Mexikanische Journalisten 40 Kugeln im Körper

Wer über Mexikos Drogenmafia berichtet, lebt gefährlich: Journalisten werden bedroht, entführt, ermordet. Die Kartelle wollen auch die Öffentlichkeit kontrollieren. Aus Angst haben einige lokale Medien ihre Berichterstattung eingestellt. Wer nicht spurt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

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Hamburg - Valentín Valdés wurde gefoltert. Er wurde misshandelt, weil er über die Verbrechen der Drogenhändler berichtete. Mit zusammengebundenen Beinen fand die Polizei seine Leiche in einem Motel, mehrmals war auf Valdés geschossen worden. Neben seinem Körper lag ein Zettel: "Dies wird denen passieren, die nicht verstehen. Diese Botschaft ist für alle."

Valentín Valdés war Journalist für eine Zeitung in Saltillo im Norden Mexikos. Er kam gerade von der Arbeit, als er Anfang Januar von Männern in zwei Geländewagen entführt wurde. Am nächsten Morgen war Valdés tot. Er war "ein großer Freund", schrieb ein Kollege später, einer, der "seine Aufgabe gut machte": die Öffentlichkeit zu informieren.

Doch wer zu neugierig ist in Mexikos Norden, für den ist der Beruf lebensbedrohlich geworden. "Neben Pakistan ist Mexiko für Journalisten derzeit das gefährlichste Land", erklärt die Organisation Reporter ohne Grenzen. Ihr zufolge wurden seit dem Jahr 2000 mindestens 67 Journalisten ermordet, mindestens zehn seit Beginn des Jahres.

Die Täter bleiben meist ungestraft. Selten führen die Ermittlungen zur strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen, schreibt Amnesty International im Mexiko-Bericht für 2009 - damit entstehe ein "Klima der Straflosigkeit".

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28.000 Menschen wurden im Drogenkrieg seit dem Amtsantritt des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón vor vier Jahren getötet. Die Kartelle verüben grausame Gewalttaten - oftmals um rivalisierende Kartelle abzuschrecken. Aber auch, um die Berichterstattung zu kontrollieren. "Journalisten sind häufig Drohungen sowie körperlichen Attacken während ihrer Arbeit ausgesetzt und müssen in Angst vor Repressalien leben", so Reporter ohne Grenzen.

Ende Juni wurde ein Journalistenehepaar ermordet. Mitte Juli wurde die Leiche des Hörfunkjournalisten Marco Aurelio Martínez Tijerina gefunden - seine Entführer hatten ihm in den Kopf geschossen. Im selben Monat fanden Ermittler Guillermo Alcaraz Trejo: tot, mit mehr als 40 Einschüsse in seinem Körper. Der frühere Kameramann war für die Veröffentlichung von Videos auf der Website der staatlichen Menschenrechtskommission zuständig.

Die Furcht verhindert die Berichterstattung. Die "Washington Post" schrieb jüngst über Schießereien zwischen Soldaten und Gangstern in der nordmexikanischen Stadt Nuevo Laredo. Die verängstigten Bewohner flüchteten, auch Unbeteiligte wurden getötet und Kinder verwundet. Doch die lokalen Medien - drei Fernsehstationen, vier Zeitungen und mehrere Radiosender - hätten den Vorfall verschwiegen.

"Ich will keine Helden hier in meiner Zeitung, es könnte zu gefährlich sein", sagt auch Agustin Lozano, Chefredakteur von "El Bravo" in der Stadt Matamoros, die etwa 300 Kilometer entfernt von Nuevo Laredo liegt. Journalisten müssten vorsichtig sein, sagt Lozano: "Wir sind Reporter, keine Polizisten."

Matamoros an der Grenze zum US-Bundesstaat Texas versucht, Touristen mit einem Golfplatz und einem Folklore-Markt anzulocken. Doch das Leben in den Grenzgebiete ist wenig harmonisch: Hier herrschen die "Narcos", so werden die Drogenhändler genannt. Vergangenes Jahr wurde in Matamoros einer der Bosse der berüchtigten Organisation "Los Zetas" festgenommen. Bei dem Kartellchef fanden Ermittler mehrere Schusswaffen und mehr als 4500 Schuss Munition.

