#MeToo-Debatte Indiens Frauen brechen ihr langes Schweigen

Ein Minister trat bereits wegen der Anschuldigungen zurück: Jetzt berichten auch in Indien Frauen von sexuellen Übergriffen. Dass die #MeToo-Debatte in dem Land erst jetzt eröffnet wird, hat Gründe.

Kundgebung gegen Bollywood-Schauspieler in Mumbai
AP

Kundgebung gegen Bollywood-Schauspieler in Mumbai

Von , Bangalore


"Er hat meine Oberschenkel gestreichelt, dann hat er mir zwischen die Beine gefasst."

"Er hat mich an die Wand gedrückt und mir die Zunge in den Mund gesteckt."

"Er hat gesagt: Wenn du Schauspielerin werden sollst, dann musst du auch strippen können."

So berichten seit Tagen auf Twitter Inderinnen von sexuellen Übergriffen. Sie tun damit etwas, das sie sich vor Kurzem nicht gewagt hätten: Sie zeigen ihre Angreifer an. Oft unter ihrem echtem Namen und in aller Öffentlichkeit.

#MeToo, die Debatte über sexuelle Gewalt, die vor allem durch die Anschuldigungen rund um den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurde, hat nun auch Indien erreicht. Mit großer Verspätung, aber mit großer Wucht rollt sie durchs Land, wie diese Karte eindrücklich zeigt.

Mächtige und bislang unantastbare Männer in Film, Fernsehen und Politik mussten seither ihre Posten räumen. Ein bekannter Komiker, der Fotos von seinem Penis verschickt haben soll, bekommt keine Auftritte mehr. Die Produktionsfirma, die den indischen Netflix-Erfolg "Sacred Games" produziert hat, hat ihre Auflösung bekannt gegeben - der Drehbuchautor soll einer Schauspielerin auf ihr Hotelzimmer gefolgt sein und dort auf sie onaniert haben. Der Staatsminister M.J. Akbar trat zurück, der bislang prominenteste Fall.

Aber gerade die Ereignisse um den Staatsminister zeigen auch, wie unterschiedlich #MeToo in Indien verläuft - verglichen mit den USA oder Europa. Und wie viel größer und wie viel schwieriger die Herausforderungen für Frauen hierzulande sind.

Akbar, der zu einem der einflussreichsten Journalisten des Landes gehörte, bevor er in die Politik ging, soll sich an Mitarbeiterinnen gerieben haben. Er soll sie auf sein Hotelzimmer gerufen haben. Dort habe er nur in Unterwäsche die Tür geöffnet. Ein anderes Mal trug er angeblich einen Bademantel und nichts darunter. Eine frühere Mitarbeiterin berichtet, wie er versucht habe, ihr seine Zunge in den Mund zu schieben. Sie sei daraufhin ins Badezimmer gelaufen, um zu weinen. Danach sei sie zurück an die Arbeit gegangen.

Lediglich ein Viertel der Inderinnen hat einen Job

Mehr als 20 Frauen haben sich bislang zu Wort gemeldet, allesamt Journalistinnen, die während der vergangenen 20 Jahre für Akbar gearbeitet haben. Sie alle standen damals noch am Anfang ihrer Karriere. Sie beschreiben einen Mann, der jahrelang und systematisch seinen weiblichen Angestellten das Leben zur Hölle gemacht haben soll; wohlwissend, dass seine Opfer wenig gegen ihn ausrichten konnten. Nicht nur, weil er ihr Chef war, sondern auch, weil ihm klar sein musste, was dieser Job für die jungen Frauen bedeutete.

Teilnehmerinnen einer Protestaktion gegen Gewalt gegen Frauen in Neu-Delhi (Archivaufnahme)
DPA

Teilnehmerinnen einer Protestaktion gegen Gewalt gegen Frauen in Neu-Delhi (Archivaufnahme)

Die Journalistin Ghazala Wahab, die Akbar vorwirft, sie immer an Brüsten und Po betatscht zu haben, beschreibt, was es für sie bedeutete, ihrem Traum zu folgen: Journalistin zu werden. Und wie sehr sie dafür mit ihrer Familie stritt: "Ich war die erste Person in meiner Familie, die aus der Kleinstadt nach Delhi gezogen war. Die Frauen in meiner Familie hatten studiert, aber nie gearbeitet." Sie hatte jahrelang gegen eine frühe Ehe gekämpft, gegen ein Leben in der Kleinstadt. Sie sagt: "Ich konnte nicht einfach aufgeben und als Versagerin nach Hause zurückkehren."

