Polit-Affäre in Mexiko Ein Harem auf Parteikosten

Ein Sexskandal erschüttert Mexiko: Ein ranghoher Politiker der Regierungspartei PRI soll mehrere Frauen für Liebesdienste mit Parteigeldern bezahlt haben. Die Affäre bringt auch Präsident Nieto in Bedrängnis.

Mexikanischer Skandalpolitiker Gutiérrez de la Torre: Hostessenservice mit Mitteln der Partei
Twitter/ @ComitePRIDF

Mexikanischer Skandalpolitiker Gutiérrez de la Torre: Hostessenservice mit Mitteln der Partei

Von , Mexiko-Stadt


Selbst für ein skandalerprobtes Land wie Mexiko ist bizarr, was Cuauhtémoc Gutiérrez de la Torre, dem Chef der Institutionalisierten Revolution (PRI) von Mexiko-Stadt, vorgeworfen wird. Der 45-jährige Politiker soll sich über Jahre hinweg auf Parteikosten eine Art Harem aufgebaut haben. Er soll Hostessen engagiert haben, die für ihn Liebesdienste verrichten mussten.

Ans Licht brachte den Fall eine Journalistin des Radiosenders Noticias-MVS mit einer Undercover-Reportage. Sie meldete sich auf eine Zeitunganzeige, in der es hieß: "Frauen zwischen 18 und 32 Jahren für Arbeit in Regierungsbüros gesucht, flexible Arbeitszeiten, Bezahlung zwischen 8000 und 14.000 Pesos." Das sind etwa 450 bis 780 Euro. Zum Vergleich: Der Mindestlohn in Mexiko-Stadt liegt bei monatlich rund 85 Euro.

Die Reporterin rief an, bekam einen Vorstellungstermin, nahm ein Aufnahmegerät mit und berichtete, belegt mit Audiodokumenten, anschließend Folgendes: "In dem Gespräch wurden meine Maße und mein Gewicht aufgeschrieben. Zunächst wurde ich im Unklaren darüber gelassen, was meine eigentliche Aufgabe sein sollte."

Künftigen Chef "liebevoll behandeln"

Erst nachdem die Assistentinnen des Parteichefs Vertrauen zu ihr aufgebaut hätten, wären sie mit dem wahren Anliegen herausgerückt, berichtet die Journalistin. In dem heimlichen Mitschnitt ist zu hören, wie ihr geraten wird, ihren künftigen Chef "liebevoll zu behandeln" und immer "mit Küsschen zu begrüßen", so als seien sie Freunde seit langer Zeit.

Dann erst wird der vermeintlichen Bewerberin erklärt, dass die Arbeit auch "Abendtermine" beinhalte, bei denen die Aspirantinnen bereit sein müssten, "Oral- oder Vaginalsex mit Cuauhtémoc Gutiérrez" zu haben. Weiter heißt es in der Aufnahme: "Du hast nur mit ihm zu tun, aber nicht jeden Tag, er nimmt dich auch nicht in ein Hotel mit."

Voraussetzung für den Job sei absolute Diskretion: "Natürlich schützt er sein Image", betont die Assistentin des Parteichefs konspirativ auf dem Band. Haben die Bewerberinnen bis dahin durchgehalten und werden von den Mitarbeiterinnen des Politikers für passend befunden, müssen sie bei Gutiérrez de la Torre selbst vorsprechen, der danach den Daumen hebt oder senkt. Als Bezahlung wurden der Reporterin 11.000 Pesos (rund 620 Euro) angeboten, "steuerfrei und plus Trinkgelder". Formell werde sie als PRI-Mitarbeiterin geführt, hieß es.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Noch während der Radiosender über den Fall berichtete, rief Gutiérrez de la Torre dort an und wies alle Anschuldigungen von sich. Dennoch reagierte seine Partei umgehend und enthob den Parteichef der Hauptstadt nur Stunden später "bis auf weiteres" seines Postens. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ein Parteiausschlussverfahren läuft. Aber mittlerweile geht es nicht mehr nur um Prostitution. Fast jeden Tag melden sich Opfer oder Ex-Mitarbeiter von Gutiérrez und berichten von Menschenhandel. Die Frauen, die er eingestellt habe, seien später regelrecht weiterverkauft worden.

Gutiérrez de la Torre ist offenbar ein Wiederholungstäter. Bereits 2003 berichtete die Tageszeitung "Reforma" über einen ähnlichen Ring von privaten Prostituierten, den der schwergewichtige Politiker organisiert haben sollte. Damals war er noch einfacher Abgeordneter des Parlaments in Mexiko-Stadt. Er soll rund 20 Hostessen unter Vertrag gehabt haben, die ihn und seine Parteikollegen auf dienstliche und private Termine begleiteten. Angeblich wurden die Frauen damals in Osteuropa, Südamerika und Kuba angeheuert. Konsequenzen gab es anders als jetzt für Gutiérrez de la Torre nicht - weder politisch noch strafrechtlich.