Die Kriminellen diktieren manchmal sogar die Nachrichten, sie haben Berichten zufolge "Pressesprecher" darauf angesetzt, den Redaktionen Botschaften zukommen zu lassen - was sie drucken oder senden dürfen und was nicht. Wer sich dem Druck nicht beugt, muss mit dem Schlimmsten rechnen.

"Dieser Drogenkrieg ist auch ein Krieg der Informationen", sagt Carlos Lauria, Lateinamerika-Direktor des Committee to Protect Journalists. "Die mexikanische Regierung darf diesen Kampf nicht verlieren. Informationen sind essentiell für eine Demokratie."

Ende Juli wurden erneut vier Journalisten verschleppt, als sie über das Treiben einer Gefängnisdirektorin berichten wollten, die Häftlinge mit Waffen ausstattete und Morde in Auftrag gab. Die Entführer gehörten vermutlich zum Sinaloa-Kartell. Sie forderten, dass Fernsehsender Videos ausstrahlten, auf denen rivalisierende Banden der Korruption der lokalen Polizei beschuldigt wurden. Die Filme gingen auf Sendung. Die Journalisten wurden später freigelassen oder konnten gewaltsam befreit werden.

Sie hätten nur ihre Arbeit machen wollen, sagte einer der Kameramänner später mit stockender Stimme. Doch sie seien entführt worden, eine "sehr bittere und traurige Erfahrung": "So etwas wünscht man seinem ärgsten Feind nicht."

Die Erleichterung über die Befreiung hielt nicht lange an: Der Organisation Reporter ohne Grenzen zufolge wurde kürzlich ein weiterer Journalist aus seinem Haus entführt.



insgesamt 1919 Beiträge
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Seite 1
Skandalos, 30.07.2010
1.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Durch die Legalisierung von Drogen in den USA. Dort gibts ja eine aktuelle Initiative, die sich großer Unterstützung quer durch alle Parteien erfreut. Prohibition funktioniert einfach nicht.
karmamarga 30.07.2010
2. Wie entkommen?
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Den Shabab-Milizen das Land schenken. Dann weiss jeder im Land mit wem oder was er es zu tun hat. So wie jetzt geht die Sache endlos weiter.
Ohli 30.07.2010
3. Keine Macht der Drogenmafia
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Die Abteilung der UN, die sich des Themas Drogen angenommen hat, gibt auf ihren jählich stattfindenden Konferenzen in Wien seit 2 Jahren bekannt, das der "War on Drugs", der hauptsächlich in den 80er Jahren von Ronald Reagan proklamiert wurde, verloren ist. Jahrzehnte in denen Milliarden für die Strafverfolgung ausgegeben wurden, umsonst. Der weltweite illegale Drogenanbau hat sich erhöht, die Verkaufszahlen und der Umsatz haben sich erhöht (geschätzte 500 Milliarden US-Dollar wurden im vergangenen Jahr weltweit mit illegalen Drogen umgesetzt). Weiter so wie bisher, bedeutet weitere Profite für die organisierte Kriminalität, weiter Korruption, weiter mit dem Elend und Leid. Eine drogenfreie Gesellschaft ist eine Illusion, sagte einmal der Drogenbeauftragte der Regierung Kohl, Eduard Lintner. Das Ziel muss eine staatlich regulierte Vergabe aller zur Zeit illegalen Drogen sein. Wie eine erfolgreiche Drogenpolitik aussehen kann, zeigt der "Frankfurter Weg" und deren Projekt mit der Heroinvergabe an schwerstabhängige. Regulierung statt Repression, Akzeptanz und Toleranz, statt Stigmatisierung und Strafverfolgung von Konsumenten. Es wäre auf jeden Fall eimal wünschenswert, wenn man sich sachlich und pragmatisch mit dem Thema Drogen auseinandersetzen würde, statt wie bisher polemisch und emotional. Einen schönen Tag noch, wünscht Ohli
Roller, 30.07.2010
4.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Ganz einfach: die Legalisierung aller Drogen.
obi wan 30.07.2010
5. Gegen jede Art von Titeln und Orden!!!!
Keine Ahnung wie Mexiko entkommen kann. Ich kann nur sagen: Sicher nicht durch so politisch vielleicht korrekte aber vollkommen nutzlose Konzepte wie Rauschgift legalisieren, Dialog suchen u.ä. Mal sehen wann hier die Ersten hier auftauchenk, die so etwas als alleiniges Allheilmittel ernsthaft verkaufen wollen.
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