Ex-Minister MJ Akbar
STR/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Ex-Minister MJ Akbar

Einen Beruf ausüben zu können, ist auch immer ein Zeichen der Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung. Lediglich ein Viertel der Inderinnen hat einen Job. Innerhalb der Gemeinschaft der G20-Staaten sind es nur in Saudi-Arabien weniger. Zudem: Sexuelle Belästigung ist nichts, worüber man in Indien spricht. Das ist diesmal anders. Und das ist beachtlich.

Die Autorin Sonia Faleiro schreibt im Magazin "Foreign Policy": "Mächtigen Männern entgegenzutreten gehört zum Kern der MeToo-Bewegung in den USA. Aber in Indien gelten Männer nicht als mächtig wegen der Jobs, die sie innehaben. Sie gelten als mächtig, weil sie Männer sind."

Es ist daher auffällig, dass fast keine ihre Anschuldigungen in traditioneller Medien vorbringt. Sie schreiben auf Twitter und Facebook, wo ihre Berichte massenweise geteilt werden und niemand darüber entscheidet, worüber es sich geziemt zu berichten und worüber nicht.

Aber die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten. Viele Frauen berichten, wie sie auf Twitter beschimpft werden, wie man ihnen mit Mord und Vergewaltigung droht. Sie teilen den Hashtag #MeToo, aber nicht unbedingt ihre Meinung.

Sie hat einen Anwalt, er aber 97

Und Akbar, der frühere Staatsminister, der alle Vorwürfe gegen sich bestreitet und sagt, es handele sich um eine politische Schmutzkampagne, hat gerichtliche Schritte gegen eine Beschuldigerin angekündigt. Er will sie wegen Verleumdung verklagen. Es ein Kampf, der das Ungleichgewicht zwischen den beiden Seiten zeigt: Sie hat einen Anwalt - er hat 97.

Es ist es schwer zu erklären, warum die #MeToo-Welle gerade jetzt in Indien losgebrochen ist. Vor einem Jahr, als die Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein hochkochten, da diskutierte auch Indien. Aber wann immer die Diskussion in Schwung kam, verebbte sie auch bald wieder.

Diesen Monat erzählte dann die Schauspielerin Tanushree Dutta, wie ein Schauspielkollege sie am Set begrapscht haben soll. Als sie sich zur Wehr setzte, soll er einen Mob Männer auf sie gehetzt haben, der ihren Wagen am Wegfahren hinderte. Nichts an ihrem Bericht war neu. Sie hatte all das schon einmal geschildert: Vor zehn Jahren, als sich der Vorfall ereignete. Damals berichteten die Medien mehrere Tage lang. Und dann geschah: rein gar nichts.

Dutta zog schließlich in die USA. Erst jetzt, zehn Jahre später, ist sie wieder nach Indien gekommen und hat ihre Geschichte noch einmal erzählt. Und plötzlich waren alle betroffen. In einem Interview sagte sie, das sei eine neue Erfahrung: gehört zu werden.



