentlichen Verkehrsmitteln bedrängt werden.

Drei Viertel der Tunesierinnen erleben sexuelle Gewalt

Die Folgen dieses Alltagsphänomens wiegen schwer. "Ich wurde das erste Mal missbraucht, als ich neun Jahre alt war", berichtet Mona aus dem nordägyptischen Ort Damietta dem SPIEGEL. "Ich war im Supermarkt und der Besitzer hat mich überall angefasst. Ich wusste überhaupt nicht, was er da tat und habe niemandem davon erzählt. Auch 26 Jahre danach habe ich immer noch Angst und beeinflusst die Art und Weise, wie ich auf die Welt schaue." Deshalb will Mona auch 26 Jahre danach nicht, dass ihr richtiger Name geschrieben wird.

In anderen arabischen Staaten sieht die Lage kaum besser aus. Beispiel Tunesien: Laut einer Studie eines tunesischen Forschungszentrums in Zusammenarbeit mit der Uno erleben drei Viertel der Tunesierinnen sexuelle Gewalt. Neun von zehn Frauen schilderten Übergriffe in Bussen und Bahnen, mehr als 60 Prozent gaben an, sie seien auf offener Straße Opfer von sexueller Gewalt geworden.

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Dabei gibt es im Nahen Osten und in Nordafrika durchaus Versuche, dem allgegenwärtigen Problem mit Gesetzesverschärfungen beizukommen. Seit 2014 können sich Täter in Ägypten nicht mehr damit herausreden, dass ihr Opfer zu freizügig gekleidet gewesen sei. Vorher hatten Richter Angeklagte mitunter freigesprochen, die ihre Tat damit rechtfertigten, dass die Frau zu viel Haut oder Haar gezeigt habe. Nun liegt die Mindeststrafe für sexuelle Übergriffe in Ägypten bei sechs Monaten Haft und einer Geldstrafe von umgerechnet knapp 150 Euro. Außerdem hat der staatliche Nationale Rat für Frauen in Ägypten eine Notrufzentrale eingerichtet, in der sich Betroffene rund um die Uhr melden können und die eine Betreuung durch Sozialarbeiter und Juristen anbietet.

Doch es dauerte drei Jahre, bis der erste Täter nach dem neuen Gesetz bestraft wurde. Im Juli verurteilte ein Gericht einen Motorrikschafahrer zu fünf Jahren Haft. Er hatte die 29-jährige Hind Abdel Sattar im Intimbereich berührt. Die Frau erstattete Anzeige und bestand auf einem Prozess - obwohl ihre eigene Familie sie aufgefordert hatte, das Verfahren zu stoppen und sich außergerichtlich mit dem Täter zu einigen.

Auch in Tunesien gibt es zumindest auf dem Papier Verbesserungen. Im Juli verabschiedete das Parlament in Tunis ein Gesetz, das unter anderem die sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit und Gewalt innerhalb der Familie unter Strafe stellt. Wirkung hat es bisher nicht gezeigt.


Amr Ahmed ist ein ägyptischer Journalist. Er hospitiert derzeit im SPIEGEL-ONLINE-Büro in Berlin.

Übersetzung: Christoph Sydow



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