"Eine von tausend Formen des Machtmissbrauchs"

Für die PRI und ihren Präsidenten Enrique Peña Nieto könnte der Skandal kaum peinlicher sein. Die Partei der Institutionalisierten Revolution regierte von 1929 bis 2001. Für viele Mexikaner sind diese Jahrzehnte gleichbedeutend mit Amtsmissbrauch und absolutem Autoritätsanspruch. Seit 2012 ist die PRI wieder an der Macht - und besonders Staatschef Nieto bemüht sich, die größte und mächtigste politische Gruppierung des Landes auf einen neuen, skandalfreien Kurs zu trimmen.

Politiker aller Parteien fordern Konsequenzen in der Prostituierten-Affäre, der Staatschef schweigt lieber. Politologen und Publizisten hingegen kommentieren den Fall weithin und stimmen darin überein, dass es für die Regierungspartei noch ein weiter Weg bis zur demokratischen Normalität sei.

"Der Fall Gutiérrez ist nur eine traurige Anekdote und zeigt, wie sehr die Korruption Bestandteil des politischen Systems Mexikos ist", sagt Sergio Aguayo, Hochschullehrer am Forschungsinstitut Colegio de México im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Gemeinsam mit der Gewalt und der Ungleichheit sind käufliche Politiker der schwerste Ballast Mexikos."

"Cuauhtémoc Gutiérrez ist nicht das Schlimmste, was die PRI zu bieten hat", schreibt Alejandro Paéz Varela. "Erst wenn bestechliche Gouverneure, kriminelle Ex-Gouverneure und gekaufte Gewerkschaftschefs zur Verantwortung gezogen sind, werden wir applaudieren", schreibt der Publizist.

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Skandalos, 30.07.2010
1.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Durch die Legalisierung von Drogen in den USA. Dort gibts ja eine aktuelle Initiative, die sich großer Unterstützung quer durch alle Parteien erfreut. Prohibition funktioniert einfach nicht.
karmamarga 30.07.2010
2. Wie entkommen?
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Den Shabab-Milizen das Land schenken. Dann weiss jeder im Land mit wem oder was er es zu tun hat. So wie jetzt geht die Sache endlos weiter.
Ohli 30.07.2010
3. Keine Macht der Drogenmafia
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Die Abteilung der UN, die sich des Themas Drogen angenommen hat, gibt auf ihren jählich stattfindenden Konferenzen in Wien seit 2 Jahren bekannt, das der "War on Drugs", der hauptsächlich in den 80er Jahren von Ronald Reagan proklamiert wurde, verloren ist. Jahrzehnte in denen Milliarden für die Strafverfolgung ausgegeben wurden, umsonst. Der weltweite illegale Drogenanbau hat sich erhöht, die Verkaufszahlen und der Umsatz haben sich erhöht (geschätzte 500 Milliarden US-Dollar wurden im vergangenen Jahr weltweit mit illegalen Drogen umgesetzt). Weiter so wie bisher, bedeutet weitere Profite für die organisierte Kriminalität, weiter Korruption, weiter mit dem Elend und Leid. Eine drogenfreie Gesellschaft ist eine Illusion, sagte einmal der Drogenbeauftragte der Regierung Kohl, Eduard Lintner. Das Ziel muss eine staatlich regulierte Vergabe aller zur Zeit illegalen Drogen sein. Wie eine erfolgreiche Drogenpolitik aussehen kann, zeigt der "Frankfurter Weg" und deren Projekt mit der Heroinvergabe an schwerstabhängige. Regulierung statt Repression, Akzeptanz und Toleranz, statt Stigmatisierung und Strafverfolgung von Konsumenten. Es wäre auf jeden Fall eimal wünschenswert, wenn man sich sachlich und pragmatisch mit dem Thema Drogen auseinandersetzen würde, statt wie bisher polemisch und emotional. Einen schönen Tag noch, wünscht Ohli
Roller, 30.07.2010
4.
Zitat von sysopGrausige Morde, blutige Kämpfe: In Mexiko eskaliert der Drogenkrieg. Tausende Soldaten haben die Grenzregion zu den USA nicht befrieden können. Politiker, Unternehmer, Polizei - viele sind in die Geschäfte der mächtigen Dealer verstrickt. Wie kann das Land der Rauschgiftmafia entkommen?
Ganz einfach: die Legalisierung aller Drogen.
obi wan 30.07.2010
5. Gegen jede Art von Titeln und Orden!!!!
Keine Ahnung wie Mexiko entkommen kann. Ich kann nur sagen: Sicher nicht durch so politisch vielleicht korrekte aber vollkommen nutzlose Konzepte wie Rauschgift legalisieren, Dialog suchen u.ä. Mal sehen wann hier die Ersten hier auftauchenk, die so etwas als alleiniges Allheilmittel ernsthaft verkaufen wollen.
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