insgesamt 4 Beiträge
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babasikander 28.10.2018
1. Chauvinismus
Ich habe längere Zeit in Indien gelebt und kann bestätigen, dass Frauen meistens wenig Respekt entgegen gebracht wird, wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen. Aber es sind nicht nur Frauen. Meiner Erfahrung nach besteht die komplette Gesellschaft aus roten Linien, aus einer "Wir-und-die-Anderen"-Mentalität, orientiert an Geld, Geld, Geld, dann Religionszugehörigkeit, Bildungsstand, ggf. Kaste, der Unterscheidung Aryan/Dravid etc. pp. Frauen sind hierbei lediglich die Gruppe, auf die sogar noch ein ungebildeter Wanderarbeiter aus der Kaste der Unberührbaren treten "darf". Es sei denn, die Frau gehört zu einer der höheren Kasten. Da kann dann schon mal ein Hilfsarbeiter zu Tode geprügelt werden, weil er die Frau vom Chef aus Versehen am Ärmel gestreift hat. Neben gelegentlich vorkommenden, meist religiös motivierten, Pogromen ist der Sexismus sicherlich die am deutlichsten wahrnehmbare Ausprägung dieses umfassenden Chauvinismus. Aber man kann auch das Gegenteil beobachten. So habe ich in einem Haus gewohnt, in dem alle Religionen friedlich unter einem Dach leben konnten. Es war eine besser situierte Gegend. Mit Wachmann vorm Haus. Geld verbindet - und grenzt ab...
vera gehlkiel 28.10.2018
2.
Was heisst "sie brechen ihr Schweigen"? Ist das ein Mafia-Film? Ist doch wohl eher so rum, dass sie endlich die Gelegenheit haben, öffentlich zu sprechen. Weil sie, namentlich durch die Möglichkeiten des Internet, männlich systemkonformer Deckelung, Verhonepipleung und Relativierung entgehen. Jedenfalls insoweit, dass männlicher Dominanzwillen sich nicht mehr erfolgreich zwischen Frauensolidarität einschiebt. Muss auch mal angesagt werden, wo es sonst vornehmlich um die Nutzbringungen der neuen Medien für Reichsbürger oder Donald Trump geht!
the_tetrarch 29.10.2018
3. Korruption, Chauvinismus, Kasten & kein Ende in Sicht
Indien ist für Frauen eines der grauenvollsten Länder der Welt. Bislang konnten auch herausragende Politiker nichts daran ändern, die Verfassung nicht und Gesetze auch nicht. Solange dort kein Mentalitätswandel stattgefunden haben wird (Futur II, nota bene), werden diese Milliarden nicht Anschluss an den Rest der Welt finden. China und Indien galten vor wenigen Jahrzehnten als die großen Potenziale der Zukunft. Sie standen sozusagen gemeinsam in den Startlöchern. China gehört mittlerweile zur Weltspitze, und von Indien wendet man sich immer noch mit Grausen ab. Die Frauen können einem nur abgründig leid tun. Die Männer können einem auf andere Weise leid tun. Wer andere abwerten muss, um sich selbst besser zu fühlen, ist ein mieses Würstchen.
wintergreen 30.10.2018
4. dazu kommt noch eine Religion
Zitat von babasikanderIch habe längere Zeit in Indien gelebt und kann bestätigen, dass Frauen meistens wenig Respekt entgegen gebracht wird, wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen. Aber es sind nicht nur Frauen. Meiner Erfahrung nach besteht die komplette Gesellschaft aus roten Linien, aus einer "Wir-und-die-Anderen"-Mentalität, orientiert an Geld, Geld, Geld, dann Religionszugehörigkeit, Bildungsstand, ggf. Kaste, der Unterscheidung Aryan/Dravid etc. pp. Frauen sind hierbei lediglich die Gruppe, auf die sogar noch ein ungebildeter Wanderarbeiter aus der Kaste der Unberührbaren treten "darf". Es sei denn, die Frau gehört zu einer der höheren Kasten. Da kann dann schon mal ein Hilfsarbeiter zu Tode geprügelt werden, weil er die Frau vom Chef aus Versehen am Ärmel gestreift hat. Neben gelegentlich vorkommenden, meist religiös motivierten, Pogromen ist der Sexismus sicherlich die am deutlichsten wahrnehmbare Ausprägung dieses umfassenden Chauvinismus. Aber man kann auch das Gegenteil beobachten. So habe ich in einem Haus gewohnt, in dem alle Religionen friedlich unter einem Dach leben konnten. Es war eine besser situierte Gegend. Mit Wachmann vorm Haus. Geld verbindet - und grenzt ab...
in der zahllose "Göttinnen" durch endlose Pujas/Ritualistik/Zeremonien verehrt werden ... in einer Gesellschaft, in der die konkrete, lebendige Frau der letzte Dreck ist. Eine gesellschaftlich/religiöse Schizophrenie ohnegleichen, die durch ein zählebiges Kastensystem gestützt wird und die der indischen Psyche insofern nicht gut tut, weil diese beiden Faktoren entwicklungshemmend sind, auf gesellschaftlicher ebenso wie auf persönlicher Ebene. Womit ich nicht sagen will, dass es in diesem Land keine grossartigen, progessiven Menschen gibt - es gibt sie, aber noch sind es zu wenige.
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